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Auftritt: der Künstler

Künstler haben's nicht leicht: Geplagt von Schaffenskrisen, schlaflosen Nächten und emotionalen Achterbahnfahrten fristen sie in der Regel ein bedauernswertes Dasein. Zumindest in den tragikomischen Zeichnungen von Zeichnerin Anna Haifisch, die mit »The Artist« jetzt ihr erstes Comicbuch beim renommierten Reprodukt-Verlag vorlegt. Dabei nimmt sie auch auf manchen Kunst-Klassiker Bezug.
Auftritt: der Künstler

Panel aus Anna Haifischs "The Artist", erschienen bei Reprodukt.

Was ist drin?

Gleich am Anfang, noch vor dem Beginn des eigentlichen Comics, lässt Autorin Haifisch Federn… Der mit jeder umgeblätterten Seite mehr und mehr gerupfte und unterernährte Vogel, den Frau Haifisch auf den Kunstbetrieb loslässt, und der hier den "Artist", also den prototypischen Künstler gibt, erlebt allerlei und zumeist deprimierenden Kapriolen. Er erfährt unter anderem von einem gewissen Doktor Larmee, was ein Jux auf Kosten des gerne mal Fake-Kunstbücher produzierenden Blaise Larmee ist. Zudem weist der behandelnde Arzt des mit einer hypnochondrischen Tendenz ausgestatteten Artist gewisse Ähnlichkeit zu dem verdrogten Figurenpersonal aus Simon Hanselmanns Comic "Hexe Total“ auf, was zu der von ihm verordneten Medikation aus einer halben Xanax und ein paar Gummibärchen passt.

Was ist die These?

"In der Kunst muss man Federn lassen." Das viel beschworene Leiden des Künstlers als notwendige Inspirationsquelle bei der Erschaffung von Epochen prägenden und Äonen überdauernden Meisterwerken wird im Stil einer episodenhaften Tragikkomödie ad absurdum geführt. Denn trotz seines angehäuften Leidensdrucks mag dem komischen Vogel außer Katastrophen und Peinlichkeiten nichts Rechtes gelingen.

Die schönste Seite?

Seite 39, auf der Haifisch statt auf Grüntöne zur Kontrastierung des allgegenwärtigen Orange mehr ins pinkfarbene ausweicht und somit leichte Anleihen bei der Michael Mann’schen "Miami Vice" Farbpalette macht. Aber hey, nur so kann man dann bei der namensverwandten US-amerikanischen "Vice" landen, wo "The Artist" in englischer Sprache erstveröffentlicht wurde. Der wie vor Hunger zittrig-fahrige Strich tut sein Übriges, um die ganze verzweifelte Lage des Künstlers zu transportieren.

Auftritt: der Künstler

Das Buchcover

Die Künstlerin

Anna Haifisch kommt aus dem Osten Deutschlands. Um aus der Armut der nicht immer ganz so blühenden Landschaften auszubrechen, begründete sie mit anderen Comicschaffenden den "Millionaire’s Club", wo man einmal jährlich im Schatten der Leipziger Buchmesse all die armen grafischen Poeten bestaunen kann, die es dort zu beachtlicher Schaffenskraft und Anorexie bringen.

Das Zitat

"Das ist soo contemporary."

Wer braucht das?

Angehende Künstler, denen noch zu helfen wäre, zum Beispiel mit einer soliden beruflichen Ausbildung zum Frisör oder Tankwart.

Das gefällt

Lakonischer Humor im Sinne von Jasons "Ich habe Adolf Hitler getötet", in der schwierige oder hochnotpeinliche Situationen wie beiläufig und unter scheinbarer emotionaler Distanz der Tierfiguren inszeniert werden. Dabei setzt Haifisch nicht auf banales "copy and paste", sondern fügt eine oft eigentümliche Schnoddrigkeit hinzu, die ihr als Deckweiß für eine weit tiefer sitzende Melancholie dient. Die unreale Farbgebung bettet die unerfreulichen Alltagsereignisse in Galerien und bei Performances in eine Schäfchenwolke aus Barbituraten.

Das ätzt der Kritiker

Haifisch vollzieht mit dieser Veröffentlichung den Sprung vom Winzverlag Rotopolpress, beheimatet am Veranstaltungsort der Documenta, zum Graphic-Novel-Platzhirsch: Reprodukt in Berlin, wo der Hunger nach Anerkennung nur von der Anzahl an diätierenden Künstlern übertroffen wird. Nicht, dass diese Tatsache von allzu großer Bedeutung wäre, und tatsächlich hat Reprodukt nicht viel mehr Ressourcen als Rotopolpress. Erstere verkaufen allerdings auch kein Pepastar zur notwendigen Querfinanzierung des Verlagsprogramms.

Coffee-Table-Faktor

Comics erscheinen leider selten im Coffee-Table-tauglichen Format, außer sie sind im Besitz eines Medienkonzerns wie Disney oder Time Warner, die sich zu Jahrestagen sieben Kilo schwere und Jubellieder singende Schwarten im Taschen-Verlag leisten können. So ist denn auch das Erscheinungsbild von "The Artist" im Hinblick auf die bibliophile Repräsentanz neben dem Designerporzellanservice eher magerer Natur. Aber das wäre vermutlich ganz im Sinne der Hauptfigur.

Gewicht

Ca. 200 Gramm.

Anna Haifisch: The Artist

 Softcover, 64 Seiten, 14 €, erschienen bei Reprodukt