Bookmarks: North Korea. The Power Of Dreams

Im Norden nichts Neues

Die 29-jährige Xiomara Bender hat es zwischen 2011 und 2016 gleich dreimal nach Nordkorea verschlagen. Im Gepäck eine Kamera, die sich nicht immer an die Vorgaben des totalitären Regimes hielt. Die in Berlin lebende Schweizerin verließ die vorgeschriebenen Routen und wurde mit unverstellten Momenten beschenkt, in denen Menschen von der Straße neugierige, misstrauische, ängstliche, aber auch erstaunlich entspannte Blicke auf die Fremde richteten.
Im Norden nichts Neues

"Hinter der Kulisse aber leben Menschen!" – Xiomara Benders Fotoband "North Korea. The Power Of Dreams"

Was ist drin?      

Wären da nicht die vielen Pioniere, die in FDJ-ähnlichen Uniformen stecken, rote Fahnen schwenkende Megaphon-Träger und in Reih und Glied marschierende Frauen-Bataillone, wähnte man sich beinahe in einem ganz normalen Land irgendwo in Asien, wo kleine Jungen auf dem Fahrradrücksitz dahindösen, Seniorinnen erschöpft Platz auf einer Rolltreppe nehmen und eine Fahrt ins Grüne von modebewussten Damen im rosa Ganzkörperkostüm absolviert wird.

Die These?

Auch in einer auf Isolation setzenden Steinzeit-Diktatur geht der Alltag weiter. Die Menschen suchen sich kleine Nischen und Ventile, um den Rest ihrer unterdrückten Persönlichkeit inmitten von monströsen Beton-Hochhaussiedlungen und inszenierten Massenveranstaltungen aufleben zu lassen. Vor allem Kinder bewahren im Propaganda-Trubel ihre natürliche Trotzigkeit. Ähnlich wie die alten Männer, die nichts mehr zu verlieren haben und "schamlos" offen in die Kamera grinsen. Oder fragen sie sich nur amüsiert, was die weitgereiste Fotografin wohl an ihrem kargen Dasein findet?

Schönste Seite?

Immer wieder geraten vorbeifahrende Busse und Straßenbahnen ins Bild. Hinter den Glasscheiben entdeckt Xiomara Bender Frauen, die wie Goldfische in einem Aquarium vergeblich Ausschau nach einem Fluchtweg halten. In ihren müden Gesichtern spiegeln sich ganze Dramen verhinderter Lebensplanungen, wie etwa in den ebenmäßigen Gesichtszügen der direkt am Fenster sitzenden jungen Schönheit mit hochgesteckten Haaren, die vorbei an der Fotografin und unberührt vom Gedränge der anderen Fahrgäste ins Nichts einer trostlos eindimensionalen Existenz schaut. 

Der Autor:

Kurze Texte von der Fotografin wohlgesinnten Mentoren skizzieren die besondere politische Situation in einem Land, das in der Wettbewerb-Schleife des Kalten Krieges stecken geblieben ist und aus Mangel an äußeren Impulsen den Status quo aus Personenkult, Bespitzelung und Internierungslagern scheinbar alternativlos eingefroren hat. Aussicht auf Veränderung bieten nur die noch nicht erschlossenen Bodenschätze, die dem von Hungersnöten nicht verschonten Armenhaus demnächst ungewöhnliche Allianzen mit einstigen Todfeinden bescheren dürften.

Das Zitat:

"Die Nacht schmeichelt den poststalinistischen Monumentalbauten", notiert Xiomara Bender in ihrem Hotel in Pjöngjang für ihr Vorwort. "Die erleuchtete Skyline suggeriert westliche Metropolennormalität. Hinter der Kulisse aber leben Menschen! Seit Jahrzehnten vergessen von der Welt."

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Wer braucht das?

Seitdem es Nordkorea auf westliche Touristen abgesehen hat, dürfen auch Journalisten und Fotografen ins Land, die sich dank vorselektierender Reisebegleiter ein möglichst harmloses Urteil über die beste aller sozialistischen Welten bilden sollen. Xiomara Bender ist keine Heldin der investigativen Enthüllungen. Sie verlässt sich auf die Sprache von Körpern, denen die Signaturen absurder Restriktionen eingeschrieben sind. Wer wissen möchte, was die Untertanen eines absoluten Herrschers umtreibt, der bekommt beim Betrachten dieser unaufgeregt beobachtenden Volksporträts eine Ahnung davon - wenn auch nur in homöopathischen Dosen.

Das gefällt:

Atmosphärische Einblicke fern der bizarren Machtdemonstrationen von Militär und Einheitspartei machen die besondere Note dieses facettenreichen Bildbands aus, der zwar die gängigen Motive nicht ausspart, aber auch immerhin mit den Bewohnern dieses eigenartigen Paralleluniversums in Kontakt zu treten versucht: Es sind Menschen in der Fortbewegung, zum Arbeitsplatz, organisierter Freizeit oder zurück in die anonyme Wohnmaschine, die nicht von der Stelle kommen, während die großstädtischen Verkehrsachsen mit gähnender Leere glänzen. Flankiert von einer Landwirtschaft, die sich neuen Techniken verweigert und in der Mühseligkeit der Vergangenheit ausharrt. Weniger empfindsame Seelen finden im orchestrierten Sport-Event Ablenkung. Andere ziehen sich in einen sehnsüchtigen Kokon zurück und wirken wie gespenstische Individualisten in einer kafkaesken Kollektivzumutung.

Im Norden nichts Neues

Cover von Xiomara Benders "North Korea. The Power Of Dreams."

Das ätzt die Kritikerin:

Leider entgeht die Fotografin nicht der Versuchung, für Folklore-Bühnenauftritte "niedlich" geschminkte und auf Strahlemodus abgerichtete Kinderdarsteller vor schimmernden Hintergrund aus bunten Lichtreflexen abzubilden. Eine idyllisch unbeschwerte Kindheit wird hier suggeriert und man fragt sich, was die anderen gleichaltrigen und erwachsenen Nordkoreaner falsch gemacht haben, bei denen keine gute Laune aufkommen will.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Die bescheidene Größe des handlichen Bildermosaiks ist im Kontrast zur gigantomanischen Selbstdarstellung des Landes passend gewählt. Den Reportage-Charakter der meisten Aufnahmen unterbrechen hin und wieder Panoramen von Hafenanlagen, im Smog dahin gleitender Flussläufe oder gar unberührt erhabenen Berglandschaften – wer möchte, kann also auch durchatmen in Kims Gleichheitsreservat, bis die nächste Soldatin mit grimmigem Blick um die Ecke schaut und die westlichen Projektionen unterbindet: 2.

Gewicht:

597 Gramm.

North Korea. The Power Of Dreams.

von Xiomara Bender, Hardcover, 120 Seiten, erschienen beim Kehrer Verlag, Heidelberg, Preis: 35,00 Euro

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.