Bookmarks: The End of a Fence

Gesellschaft auf Partnersuche

Der Albtraum einer gesellschaftlichen Mitte ohne Tiefe – in seiner Graphic Novel illustriert Roman Muradov zukünftige Dating-Karusselle als digitale Endlosschleife mit Bildstörungen. Eine schöne neue Welt in fantastischen Bildern.
Bookmarks Muradov

Schöne neue Dating-Welt: Roman Muradovs Graphic Novel "The End of a Fence" strotzt vor skurrilem Humor und durchachten Illustrationen.

Was ist drin?

Eine Liebesgeschichte aus einer nicht allzu fernen Zukunft, deren Vorboten - wie die Beziehungsanbahner-App Tinder - bereits heute auf unzähligen Smartphones existieren. Extrapoliert wird hier der Langzeiteffekt in einer zur Selbstoptimierung angehaltenen Gesellschaft auf Partnersuche.

Eine Liebesgeschichte, die keine ist, weil das hundertprozentige Match nur die Selbstauflösung der Identität bedeuten kann und damit sämtliche Spannungsfelder beseitigt, die eine Beziehung reizvoll und überhaupt erst möglich machen.

Was ist die These?

Der Autor steht den dystopischen Science-Fiction-Erzählungen des britischen Autors James Graham Ballard nahe. Die experimentelle Erzähltechnik von dessen "Liebe + Napalm = Export USA" findet sich hier in den zerfaserten Erzählsträngen ebenso wieder, wie die elegischen Trugbilder aus "Die tausend Träume von Stellavista". Stellen diese beiden Werke bei Ballard zwei eher gegensätzliche Pole in seinem Schaffen dar, so führt Muradov diese Stränge hier zusammen, um eine sehr tückische schöne neue Welt abzubilden.

Die schönste Seite?

Die letzte Seite, die in schwarz-roter Schlierenhaftigkeit die verzweifelt nach Kompatibilität suchenden Seelen beim Aufstieg zu einem vermeintlichen Paradies zeigt, welches jedoch farblich als höllischer Abgrund kodiert ist.

Der Künstler

Roman Murdov ist an einer Erklärung seiner Arbeit gegenüber dem Rezipienten nicht interessiert. Das wird bereits im Impressum ersichtlich, in dem er den Tinder-Status zwischen Künstler und Leser mit 0,12% beziffert. Der aus Moskau stammende und gegenwärtig in San Francisco lebende Muradov bevorzugt zudem Comics in ihm nicht geläufigen Sprachen, damit ihn deren über das Wort vermittelte Inhalte gar nicht erst enttäuschen können. Weiterhin schätzt er die Romane von Vladimir Nabokov, was zumindest teilweise seinen Hang zum Wortspiel erklärt. So lässt sich der Titel des Büchleins unter anderem als verbale Verballhornung von "The end of offence" lesen.

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Ein pornografischer Comic, der sich selbst zur Kunst erhebt, produziert für einen ominösen Markt und flankiert von Nacktbildern aus Skype-Sitzungen – »3 Books« ist die Geschichte eines Fakes, kommentiert von Mowgli aus dem Dschungelbuch

Das Zitat

"A genuine Weiwei!" – "It better be." – "And here's a Monk to go with it." – "Um."

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Das gefällt

Um im Weiwei'schen Kosmos zu verbleiben: Es sind eher die durch Handbemalung okkupierten Sonnenblumenkerne als die plakativ hindrapierte Schwimmwesten, die den Reiz ausmachen. Die Kritik an der Normierung der Emotion durch Algorithmen bringt eine Technik hervor, welche die Tradition der Magazinillustrationen eines Henry Heier aus den dreißiger Jahren zu einer finalen Selbstauflösung in formenarme Farbflächen überführt. Sie halten das visuelle Gedächtnis nach der Lektüre noch lange auf Trab. Auch ist eine geistige Verwandschaft zu dem wie Muradov selbst mehrfach preisgekrönten Illustrator Blexbolex zu attestieren, dessen "Niemandsland" Ähnlichkeiten bei der grafischen Konzeption aufweist; etwa die sich überdeckenden Farbflächen als bewusste Inszenierung von Grenzmarkierungen.    

Was ätzt der Kritiker?

Die Bilder des als Graphic Novel titulierten Büchleins könnten ebenso als Serie von Einzelillustrationen bestehen, da der narrativ recht dünn gesponnene Faden schon bald reißt. Daher wäre ein der Grafik angemesseneres und damit größeres Format hier dienlicher gewesen, um der evolutionär angelegten Illustrationstechnik Muradovs besser folgen zu können.

Coffee-table-Faktor

Das taschenkompatible Kleinformat würde lediglich auf einem Tisch aus der Barbiepuppen-Esszimmer-Serie imposant wirken, dort allerdings gut mit dem allgegenwärtigen Pink harmonieren.

Gewicht

101 Gramm.

»Roman Muradov: The End of a Fence«

10 x 14 cm, 100 Seiten, erschienen in englischer Sprache bei kuš! Mono #1