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Die Kämpferin

Marina Abramović lud Galeriebesucher ein, auf sie zu schießen, wusch für die Biennale wochenlang Rinderknochen und lief 2500 Kilometer über die chinesische Mauer. Aber auch ihr persönliches Leben war ereignisreich wie kaum ein anderes, geprägt von Enttäuschungen und Gegenspielern. Jetzt ergreift die Performance-Künstlerin selbst das Wort, um ihre Lebensgeschichte von A bis Z zu erzählen.
Die Kämpferin

Was ist drin?

Das Image von Marina Abramović, spätestens seit dem Film "The Artist is present" als Mega-Performance-Ikone flächendeckend bekannt, hat in letzter Zeit gelitten. Nach einem eher peinlichen Rechnungs-Missverständnis mit Jay Z, Ausverkaufs-Vorwürfen und dem verlorenen Rechtsstreit mit ihrem einstigen Partner Ulay, den sie angeblich um Hundertausende betrogen hatte, ist der Moment also denkbar günstig, das Wort zu ergreifen. Ein "Jetzt rede ich", eine Apolegetik will das Buch demnach sein (und selbst die wurde schon vor erscheinen kritisiert - erste Vordrucke enthielten ungeschickte Bemerkungen über australische Ureinwohner.)

Aber Abramović hat tatsächlich einiges zu erzählen: Ihr Leben, das sie strikt chronologisch aufrollt, scheint unglaublich. Aus dem kommunistischen Jugoslawien Titos über die Wüste Australiens bis ins MoMA führt ihre Reise, sie bewohnte buddhistische Klöster ebenso wie besetzte Häuser und war aus Geldmangel kurzzeitig sogar Briefträgerin in Edinburgh. Die Künstlerin schildert aber nicht nur ihr Leben sondern gibt auch Einblick in ihre spirituelle Erfahrungswelt – und beantwortet dazu noch die Frage, was Performancekunst eigentlich ist.

Die These?

"Walk Through Walls" (Durch Mauern gehen) – so der Titel der Biographie – beschreibt für Abramović den entscheidenden Moment in ihren Performances, an denen sie die äußersten Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht. Erst wenn der bohrende Schmerz unerträglich wird, der Körper kollabiert, und die Ohnmacht droht, ist dieser Moment da – die Mauer durchschritten, und der Schmerz plötzlich verschwunden. Aber nicht nur während ihrer Auftritte musste Abramovic Einiges auf sich nehmen, ihr ganzes Leben scheint geprägt von Duldungen.

Für ihre Eltern, die im 2. Weltkrieg zu Helden wurden und die in Titos Jugoslawien so etwas wie Prominente waren, ging Disziplin über alles: Um ihr das Schwimmen beizubringen, warfen sie sie von einem Boot in den See und ruderten davon; noch mit Ende zwanzig, schon längst als Künstlerin anerkannt und mit ihrer Jugendliebe verheiratet, stand Abramovic unter mütterlicher Herrschaft, musste täglich um zehn Uhr zu Hause sein. Aber nicht nur Abramovics Eltern, auch die Männer in ihrem Leben waren großteils Enttäuschungen: von ihrem von ihr genau geplanten ersten Mal bis hin zu ihrem Langzeit-Partner Ulay, der im Laufe seines Kapitels mehr und mehr zu ihrem Gegenspieler wird, sie im Stich lässt, erniedrigt, betrügt und manipuliert. Dennoch präsentiert sich Abramović nicht als Opfer – sondern als Kämpferin.

Die schönste Seite?

Zahlreiche Farbbilder bereichern den Text – besonders schön sind ihre Jugendbilder. Mit 23 Jahren malt sie etwa noch an Blumenstilleben oder surrealistischen Wolkengemälden in ihrem Atelier in Belgrad.

Die Kämpferin

Marina Abramović: "Durch Mauern gehen"

Die Autorin:

Abramovic lud Galeriebesucher ein, auf sie zu schießen, wusch für die Biennale wochenlang Rinderknochen, lief 2500 Kilometer über die chinesische Mauer und saß im MoMA tausenden Menschen bewegungslos gegenüber. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die die Performance geprägt hat wie kaum jemand anders.

Das Zitat:

"Mitte der 70er wurde Performance plötzlich populär. Irgendwann wurde es mir beinah peinlich, Leuten zu erzählen was ich mache, weil es so viel schlechte Performancekunst gab – manche spuckten einfach auf den Boden und nannten es Performance"

(From the mid 70s on, performance art caught on. (…) It got to the point where I was almost ashamed to tell people what I did, because there was so much bad performance art – somebody would spit on the floor and call it a performance.)

Über den Tisch gezogen?
Die Szene rührte viele zu Tränen: Mit einem Lächeln streckte Marina Abramović die Hände nach ihrem früheren Lebenspartner, dem Performancekünstler Ulay. Sechs Jahre später muss ein Gericht über die Frage entscheiden: Hat ihn Abramović über den Tisch gezogen?

Wer braucht das?

Das Leben der größten Performerin unserer Tage, erzählt von ihr selbst: Zu Recht ein Bestseller mit Ansage, der in jeden kunstinteressierten Haushalt gehört.

Das gefällt:

Trotz der zahlreichen Rückschläge hat Abramovic ihren trockenen Humor nicht verloren. Vielen der Kapitel sind Witze aus ihrer serbischen Heimat vorangestellt.

Was ätzt der Kritiker?

Abramovic bemüht sich sichtlich, nichts auszulassen – und vergisst dabei hin und wieder auf den Spannungsbogen. Auch aufgrund des lakonischen Tonfalls liest sich die Aufzählung von Projekten streckenweise mehr wie ein Wikipedia-Eintrag als eine Autobiographie.

Coffee Table Faktor:

3. Mit ernstem und durchdringlichem Blick starrt Marina fast in Lebensgröße vom Cover und schafft eine unheimliche Präsenz, als wäre die Künstlerin wirklich im Raum. Besondere Spielerei bei der englischen Hardcover-Ausgabe: Der "Rough Cut" - unregelmäßig geschnittene Seiten.

Marina Abramović: Durch Mauern gehen

Verlag: Luchterhand, 367 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Preis: 25 Euro.

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.
Der Kunsthasser #1
Er ist kein Freund der Kunst – für art muss er trotzdem ins Museum. Diesmal quält sich Leo Fischer mit einer Retrospektive des Performancekünstlers Ulay. Protokoll einer Tortur
Sein Leben nach Abramović
Er ließ lange auf sich warten: Ulay, bekannt vor allem durch seine frühe Kollaboration mit Marina Abramović, gab nach 30 Jahren erstmals wieder eine Performance in New York. Viele kamen – nur eine fehlte