Bookmarks: Notre Dame de Dada

Musendämmerung

Die Karriere von Max Ernst wäre ohne diese Frau wohl nicht so geradlinig verlaufen. Luise Straus-Ernst war nicht nur seine erste Gattin: Als eine der ersten promovierten Kunsthistorikerinnen Deutschlands mischte sie die Kölner Dada-Bewegung auf, öffnete dem späteren Surrealisten wichtige Türen im Kunstbetrieb, schrieb Kritiken, Romane und Rundfunkbeiträge. Ein Buch spürt jetzt ihrem turbulenten Leben nach, das 1944 in Auschwitz endete.
Musendämmerung

Luise Straus-Ernst bei den Befreiungsfeiern nach Ende der Rheinlandbesetzung, Koblenz, 22. Juli 1930

Was ist drin?

Lange wurde Luise Straus-Ernst auf ihre gerade mal vierjährige Ehe mit dem Star-Maler reduziert. Selbst zu dem Image einer Muse reichte es nicht. Zu intellektuell, zu selbständig war ihr Auftreten, um ausreichend inspirierende Sexyness für die Nachwelt auszustrahlen. Dabei fiel Lou 1922 nach der Trennung von dem Womanizer, der eine Ménage à Trois mit Gala und Paul Éluard vorzog, nur kurz in ein Tief und vertröstete sich, wie man jetzt aus der Biographie von Eva Weissweiler erfährt, mit unzähligen One-Night-Stands, Mésalliancen mit deutlich jüngeren Männern und anderen "unfraulichen" Eskapaden.

In ihrer Autobiographie "Nomadengut" stellte sie später im Exil stolz eine Trophäen-Liste auf: "Redakteure und Verleger, Maler, Architekten, Museumsleute". Auch Arno Breker, Hitlers späterer Vorzeige-Bildhauer, umwarb sie. Der Titel "Notre Dame de Dada" fokussiert auf eine Lebensstation, die gerade mal ein Kapitel einnimmt, als das frisch vermählte Paar seine Wohnung am Kölner Kaiser-Wilhelm-Ring zum Bohème-Treffpunkt umfunktionierte, oder wie es später der gemeinsame Sohn Jimmy süffisant auf den Punkt brachte, zum "Appendix des Bahnhofs". Da der aus dem Krieg zurückgekehrte Max Ernst mittellos war, bestritt Lou den Unterhalt als wissenschaftliche Hilfsarbeiterin am Wallraf-Richartz-Museum oder verdingte sich als Sekretärin. Im Privaten brütete man antibürgerliche Dada-Frechheiten aus. Mit dabei: Hans Arp, Sophie Taeuber, Johannes Theodor Baargeld, Tristan Tzara, Marta Hegemann und Anton Räderscheidt. Lou legte sich den Kampfnamen Armada von Duldgedalzen zu, versuchte sich an der Trend-Gattung Collage, organisierte Ausstellungen und sorgte dafür, dass sich die Jungs vernetzen konnten.

Theo van Doesburg, Kleine Dada Soirée, 1922
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Dass sie als Frau auch den Haushalt schmiss, die Gäste bewirtete und für die "Bewegung" Geld spendete, stand für die männlichen Gesellschaftszertrümmerer außer Frage. Immerhin, Max dankte es ihr 1922 mit der Collage "Rosa Bonheur des Dadas", was ihn nicht daran hinderte, kurz darauf zu den neuen Künstler-Freunden nach Paris zu ziehen und die Erziehungsarbeit am Nachwuchs der Ex zu überlassen. Die hielt sich mit Kunstkritiken und Redenschreiben für den Oberbürgermeister Konrad Adenauer über Wasser, so lange, bis die Rassengesetze der Nazis Einzug in die Redaktionen fanden und die Dienste der Jüdin nicht mehr gefragt waren.

Was ist die These? 

Ohne die aufopferungsvolle Selbstaufgabe von Luise Straus-Ernst, die erst nach der Auflösung der Kölner Dadaisten-Abzweigung zum Publizieren in eigener Sache kam, hätte die Gruppe lange nicht so vehement auf sich aufmerksam machen können, wie etwa 1920 mit der von der Polizei geschlossenen Skandal-Schau im Lichthof eines Brauhauses, wo Baargeld einen "antropofilen Bandwurm" zeigte und Ernst mit der "Monumentalplastik" aus Hut-Umpressformen für Aufsehen sorgte. Sie stammten aus der Hutfabrik seines Schwiegervaters Jacob Straus.

Die schönste Seite?

Das in die Irre führende Foto-Deckblatt, auf dem ein Flapper-Girl sehnsüchtig in Richtung des Eifelturms schaut. Luise Straus-Ernst kam erst 1933 nach Paris als Emigrantin, die von nun an in Absteigehotels des Quartier Latin überwinterte. Da war der Glamour der Roaring Twenties in der französischen Kapitale längst verloschen und dem Flüchtling stand nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ein zermürbender Aufenthalt in einem südfranzösischen Internierungslager bevor.

Musendämmerung

Die Autorin

Die Kölnerin Eva Weissweiler ist spezialisiert auf Familienbiographien und jüdische Kulturgeschichte mit Schwerpunkt auf klassische Musik. Sie kann aber auch immer wieder einzelnen Frauenschicksalen krimireife Schmöker abtrotzen. Von Clara Schuhmann über Tussy Marx bis zu Friedelind Wagner.

Das Zitat

Maf Räderscheidt, Enkelin von Marta Hegemann und Anton Räderscheidt, fasst das weibliche Umfeld, in das sich Lou während der Kölner Dada-Zeit zum Auftanken zurückzog, mit Sinn für Zuspitzungen zusammen: „Die eine, Angelika Hoerle, ist ein bisschen verträumt, die ist im liebevollsten Sinne spinnert; und Lou, die das Wissen verkörperte, den Intellekt, die Geschliffenheit; und dann meine Großmutter, die eigentlich beinahe ein Kerl war, eine Femme fatale, wie sie im Buch steht, und diese drei Frauen – da sind die Macbeth-Hexen nichts dagegen -, die waren einfach cool, die müssten eigentlich jedem Frauenprojekt aufs Banner gestickt werden.“

Das gefällt

Die Fülle an in den USA, Frankreich und der Schweiz recherchierten Details aus dem Leben von Luise Straus-Ernst, aber auch der anderer Protagonisten der Kölner Dada-Zeit, macht angenehm schwindlig. Wie es die alleinerziehende Mutter schaffte, erst in der Weimarer Republik zur anerkannten Journalistin aufzusteigen, um in Frankreich, wenn auch unfreiwillig, einen Neuanfang als Lieferantin von Alltagsreportagen für die Neue Züricher Zeitung voranzutreiben, flösst aus dem Blickwinkel der damaligen Zeit Respekt ein. In ihren Exil-Texten blickte sie hinter die Fassaden der Metropole Paris und widmete sich den abgebrannten Verlierern der Künstler-Stadt. Dass sie das mitunter auch mit Humor und Selbstironie tat, lässt auf einen enormen Überlebenssinn schließen, der leider gegen Ende in leichtsinnige Verdrängung umgekippt sein muss. Anders kann man sich das wiederholte Verschleppen von Fluchtmöglichkeiten, die ihr nicht nur der bereits 1938 in New York gestrandete Sohn Jimmy aus den USA zukommen ließ, nicht erklären. Für einen dritten Anfang jenseits des Atlantiks reichten Lous unverwüstlichen Energien offenbar nicht aus. Sie blieb in der Obhut des offen antisemitischen Schriftstellers Jean Giono in der Provence hängen, bevor sie nach einer Denunziation im Juni 1944 deportiert wurde.

Was ätzt die Kritikerin?

Die Bild-Strecke hätte üppiger ausfallen können. Ein kleines Manko, das den Spannungsfaktor der epochale Zeitläufe in aller Schärfe ausleuchtenden Lektüre nur gering abmildert.

Coffee-Table-Faktor

Der optische Schauwert der Biographie fällt bescheiden aus. Umso mehr glänzt die außergewöhnliche Vita dieser tragisch ins historische Abseits geratenen Kunst-Expertin.

Gewicht

614 Gramm

Notre Dame de Dada

Eva Weissweiler: Notre Dame de Dada. Luise Straus-Ernst – das dramatische Leben der ersten Frau von Max Ernst. Das Buch kostet 24,99 Euro und ist im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen.

Bücher
Die Serie »Bookmarks« präsentiert die besten Künstlerbücher sowie Büchern zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie, Architektur und Kunstgeschichte.