Bookmarks: A Poor Collector’s Guide to Buying Great Art

Kunstsammeln für Arme

Um ein großer Kunstsammler zu werden, braucht es keine Unsummen – das meint zumindest Abenteurer und Rolex-Model Erling Kagge, der in seinem Buch wertvolle Tipps für arme Anfänger gibt und nebenbei seine eigene, beeindruckende Sammlung präsentiert.
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Wohnt so ein armer Kunstsammler? Die Raymond-Pettibon-Wand von Erling Kagge.

Was ist drin?

Eine Mischung aus Anekdoten des Autors über die Welt der Kunstsammler und mehr oder minder hilfreiche Tipps für diejenigen, die noch welche werden wollen. Die Kunstwelt spielt mit ihren eigenen Regeln und wer mitspielen möchte kann sich laut Buch auf einige Überraschungen gefasst machen.

Die These?

Um eine Kunstsammlung aufzubauen braucht es kein Vermögen von schwindelerregender Höhe. Eine "kleine Summe“ von 5000 US-Dollar ist laut Guide ein vielversprechendes Startkapital.

Aber vor allem sind Leidenschaft, Neugierde, ein vertrauenswürdiges Bauchgefühl und kluge Voraussicht wichtige Begleiter auf dem steinigen Weg des Sammelns. Man würze das ganze mit Spontaneität und Risikobereitschaft – et voilá! Ihre vielseitige und spannende Sammlung ist serviert. Tipp: Am besten mit kleinen Editionen von jungen Künstlern anfangen und nicht einfach nur das kaufen, was optisch gefällt, sondern den eigenen Geschmack immer wieder in Frage stellen, zum Beispiel auch mit sperrigen oder widerspenstigen Werken.

Schönste Seite?

Eine recht explizite, aber sehr filigrane Zeichnung eines weiblichen Unterleibes von Urs Fischer aus dem Jahr 1993 wurde im Buch neben Richard Princes Fotografie einer Luftmatratze im Pool von 1995 platziert – ein fantastisches Paar. Oder doch die Bananenschale von Adriana Lara? Die Künstlerin beauftragte das Museumspersonal des New Museum of Contemporary Art in New York während der Ausstellung "The Generational: Younger than Jesus“ jeden morgen eine Banane zu essen und die Schale irgendwo im Raum zu platzieren. Bleibt zu fragen, ob der Sammler die Bananenschaleninstallation nun Zuhause selbst weiter führt.

Der Autor:

Wenn man den Norweger Erling Kagge googelt, findet man zunächst folgende Informationen: Rechtsanwalt, Rolex-Model und Abenteurer. Ersteres scheint eindeutig sein Brotverdienst zu sein, zweiteres mutet etwas skurril an und wirkt in Anbetracht von letzterem schon wieder weniger absurd. Sein Abenteurertum bewies er mit Expeditionen zum Mount Everest, zum Süd- und Nordpol – er war der erste, der die "Three Poles Challenge“ per Pedes auf sich nahm, mit Erfolg. Achja, Kunstsammler ist er natürlich auch.

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Cover des Buchs

Das Zitat:

"As they say in Congo: A man who has swallowed a coconut needs to have lots of faith in his own arsehole."

Wer braucht das?

Hier jetzt zu behaupten dieses Buch sei für diejenigen, die sich selbst als zukünftige Kunstsammler in Vision haben läge ja auf der Hand. Äußerst aufschlussreich könnte diese Lektüre aber auch für angehende Künstler sein, um zu erfahren wie Sammler so ticken. Womöglich hilft es auch manchem besorgten Angehörige eines Sammelwütigen, der drauf und dran ist sämtliche Rücklagen in die Kunst zu investieren – vielleicht schafft das Buch zumindest mehr Verständnis, wenn die Familie mal wieder trockenes Brot vor der Kulisse eines zukünftigen Meisterwerkes verspeisen muss.

Das gefällt:

Durch die vielen persönlichen Erfahrungen, an denen Kagge den Leser teilnehmen lässt, ist das Buch sowohl unterhaltsam als auch lehrreich. Es beweist, wie unberechenbar und absurd der Kunstmarkt tatsächlich ist.

Das ätzt die Kritikerin:

Ein Startkapital von 5000 US-Dollar sind in der Kunstwelt vielleicht Peanuts, aber für viele Ottonormalbürgerinnen – wie eben die Kritikerin selbst – ist es doch ein ganzer Haufen Geld, der erstmal mühsam angespart werden will. Das Buch hinterlässt deshalb auch ein leicht deprimierendes Gefühl.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Im "Poor Collector’s Guide" gibt es zur Abwechslung mal mehr zu lesen als anzuschauen, der Titel ist also – wenn auch mit Augenzwinkern – ernst gemeint. Deswegen muss das Buch aber nicht gleich auf den Schreibtisch auswandern. Es darf sogar mit Note 4 auf dem Coffee-Table sein zuhause finden, nicht zuletzt wegen seines orange leuchtenden und hübsch-haptischen Einbands, aber vor allem wegen der vielen Coffee-Tables, die in dem Buch abgebildet sind.

Gewicht: 690 Gramm

A Poor Collector’s Guide to Buying Great Art

Erling Kagge: "A Poor Collector’s Guide to Buying Great Art", Gestalten, 192 Seiten, Hardcover, Zahlreiche Abbildungen, 29,90 Euro

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