Bookmarks: Visual Vinyl

Beste Komplizen

Die Liaison zwischen Rock, Pop und bildender Kunst wurde seit den späten fünfziger Jahren nicht nur von vielbegabten Kunststudenten vorangetrieben, die in ihrer Freizeit zur Gitarre und Mikro griffen und damit nicht selten größere Erfolge feierten als in ihrer eigentlichen Profession. Auch Meister ihres Fachs wie Gerhard Richter, Andy Warhol oder Hermann Nitsch lieferten Vorlagen für Plattencover. Der Bildband "Visual Vinyl" versammelt jetzt ikonische und weniger bekannte Preziosen dieser besonderen Symbiose und feiert den physischen Tonträger als Spielwiese für kreatives Cross Over.
Beste Komplizen

Plattencover von Roy Lichtenstein

Was ist drin?

Chronologisch sortierte Vinylkunst aus der über 2000 Objekte umfassenden Sammlung des Niederländers Jan van Toorn. Darunter finden sich schillernde Namen wie Marcel Duchamp, Salvador Dalí, Joseph Beuys, Jean-Michel Basquiat, Martin Kippenberger, Sarah Lucas oder Banksy. Die Kollektion spiegelt nicht zuletzt auch eine beeindruckende Vielfalt an Kunstrichtungen wider, vom Dadaismus über Pop Art und Fluxus bis zur Konzeptkunst.

 

Die These?

Seht her, was ihr alles in Zeiten von Streamingdiensten und seelenlosen Downloads verloren habt: ein haptisch erfahrbares Gesamtkunstwerk aus Ton und Optik, das dem jeweiligen Zeitgeist schmeichelt und manch einer Band zum Kultstatus verholfen hat. Was wäre schließlich die New Yorker Band Sonic Youth ohne die Cover von Gerhard Richter, James Weeling, Mike Kelley, Richard Prince, Jeff Wall oder Christopher Wool? Und selbst auf die Texte hat die Kunstaffinität der Gruppe abgefärbt. Der Song "Brave Men Run" etwa ist inspiriert von einem Gemälde  Ed Ruschas, der wiederum für den Gitarristen Mason Williams eine verwirrend lakonische Hülle mit dem Titel "Music" im Zentrum entwarf. Dass alle Wege zum Cover führen, bewies auch schon Jack White von den White Stripes. Er nannte seine LP aus dem Jahr 2000 augenzwinkernd "De Stijl" und gestaltete die Vorderseite in dem passenden Design der niederländischen Kunstrichtung.

 

Beste Komplizen

Von Wolfgang Müller gestaltetes Boxset für Die tödliche Doris

Schönste Seite?

Das von Wolfgang Müller gestaltete Boxset der deutschen Band Die tödliche Doris aus dem Jahr 1983. Statt schwarzer Schallplatten trifft man in der grünen Box mit dem Titel "Chöre & Soli" auf bunte Mini-Ausgaben des Tonträgers, ein orangenes Abspielgerät, eine Batterie und ein Leseheft. Ein veritables Sammlerstück.

Der Autor:

Hinter dem Herausgeber SCHUNCK verbergen sich die Kuratoren Lene ter Haar, Cynthia Jordens und Danny Brassé, die 2015 auch die Ausstellung "Visual Vinyl" im gleichnamigen Museum SCHUNCK in Heerlen verantwortet haben.

Das Zitat:

Jan van Toorn, der stolze Besitzer der Covers-Schatztruhe, über sein Credo: "Als Sammler und Connoisseur sollte man nie etwas akzeptieren ohne es zu hinterfragen. Ich höre nicht auf Fragen zu stellen, öffne mich neuen Entdeckungen. Wenn man dran bleibt, wird die Sammlung eine eigene Schönheit entwickeln.Eine neue Entität entsteht dann, eine persönliche Perspektive, die Menschen beeindrucken kann, weil sie nie auf diese Weise ein Phänomen betrachtet haben. Ein solches Neuarrangement, eine andere Ordnung von etwas, das fast jeder in einem Schrank zu Hause hat, ist wunderbar. Und es beweist, dass alles relativ ist.“

Wer braucht das?

Angesichts der vorbildlich enzyklopädischen Diskographie kommt man nicht umhin, das Buch als Nachschlagewerk allen Connoisseuren zu empfehlen, deren Sammlung noch nicht vollständig ist. Für den Rest ist es höchste Zeit, über den einen oder anderen Cover-Rand hinauszuschauen.

Beste Komplizen

Cover von "Visual Vinyl", Verlag Kettler, Dortmund

Das gefällt:

Die Mischung aus Klassikern, Unikaten und ausufernder Peripherie lässt keine Wünsche offen. Hier lassen sich noch kuriose Entdeckungen machen, wie etwa Christian Marclays Züricher Installation "Footsteps" von 1989, inklusive der mit Fußspuren verdreckten 3500 Schallplatten. Wie sich wohl die drei Exemplare aus der dazugehörigen Box unter der kratzenden Nadel anhören?

Das ätzt die Kritikerin:

Ein Buch über die unendliche Welt künstlerisch wertvoller Plattencovers hätte seine Liebeserklärung auch im eigenen Format unterstreichen können. Statt LP-Ausmaßen wird man aber mit einem handlichen Quadrat abgespeist, das sich etwas vage an der Singles-Größe orientiert.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Der Buchdeckel lockt mit schwarzem Vinyl-Glamour, drinnen basteln sich Generationen von Künstlern ihre tragbare Werbefläche zusammen und erweisen den komponierenden Kollegen ihre Reverenz. So findet Jeff Koons mit Lady Gaga zusammen und ein Raymond Pettibon mit den Punk-Heroen Black Flag. So viel Win-Win-Komplizenschaft macht süchtig: 3.

Gewicht: 384 Gramm.

Visual Vinyl

Herausgeber: Schunck, 224 Seiten, erschienen beim ,  Preis: 39,90 Euro