Begegnungen mit Peggy Guggenheim

Peggy im Palazzoland

Meine Hunde, meine Hollywood-Schaukel, mein Steinthron: 1969 und 1974 besuchte der Fotograf Stefan Moses gleich zweimal eine lebende Legende in ihrer Wahlheimat Venedig. Peggy Guggenheim ließ sich vor seiner Farb-Linse durch den Canal Grande rudern, faulenzte auf der Terrasse mit ihren geliebten Lhasa-Terriern und präsentierte persönlich die Lieblingsstücke ihrer Sammlung. Ein Bildband versammelt jetzt die besten Momente einer bisher wenig bekannten Begegnung, die reichlich Selbstironie, aber auch schwermütige Abwesenheiten der Kunstmäzenin zuließ.
Peggy im Palazzoland

Peggy Guggenheim auf dem Canal Grande, Venedig

Was ist drin?    

Ein Potpourri aus 123 größtenteils noch nie publizierten, alltäglichen Beobachtungen, häufig aufgenommen in Reportage-Sequenzen und getragen von unterschiedlichen Stimmungen der Porträtierten, samt des zum ersten Mal veröffentlichten privaten Familienalbums, das der Münchner Besucher abfotografieren durfte.

Es ergänzt Peggys Palazzoexistenz um assoziativ geordnete Fotografien aus ihrer Kindheit, den diversen Künstler-Beziehungen und nicht zuletzt auch in der Rolle der Mutter zweier Kinder. Achtung: Manch ein unscheinbares Bild dieses aufs Fotopapier gebannten Sammlerinnengedächtnisses geht auf das Konto einer Berühmtheit vom Schlage eines Man Ray oder Berenice Abbott.

Die These?

Auch steinreiche Selbstdarsteller sind nur Menschen. Sie laufen konzentriert über wacklige Wasserstege, füttern Tauben am Markusplatz, albern mit fremden Kindern am Renaissanceportal des Arsenal herum, begutachten mögliche Neueinkäufe im Liegen und schieben ihre Trophäen im Wohnzimmer und den Schauräumen kalkuliert hin und her, damit Scharen von Besuchern auf ihre Kosten kommen können. Dazu gehörte für die Gastgeberin des Palazzo Venier dei Leoni auch ihre eigene museale Präsenz. Glaubt man den wie beiläufig geschossenen Aufnahmen, begab sie sich regelmäßig mitten in den Trubel des Eingangsbereichs. Und genoss es mit einem grandiosen Satisfaktionslächeln!

Schönste Seite?

Guggenheim hantiert mit einem viel zu kleinen Spiegel und versucht sich, auf ihrer Hollywood-Schaukel wippend, die Haare zu frisieren. Das Manöver will nicht recht gelingen. Selbst die Hunde verlieren die Geduld und schauen lieber auf den Kanal. Vor ihnen ziehen Kolonnen von Vaporettis Richtung Ponte dell´Academia vorbei. Die anrückende Biennalekarawane? Oder doch nur dolce far niente in bella Venezia?

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Der Autor?

Der 1928 geborene Stefan Moses, der seine Anfangsbuchstaben immer klein schreibt, war über Jahrzehnte einer der gefragtesten Fotografen der Bundesrepublik. Er fotografierte Menschen in ihrem Arbeitsumfeld, aber auch jede Menge Prominente wie Adorno, Brandt, Bachmann, Gropius, Dix, Frisch und viele andere. Einige wenige Motive aus der zweifachen Guggenheim-Serie waren 1971 im ZEIT-Magazin und 1974 im Kölner Stadt-Anzeiger zu sehen. Thomas Elsen, der den einführenden Text beisteuert, ist Kunsthistoriker, Kurator und Leiter des H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast Augsburg.

Das Zitat?

Stefan Moses: „Eigentlich wollte ich ja auch die Bilder fotografieren, deshalb hatte ich so viele Farbfilme dabei.“ Was für ein Glücksfall, was wäre schließlich Peggys exzentrische Garderobe ohne ihre Vorliebe für kräftigste Regenbogenfarben. Vor dieser gelebten, von Moses vorurteilsfrei eingefangenen Farbfeldmalerei erscheint ihr in die Jahre gekommenes Gesicht wie die aufs Wesentliche reduzierte Landkarte für die Begehung eines Denkmals.

Peggy im Palazzoland

Wer braucht das?

Alle, die ein Venedig erleben wollen, das noch nicht von Billigtourismus erstickt wurde und die schon immer wissen wollten wie Peggy Guggenheim so privat war, zum Beispiel was aß sie zum Mittagessen? Wie sah ihre Getränkebar aus? Wo waren ihre Hunde begraben? Welche Beziehung hatte ihr Hauskater zu Günther Ueckers Nagelkunst? Wo stand der Thron der letzten „dogaressa“?

Was gefällt?

Der Mann mit der Kamera muss die Technik des sich Unsichtbarmachens beherrscht haben. Erstaunlich viele Aufnahmen zeigen eine tief in sich versunkene, abwesende, beinahe depressive Guggenheim. Das kann etwas mit ihrer Tochter Pegeen Vail zu tun gehabt haben, die sich 1967 das Leben genommen hatte. Oder schlicht mit einer Biografie, der es trotz der vielen realisierten Träume an familiären und persönlichen Tragödien nicht mangelte.

Was ätzt die Kritikerin?

In Guggenheims schwarz-weißen Privatalben hätte man gerne länger geblättert. Aber das lässt sich hoffentlich noch in einem Fortsetzungsband nachholen? Oder hatte Stefan Moses etwa nicht genug passende Filme dabei?

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Schon das Cover ist ein Eyecatcher, der den Zugreifreflex stimuliert: Guggenheim posiert, flankiert von ihren Schmusekötern, auf einer lederroten Gondel-Rückbank. Ihre roten Strumpfhosen und der rote Lippenstift kontrastieren aufs Extravaganteste mit der alienhaften Sonnenbrille unter der grauen Helmfrisur. Den Gesichtsausdruck kann man nur unter cool verbuchen. Nach diesem Auftakt freut man sich über jeden ihrer wenig verbergenden Blicke, möge er noch so arriviert, abgeklärt oder nur tief traurig sein: 3.

Gewicht:

1070 Gramm.

Stefan Moses: Begegnungen mit Peggy Guggenheim

Hardcover, 144 Seiten, erschienen beim Elisabeth Sandmann Verlag, München, 48,00 Euro

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.