Bookmarks: Book Of Void

Der scharfe Trennstrich

Der Illustrator Viktor Hachmang erzählt die Geschichte eines Kunst-Attentats in einer so klar kontrastierenden und unaufgeregten Bildsprache, dass sie seinem Opfer alle Ehre macht: Piet Mondrian.
Der scharfe Trennstrich

Was ist drin?

Als Gerard Jan van Bladeren im März 1986 das Gemälde ''Who's Afraid of Red, Yellow and Blue III'' von Barnett Newman, einem Vertreter des abstrakten Expressionismus, attackierte, legte er damit unwissentlich die Grundlage für einen dreißig Jahre später erscheinenden Comic von Victor Hachmang. Der in Den Haag lebende Illustrator lässt in seiner poetischen Bildgeschichte "Book Of Void" nämlich einen unbekannten Ich-Erzähler ein Gemälde von Piet Mondrian mit einem Samurai-Schwert durchtrennen. Minutiös und mit einer beeindruckenden grafischen Klarheit schildern seine Bilder die Abläufe vor dem eigentlichen Attentat.

Was ist die These?

Der von Hachmang in Titel und Figurendarstellung hergestellte Bezug zum Ronin, also zum herrenlosen Samurai, kommt nicht von ungefähr. Der alleingelassene und zum Krieger bestimmte Solitär ist ein etablierter Topos. Bei Hachmang ist es ein Krieger des Alltags, der seine selbstgewählte Einsamkeit in wie mit dem Lineal gezogene Territorien unterteilt. Was fehlt, ist die Leerstelle, die Raum zum Atmen lässt und den Zwang in Freiheit verwandelt. Das Aussparen von Abweichungen manifestiert sich in "Book Of Void" auch durch das völlige Fehlen von Sprache, die jedwede eingenommene Positionen in Frage stellen könnte.

Die schönste Seite?

Die Sequenz, in der der später zum Angriff auf die institutionalisierte Kunst übergehende Ronin-Azubi demütig sein WC reinigt, bereits mit dem im Internet bestellten Schwert auf dem Rücken.

Der Künstler:

Victor Hachmang zeichnete bereits für die schönste Seite in Mould Map 4: Eurozone verantwortlich. Auch in dieser Arbeit stand die Isolation innerhalb der Gesellschaft, inhaltlich und in der Umsetzung, im Mittelpunkt. Übertragen auf die Kunsttheorie mag man hier an Pierre Bourdieus Thesen zum Kulturkampf zwischen den gesellschaftlichen Klassen denken. Man kann Hachmang also durchaus eine politische Agenda attestieren. Gestalterisch sind Einflüsse der in belgischen Comics begründeten Ligne Claire unübersehbar. Der Niederländer, noch keine dreißig Jahre alt, ist auch ein gefragter Illustrator; bisherige Auftraggeber waren unter anderem Die Zeit und die New York Times.

Auftritt: der Künstler
Künstler haben's nicht leicht: Geplagt von Schaffenskrisen, schlaflosen Nächten und emotionalen Achterbahnfahrten fristen sie in der Regel ein bedauernswertes Dasein. Zumindest in den tragikomischen Zeichnungen von Zeichnerin Anna Haifisch

Das Zitat

"In the void is virtue, and no evil. Wisdom has existence, principle has existence, the way has existence, spirit is nothingness." Dieses Zitat findet sich nicht im Comic. Es entstammt dem "Buch der Leere" (Book Of Void) benannten Abschnitt aus Miyamoto Musashis "Buch der fünf Ringe", dessen Philosophie des Schwertkampfes heute unter anderem als Managementstrategie Anwendung findet. Vielleicht wäre es aber auch folgerichtiger als bestes Zitat aus einem Comic, das lediglich Geräusche in hingehauchten und kaum erkennbaren Buchstaben verschriftlicht, den Klang beim Herausziehen des Schwertes aus der Scheide zu benennen: "Snikt".

Wer braucht das?

Kunstfreunde mit einem Hang zum scharfen Trennungsstrich.

Der scharfe Trennstrich

Victor Hachmang: Book Of Void

Das gefällt

Ein konsequent durchgehaltenes und übergreifendes ästhetisches Konzept, das die verhandelten Inhalte auf den Punkt bringt. Separierend wirkt hier auch die Farbgebung: Das dabei zitierte und vom einsamen Schwertkämpfer attackierte Kunstwerk bringt die von Hachmangs anderen Arbeiten vertraute helle Farbpalette ein – in eine sonst durch Schwarz, Rot und Grau heruntergefahrene Darstellung des Alltags der einzigen Hauptfigur dieses Psychodramas.

Das ätzt der Kritiker

Das einzige, was man hier bemängeln könnte, ist die recht niedrige Auflage des potenziellen Sammlerstücks. Aber wer braucht schon Massenware?

Coffee-Table-Faktor

Das Heft ist ein Prachtstück und macht auf jeder Ablagefläche was her – angefangen beim schwarzlackierten und inwändig mit Hachmang-Motiven bedruckten Schutzumschlag bis zur schmalen Banderole, die zusätzlich mit japanisch anmutenden Schriftzeichen kalligrafisch verziert und mehrsprachig beschriftet ist. Sollten Sie das Glück gehabt haben, eines der ersten Exemplare des insgesamt auf lediglich 500 Exemplare limitierten Objekts der Begierde zu ergattern, können Sie auch den von Hachmang handsignierten Druck zwischen Banderole und Schutzumschlag schieben. Allerdings machen Sie so die gestalterische Pointe von Leere und Schwärze zunichte.

Gewicht

250 Gramm.

Victor Hachmang: Book Of Void

Heft mit Umschlag, 20 Seiten, ca. 12,00 €, erschienen bei Landfill Editions, London

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