Bookmark: Sous les Bombes sans la Guerre

Flächendeckend bombardiert

Hier trifft Comic auf christliche Malerei, Kommunismus auf Kommerz und der Sohn auf seinen sterbenden Vater. L.L. de Mars wirft mit seinen Bilderwelten existentielle Fragen auf und verarbeitet dabei sein ganz persönliches Schicksal.
Flächendeckend bombardiert

Was ist drin?

In "Sous les Bombs sans la Guerre“ verarbeitet L. L. de Mars den Tod seines Vaters. Dafür wählt er Figuren aus "Pif Gadget“, einer französischen Jugendzeitschrift, die stets mit einem kleinen Spielzeug als zusätzlichem Kaufanreiz daherkommt. In Deutschland wird dieses Vermarktungskonzept ab 1975 übernommen und als "Yps mit Gimmick“ erfolgreich.

Stilistisch setzt Mars auf Vielfalt: Von Anleihen bei Jackson Pollocks Action Painting über die detaillierte Finsternis eines Gustave Doré bis hin zum gemäldeartigen Heiligenbild ist alles vertreten. Diese Diversität setzt sich durch den Einsatz kraftvoller Farben wie auch von zarten Pastelltupfern fort, welche die jeweilige Tonart bestimmen. Dabei kommt der Comic fast komplett ohne Worte aus – lediglich einige wenige Seiten beinhalten Text, darunter eine Gewichtsverluste betreffende Konversation, die über den Umweg der Ernährung die Richtung zum Sterbebett einschlägt.

Was ist die These?

"Pif Gadget“, eine kommerziell erfolgreiche Jugendzeitschrift der kommunistischen Partei Frankreichs, entstand ursprünglich als Untergrundpublikation im Zweiten Weltkrieg. Der Werdegang des Hefts kann als Subtext zu dem von Mars in schmerzhafter Intensität dargestellten Verfall des Lebens gelesen werden. Unabhängig von dieser Interpretation ist der Einsatz des populären und mit Attributen der Niedlichkeit ausgestatteten Hundes Pif ein Kunstgriff, der sich die verklärte Erinnerung an eine vermeintlich unschuldigere Vergangenheit zu Nutze macht. Konstant im Denken schwelende Verlustängste und das Wissen um die Endlichkeit aller Dinge erfahren so Verstärkung.

Die schönste Seite?

Eine Doppelseite, welche zuerst im ganzseitigen Einzelbild den bis auf die Knochen abgemagerten Pif sowie dessen faltige Haut in feinstrichiger Symbiose mit einem ebenfalls faltenwerfenden Laken auf dem Krankenbett abbildet. Das dominierende Schwarz gestattet lediglich knapp bemessenen weißen Arealen Raum, die einen Infusionsbeutel und ein aus dem Unterleib austretendes Rinnsal in den Blickverlauf rücken.

Flächendeckend bombardiert

Im Folgepanel wird durch das Hinzufügen von Rot zur austretenden Körperflüssigkeit nachdrücklich die Vergeblichkeit dieser lebenserhaltenden Maßnahme signalisiert. Deren weitere farbkompositorische Auflösung in Rosétöne, die letztlich als leises Violett auf weißem Lakengrund einsickern, versöhnen aber ebenso den Leidensprozess mit der Erlösung, die nun nicht mehr in menschlicher Hand liegt. Diese Aussage wird durch die in Kreuzformation arrangierten drei Panels hervorgehoben.

Der Künstler

L. L. de Mars ist der Gründer der Website "Le Terrier“, die sich mit Musik, Kunst und Literatur befasst. Die Beschäftigung mit Comicwerken zieht sich durch Mars' Werk: So widmete er sich letztes Jahr dem den amerikanischen Comic maßgeblich prägenden Jack Kirby, für den Juni 2017 ist ein Comic über Tarzan angekündigt. Er ist zudem ein Befürworter der sich gegen Nutzungseinschränkungen bei Bearbeitungen verwahrenden Copyleft-Praxis, was sich augenscheinlich am Œuvre des Künstlers ablesen lässt.

Das Zitat

"Je ne veux pas.“

Wer braucht das?

Krankenhausbibliotheken und Palliativstationen wären mit dem Erwerb dieses Werkes gut beraten. Es unterscheidet sich von dem heilsversprechenden Charakter der Werke beispielsweise einer Elisabeth Kübler-Ross, die eine Mitbegründerin moderner Sterbeforschung war und ein Leben nach dem Tod für gesetzt hielt, allein dadurch, dass L. L. de Mars keine Befriedung der Verzweiflung über halbseidene Spekulationen versucht, sondern durch sinnansprechende Bilderwelten selbständige Denkprozesse auszulösen vermag.

Das gefällt

Der künstlerische Ansatz, existenzielle Fragen mittels eines Phänomens der Populärkultur mit einer zwiespältigen Biografie zwischen Kommunismus und Kommerz zu ergründen, symbolisiert gelungen die Dualität von Leben und Tod.

Das ätzt der Kritiker

Ein Gimmick als Dreingabe wird schmerzlich vermisst.

Coffee-Table-Faktor

100 Prozent kaffeetischtauglich. Der Kaffee erkaltet, und das dazu gereichte Gebäck wird angesichts des Strips über die Völlerei freundlich, aber bestimmt abgelehnt werden.
 
Gewicht

Inhaltlich schwerwiegend, überformatig wie ein Grabmonument.

L.L. De Mars: Sous les Bombes sans la Guerre

Heft mit Umschlag, 52 Seiten, 16,00 €, erschienen bei Editions Tanibis, Villeurbanne

Website des Verlags: www.tanibis.net

Bücher
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