Entryways of Milan

Eintreten bitte

Mailand ist nicht nur Modemetropole: Spektakuläre Fotografien von simplen Hauseingängen zeigen, dass in der norditalienischen Stadt auch alltägliche Dinge mit viel Stil zelebriert werden
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Casa Melandri, Gio Ponti, Alberto Rosselli 1954–57

Was ist drin?

Fotografien von Hauseingängen zwischen 1930 bis 1970 – das riecht nach Stoff für eine triste Bestandsaufnahme von deutschen Mietskasernen, wenn der Ort nicht auf die Fashion- und Designhauptstadt Mailand festgelegt wäre, wo simple Wohnhaustüren, Portale, Stiegenaufgänge und Korridore seit jeher mit gestalterischer Vielfalt von Modernismus bis Postmoderne glänzen.

Bisazza-Glasmosaik, Marmorstatuen, viel Gold und dunkles Holz: Bei einigen der 144 Fotografien ist kaum zu glauben, dass es sich bei den schmucken Hallen lediglich um ordinäre Eingangsräume handelt. Dass trotzdem keiner der Räume protzig wirkt, verdanken die Mailänder wohl ihrem ganz besonderen Sinn für Understatement. Sprezzatura eben.

Was ist die These?

Lobbies und Eingänge sind Un-Orte, seltsame Zwischenwelten zwischen Innen und Außen. Ist nun der Grenzbereich eigentlich niemals das eigentliche Ziel der Besuchenden, hat genau diese Grenze dennoch wichtige Repräsentationsfunktion in der Eintritts-Choreographie. Und gerade in der Modemetropole Mailand, da nehmen die Lobbies diese Funktion so richtig ernst, ob in Form von knallbuntem Postmodernismus, gediegenem Art Deco oder kühlem Modernismus.

Der Herausgeber?

Karl Kolbitz ist in Berlin ansässiger Redakteur und konzentriert sich auf Kunst- und Architekturpublikationen. Für das vorliegende Werk versammelt er Fotografien von Delfine Sixto Legnani, Matthew Billings und Paola Pausini.

Das Zitat?

"Few conventions of Architecture are as omnipresent, and at the same time as taken for granted, as the threshold". (Wenige Architekturelemente sind derart omnipresent und dabei gleichzeitig so unbeachtet wie die Schwelle), Daniel Sherer in einem Essay am Beginn des Buchs 

Die schönste Seite? 

Die meisten der Hauseingänge scheinen in perfektem Urzustand zu sein. Umso witziger ein nachträglich eingebautes Detail auf Seite 165: Wahrer Coolness kann auch ein Rollstuhl-Treppenlift nichts anhaben. 

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Was gefällt? 

Das Coffee-Table-Book glänzt auch besonders mit dem Service-Teil, gibt Informationen über Architekten und Materialien. Und das Beste: Eine Karte verortet alle Eingänge im Stadtgebiet.

Was ätzt der Kritiker?

Nur purer Neid angesichts des eigenen, trostlosen Hausflurs könnte hier zu einer kritischen Äußerung führen. 

Wer braucht das? 

Architektur-Afficionados und Freunde der (nord)-italienischen Lebensart.

Coffee-Table-Faktor:

5 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") – groß, weiß mit schwarzem Trauerrand, unübersehbar und doch schlicht – eine starke Ansage am Kaffeetisch. 

Gewicht: 

Mindestens 2 Kilo

Entryways of Milan - Ingressi di Milano

Hardcover, 384 Seiten, TASCHEN Verlag, 49,99 Euro

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.