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In Silbergewittern

Mit 17 Jahren stattete Stephen Shore der legendären Factory von Andy Warhol einen Besuch ab, aber nicht um mit den anderen herumzuhängen. Shore war bereits in diesem zarten Alter ein manischer Fotograf. Andy Warhol hatte er bei einer Filmvorführung kennengelernt. Die Einladung in die Kultfabrik ließ er sich nicht entgehen und schmiss dafür sogar die High School. Was ihm in der New Yorker 47. Straße zwei Jahre lang alles vor das Objektiv kam, zeigt jetzt ein glamouröser Bildband.
In Silbergewittern

Stephen Shore: "Andy Warhol on fire escape of the Factory, 231 East 47th Street", 1965-7

Was ist drin?      

Jede Menge schwarz-weiße Momentaufnahmen aus Warhols zweitem Atelier, das mehr sein wollte als nur eine kollektive Arbeitsstätte: mit Alufolie tapezierter Treffpunkt, Musik-Performanceraum, Drogen-Höhle, Filmstudio. 1965 ließ Warhol die Malerei links liegen und stellte sich lieber hinter die Kamera. Er drehte fast wöchentlich ohne Drehbücher. Die abgebildeten Personen spielten nicht selten in seinen Filmen mit. Sie waren sein williges Material und nur die wenigsten emanzipierten sich von dem manisch arbeitenden Guru, der für Shore auf einem in Plastikfolie eingepacktem Sofa majestätisch posierte, in Erwartung der Ankunft seiner ruhmsüchtigen Vasallen.

Kein Wunder, dass der lernbegierige Shore bei so viel einseitiger Sogwirkung auch nach den eigenständigen Charakteren im Orbit des Sonnenkönigs Ausschau hielt - was keine Selbstverständ-lichkeit war. O-Ton Shore: "Ich weiß noch wie beeindruckt bzw. fassungslos ich war, dass manche sich auf einen Stuhl oder aufs Sofa setzten, stundenlang dort hockten, nichts taten außer auf den Abend zu warten, um dann mit uns von Party zu Party zu ziehen.“

Die einen posierten dann offenbar doch noch auf Knopfdruck. Andere ließen sich vom Herumalbern nicht abbringen und lieferten so ein atmosphärisches Spiegelbild ihrer feuchtfröhlichen Verfassung ab. Zu Warhols Lieblingen stiegen sie so nicht auf. Er zog die gewissenhaften Ideengeber vor, die es natürlich auch gab. "Jeden Tag schaute ich einem Künstler bei der Arbeit zu“, so Shore rückblickend, „ich machte mir den Entscheidungsprozess bewusst. Das ist das Wichtigste. Das Zweitwichtigste: Warhol arbeitete seriell, und ich begann über Bilder nachzudenken, über Serienprojekte.“ Etwa die Serie "American Surfaces“, das Konzentrat seiner Reisen durch die amerikanische Alltagswelt, die ihm 1971 zur Eintrittskarte ins Metropolitan Museum of Art verhalf.

Die These?

Stephen Shore als Chronist der "Old Factory“, vor dem Attentat von Valerie Solanas auf Warhol also, bleibt unübertroffen. Gerade weil er dem Phänomen dieser libertären, keinerlei Verbote duldenden Begegnungsstätte mit jugendlicher Unbeschwertheit entgegen trat, fing er ihre Hochs und Tiefs gleichwertig ein. Erstaunlich viele Gesichter aus der "Silver Factory“ bleiben inmitten der feiernden Meute tief in sich versunken, verloren und von einem Trauerflor umgeben, als wüssten sie um ihre Austauschbarkeit, den Druck, vor den fordernden Blicken der Anderen zu bestehen.

Gezielt suchte Shore diese depressiven Momente nicht. Er überließ es den Porträtierten, wie sie auf seine Anwesenheit reagierten. Manchmal fotografierte er auch einen menschenleeren Raum und legte den Focus auf die Spuren vergangener Aktivitäten. Nur um den offenen Drogen-Konsum machte er einen Bogen. Bis auf Bierflaschen kamen ihm keine Betäubungsmittel ins Bild.

Schönste Seite?

Die Proben von The Velvet Underground müssen es Shore angetan haben. Er näherte sich den Gitarren in Großaufnahme und blieb trotzdem auf Distanz. Er hielt das konzentrierte Üben fest, das mädchenhafte Lächeln der blonden Sphinx Nico im Rücken der mit den Konventionen des Komponierens kämpfenden Jungs. Maureen Tucker blieb stoisch an ihrem Schlagzeug sitzen und starrte Löcher in die Luft, dabei wird sie von manchen Kombattanten als besonders humorvoll beschrieben. Entwaffnend auch die coolen Band-Mitglieder zu Gast in Shores Elternhaus: "Meine Eltern waren entweder sehr tolerant oder hatten mich einfach schon aufgegeben. Wenn ich Partys veranstaltete, nahmen sie Seconal (Schlafmittel) und legten sich schlafen. Aber zuvor mischten sie sich gerne unter die Gäste, vor allem meine Mutter. Sie freundete sich mit Nico an und verbrachte einmal einen ganzen Abend mit ihr.“

Der Autor:

Die klugen Texte, darunter zahlreiche durch Interviews akzentuierte Selbstporträts von Hauptprotagonisten wie John Cale, Paul Morrissey oder Jonas Mekas, steuert Lynne Tillman bei. Sie ist Kulturkritikerin, Schriftstellerin und Warhol-Kennerin, die bereits 1995 unter dem Titel "The Velvet Years 1965-76“ die englische Erstausgabe verantwortete. Die deutsche Ausgabe ist nun mit einer neuen Einleitung versehen und auch die Bildauswahl unterscheidet sich von dem Vorgänger-Band.

Das Zitat:

Edmund Hennessy, Factory-Stammgast und Freund von Warhol-Muse Edie Sedgwick, erinnert sich: "Wir waren nie nervös wegen Stephen, seine Kamera hat uns nie gestört. Die meiste Zeit haben wir gar nicht gemerkt, dass er fotografierte, so unauffällig hat er das getan. Seine Fotos fangen das elektrisierende Leben in der Factory perfekt ein, beschwören das Gefühl von damals sehr eindringlich herauf. Wenn ich mir diese Bilder heute anschaue, kann ich Edies Lachen hören, Andys Farben riechen und weiß zum Teil noch, wie ich mich damals gefühlt habe. Auf einem der Bilder habe ich ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Ich schaue es mir hin und wieder an und frage mich, ob ich jemals wieder so glücklich sein werde.“

Vom Hörensagen
Vom Bandenkampf unter Kakerlaken zu Spider-Man als Heldenfigur - im New Yorker Stadtteil Brooklyn ist so einiges los. Und die Gerüchteküche brodelt - wer sagt eigentlich was über wen? Ein Spaziergang durch die Straßen verrät mehr...

Wer braucht das?

Sixties-Nostalgiker und alle, die mit Warhol nicht fertig werden.

Das gefällt:

Schon die glänzend zerknitterte Hülle macht großen Appetit darauf, die Zeitmaschine anzuschmeißen, die sich hier entlang von mehr oder weniger intimen Szenen zum Verweilen anbietet. Das Personal ist blutjung, ganz am Anfang eines Werdegangs, der nicht für jeden erfreulich endete.

In Silbergewittern

Stephen Shore: "Factory. Andy Warhol"

Der Aufbruch ist diesen hungrigen Prototyp-Kreativen in jeder Geste anzusehen, sei sie noch so eingeübt oder aufs Unschuldigste improvisiert. Diese Persönlichkeiten-WG macht süchtig, trotz der giftigen Silbergewitter, die sich bereits in dieser Frühphase um ihre brüchigen Existenzen legten. Für den asexuellen Meister galt das natürlich nicht. Der war viel zu sehr damit beschäftigt, sein soziales Gesamtkunstwerk zu begutachten. Aber auch seine starre Maske geriet manchmal unerwartet aus dem Takt. Das Jungtier Stephen Shore schaute er jedenfalls mit beinahe wahrhaftiger Sympathie an.

Das ätzt die Kritikerin:

Diese Hommage macht nichts falsch. Sie versammelt in ihrem Zeitgeist-Kosmos sogar scheinbar deplatzierte Nebenfiguren. Aber was für welche: Marcel Duchamp etwa, der sich von Warhol auf einer Party fotografieren lässt. Er sitzt Zigarre rauchend auf einer Kommode, seine Füße baumeln vergnügt über dem Boden. Die voluminöse Mama Cass von The Mamas and the Papas findet die Factory offenbar nicht so spannend. Sie schläft bei ihrem "Screen Test“ vor Langeweile ein. Der bärtige Allen Ginsberg schenkt Shore ein euphorisches Lachen und Yoko Ono wirbelt vor einem Kuh-Siebdruck mit ausgestreckter Hand, als würde sie gerade eine ihrer Handlungsanweisungen loswerden wollen.

Factory: Andy Warhol. Stephen Shore

Gewicht: 1855 Gramm, Hardcover, 192 Seiten, erschienen beim Phaidon Verlag, Berlin, Preis: 49,95 Euro

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