Bookmarks: Wüstungen

Spurensuche an der Grenze

Mit Kamera und Notizblock haben die Fotokünstler Anne Heinlein und Göran Gnaudschun abgerissene Ortschaften an der ehemaligen Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik erkundet, die sogenannten „Wüstungen“ – so auch der Titel ihres äußerst lesenswerten Katalogbuchs.
Spurensuche an der Grenze

Anne Heinlein: "Zarrentin- Strangen", 2008, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Bebaut: 1911, Gewüstet: 1972

Was ist drin?

"Wüstungen" ein Begriff, der nicht unbedingt zu unserem aktiven Wortschatz gehört. Es ist der Titel eines Katalogbuchs der Fotokünstler Anne Heinlein und Göran Gnaudschun. Wüstungen sind in diesem Fall ehemalige Dörfer an der innerdeutschen Grenze, die noch bis Ende der achtziger Jahre dem Erdboden gleichgemacht wurden, da sie der DDR-Grenzsicherung im Wege waren.
 

 

Die Bewohner wurden zwangsweise umgesiedelt, mussten oft ihre Höfe binnen kürzester Zeit und mit nur einem Koffer Gepäck verlassen. Auch nach der Wiedervereinigung konnten die Menschen nicht zurück auf ihr Land, da der ehemalige Grenzstreifen inzwischen als Naturschutzgebiet ausgewiesen war – das sogenannte "Grüne Band".

Anne Heinlein und Göran Gnaudschun haben die Wüstungen aufgesucht, um dem damaligen Leben in diesen Orten nachzuspüren und deren Aura auf sich wirken zu lassen, die diese immer noch ausstrahlen, obwohl die Natur die einstigen Siedlungen längst überwuchert und zurückerobert hat. Anne Heinlein hat mit ihrer Großbildkamera eindringliche Schwarzweißfotos gemacht, die detailreich das Nichts der einst lebendigen Ortschaften wiedergeben. Ihre Fotos sind in dem Buch denen aus Familienalben ehemaliger Dorfbewohner gegenübergestellt, auf denen unter anderem die Höfe, spielende Kinder oder festliche gekleidete Konfirmandinnen zu sehen sind. Dazu hat Göran Gnaudschun vor Ort ebenso poetische wie spannende Texte geschrieben, in denen er Berichte von Zeitzeugen, Archivfunde und ganz subjektive Eindrücke und Gedanken miteinander verquickt.

Was ist die These?

"Die Landschaft hat schon verziehen. Aber die Menschen leben noch. (...) Man sieht die Grenze nicht mehr, aber sie ist noch da. Die Menschen, die dort gewohnt haben, können nicht vergessen. Heimat ist Heimat."

 

Der scharfe Trennstrich
Der Illustrator Viktor Hachmang erzählt die Geschichte eines Kunst-Attentats – in einer so klar kontrastierenden und unaufgeregten Bildsprache, dass sie seinem Opfer alle Ehre macht: Piet Mondrian

Die schönste Seite?

Am meisten beeindruckt hat mich das Foto einer Wüstung (Seite 134/135), die ich seit vielen Jahren kenne, aber nie wirklich bewusst als solche wahrgenommen habe. Die Wüstung Zarrentin-Strange, eine knappe Autostunde von Hamburg entfernt, habe ich viele Male seit der Wiedervereinigung bei Spaziergängen am Schaalsee durchquert, ohne zu wissen, dass dieses idyllische Naturschutzgebiet noch bis Anfang der siebziger Jahre besiedelt war.

 

Die Fotografin/der Autor

Anne Heinlein (geboren 1977) und Göran Gnaudschun (geboren 1971) sind gebürtige Potsdamer und haben künstlerische Fotografie und bildende Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Timm Rautert studiert. Sie leben in Potsdam.

Spurensuche an der Grenze

Anne Heinlein: "Groß Grabenstedt", 2008, Landkreis Salzwedel, Erstmals urkundlich erwähnt: 1291

 

Das Zitat

"Kohlbach: Wir warten. Zwischen Sträuchern, Kuhfladen und niedrigen Büschen unterhalb der Baumgruppe auf einer Wiese. Wir warten auf das richtige Licht. Es ist zu sonnig, und es ziehen Wolken durch das Stück Himmel, das wir oberhalb der Baumgruppe im Bildausschnitt haben. Wir wollen Ruhe im Bild. Einfach einen flächig grauen Himmel und nichts weiter, keine Schatten, keine besondere Lichtstimmung, keine Dramatik. Nichts soll von dem ablenken, was man sieht." (Seite 113)

Wer braucht das?

Alle, die sich nicht nur für Fotokunst, sondern auch für die deutsche Geschichte interessieren, und die zu einem Bild auch gern tausend Worte lesen.

Das gefällt

Das Buch setzt den gewüsteten Ortschaften ein essayistisches und fotografisches Denkmal und arbeitet ein wenig beleuchtetes Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte künstlerisch auf.

Was ätzt die Kritikerin?

Die Texte laufen zum Teil zu weit in den Bruch, was die Lesbarkeit stört.

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.

Coffee-table-Faktor

3 (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände") Der Umschlag macht neugierig: Blutrot steht da "Wüstungen" auf düsterem Dickicht – gruselige Tatort-Optik.

Gewicht

900 Gramm – unter den Fotobänden eher ein Leichtgewicht.

Anne Heinlein, Göran Gnaudschun: Wüstungen

176 Seiten, rund 120 Abb., 39,90 Euro, erschienen im Distanz Verlag