Bookmarks: š! – die Dada-Ausgabe

Wo ist die Erzählung? Da-da!

Was passiert wenn sich rund zwanzig versierte Comiczeichner mit der Kunst des Dadaismus auseinandersetzen? Hochklassiger Unsinn in Reinform! Oliver Ristau hat sich die Dada-Ausgabe des internationelen »š!«-Magazins mal genauer angesehen.
Wo ist die Erzählung? Da-da!

Zeichnung: Olaf Ladousse

Was ist drin?

Passend zum hundertjährigen Geburtstag der Kunstrichtung, die sich in Dissidenz zu den 1916 vorherrschenden gesellschaftlichen und künstlerischen Normen positionierte, hat man im lettländischen Riga beschlossen, eine Comic-Anthologie unter dem Titel "Dada" zu veröffentlichen. Nicht nur im Vorwort stellt man sich darin der Frage, was Dadaismus heutzutage noch sein kann.

Auf eine befriedigende, oder besser, allgemeingültige Antwort, braucht man allerdings nicht zu hoffen, würde diese doch auch dem dadaistischen Grundgedanken von fortwährender Infragestellung zuwiderlaufen. So hat man einundzwanzig Künstler aus dreizehn Ländern um einen Beitrag gebeten, die in ihrer Bandbreite an die Grenzen der Definition von dem, was einen Comic ausmacht, stoßen. Wie um der im Vorwort von Agathe Mareuge getätigten Aussage über die konzeptuelle Tradition von Dada als Anti-Deutsch zu widersprechen, hat man dabei auch den deutschen Künstler Vincent Fritz eingeladen.

Was ist die These?

In verschiedenster Form wird hier dem laut Dada-Manifest angestrebten "simultanen Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhythmen" Gehör verschafft, wobei narrative Aspekte meist vernachlässigt werden. Lediglich der dem Dada-Mutterland entstammende Schweizer König Lü.Q. nutzt einen einseitigen Comicstrip in fast traditioneller Form. Die Wahl des Comics als Kunstform zur Würdigung des dadaistischen Prinzips ist insgesamt eine kluge Entscheidung, kommt dessen Definition doch ähnlich schwammig daher wie die avantgardistische Kunstrichtung selbst.

Die schönste Seite?

Die zweite Seite in "Fables and Reflections" des finnischen Multimediakünstlers Jaakko Pallasvuo. Er nutzt die Comicserie "Sandman" des Engländers Neil Gaiman als Grundlage, um Marcel Duchamps Ready-made-Verfahren vom Künstler als präsentierenden und nicht herstellenden Akteur für eigene Zwecke zu nutzen. Die schon im Titel deutlich werdende Bezugnahme verweist auf eine Reihe, die weit über das Medium hinaus Einfluss ausübte. In erster Linie führte die Reihe dem Comic neue Leser zu – vor allem Frauen. Gaiman etablierte damit einen neuen Status quo, der aber hinterfragbar bleibt, auch auf Grund der Darstellung transsexueller Charaktere in klischee- und zum Teilvorurteilsbehafteter Form. Pallasvuo verkehrt jetzt eine Seite aus diesem Comic in ein Negativformat. Abgesehen von den hingeworfen wirkenden roten Farbschlieren auf diesem Blatt und der überkopierten Fotocollage einer undefinierbaren Masse im Zentrum, wurde nichts weiter verändert. Damit zielt der Künstler wohl auf die angestrebte soziale und kulturelle Hinterfragbarkeit vermeintlich etablierter Mainstream-Konzepte innerhalb der konsumierbaren Unterhaltungskunst. Und das macht diese Seite so herausragend, weil sie eben nicht nur die Idee von Dada nachstellt, sondern in einem anderen Medium neu belebt.

Die Herausgeber

kuš! ist ein kleines, aber sehr aktives lettisches Verlagshaus. Der von Sanita Muižniece und David Schilter herausgegebene Flaggschifftitel des Verlages, die Magazinreihe "Š!", konzentriert sich in jeder Ausgabe auf ein übergeordnetes Thema und vereint dazu Beiträge von Künstlern aus der ganzen Welt.

Das Zitat

"Well of course we talked of women and their parts
and of our preferences for their parts
and how these preferences aligned
with our occupations.“

Roman Muradov, Division (of Labor (of Love))

Wer braucht das?

Alle, die mit dem Strom und gegen ihn schwimmen und sich in den interdisziplinären strömungsfreien Zonen dazwischen erholen.

Wo ist die Erzählung? Da-da!

Cover der Anthologie "Š! #26: Dada"

Das gefällt

Das sich mehrfach auf comicspezifischer Ebene der Thematik angenommen wird. Nicht nur der bereits erwähnte Bezug auf die Sandman-Serie und ihre genderpolitischen Implikationen, die zur Zeit der Ausrufung des Dada-Manifestes noch nicht so im öffentlichen Bewusstsein verankert waren, sondern auch Daniel Limas Neuinterpretation der berühmten Seite aus "Krazy Kat" – einer Serie, die von einem nichtweißen Künstler, George Herriman, geschaffen und von Menschen wie Gertrude Stein, Joan Miró oder Pablo Picasso bewundert wurde – zeigen hier ein Bewusstsein für den Diskurs um Privileg und Ungleichheit.

Das ätzt der Kritiker

Manchmal erscheinen die Beiträge etwas beliebig. Die Anthologie hätte ebenso als Kollektion von abstrakten Comics durchgehen können, was wohl aber auch an der widerborstigen Definition des Begriffes Dada, sowie an der Entwicklung des Mediums Comic in den letzten hundert Jahren liegt.

Coffee-Table-Faktor

Dadaisten würden dem Präsentationscharakter im Zusammenhang mit funktionalem Mobiliar wohl mit Argwohn begegnen.

Gewicht

163 Gramm.

Š! #26: Dada

Softcover, 164 Seiten, ca. 12,50 €, erschienen bei kuš! Komiksi, Riga