Bookmarks: Franz Marcs Skizzenbuch

Vermächtnis im Notitzbuchformat

Expressionistische Kunst braucht nicht immer die große Farbexplosion. Manchmal tun es auch zarte, kleine Bleistiftzeichnungen, wie diese Skizzen von Franz Marc, die jetzt zum 100. Todestag des deutschen Künstlers als Buch erscheinen. Ein letztes künstlerisches Vermächtnis im Notitzbuchformat.
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Bleistiftzeichnung aus »Franz Marc. Skizzenbuch aus dem Felde«

Was ist drin?

Es ist ein unprätentiöses Büchlein. 36 kleinformatige Bleistiftskizzen von Franz Marc sind darin zu begutachten. Sie sind zwischen März und Juni 1915 entstanden, ein Jahr, bevor der Künstler und Mitbegründer des Blauen Reiters an der Kriegsfront starb. Zum Anlass seines 100. Todestags erschien dieses handgroße Buch, dessen Inhalt als künstlerisches Testament angesehen werden kann.

Die These?

Die kostbaren Blätter sind aus konservatorischen Gründen nicht mehr ausleihbar. Deswegen sollen Marcs fragile Zeichnungen mittels dieses Faksimiles der Welt über die Staatliche Graphische Sammlung München hinaus wieder zugänglich gemacht werden, nachdem die Erstausgabe des Buches von 1956 seit Jahren vergriffen ist.

Schönste Seite?

Der Fuchs auf Seite 6 hat es der Kritikerin besonders angetan. Er fusioniert mit den Formen um ihn herum, entsteht aus den geraden Linien heraus. Es ist ein typisches Tiermotiv des Expressionisten, nur laufen einem in Marcs Tierwelt Füchse bei weitem nicht so häufig über den Weg wie Pferde oder Rehe. Eine nette Begegnung.

Der Autor:

Die Skizzen werden durch ein Nachwort von Michael Semff ergänzt. Der Kunsthistoriker und ehemalige Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung München, wo die Skizzenblätter gehütet werden, gibt uns einen Einblick in die Entstehungsumstände der Zeichnungen und erläutert knapp das Spektrum von Marcs ikonografischen Elementen, zwischen Flora, Fauna und Geometrie.

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No-name-Design, Outsiderkunst oder Messietum? Ein Künstlerpaar dokumentiert die gigantische Sammlung von Alltagsgegenständen in einem wunderbaren Museum der etwas anderen Art

Das Zitat:

„[Die Blätter] wirken als ganze, in sich gefügte Bilder, tauchen als solche aus Marcs Imagination als fertige Strukturen auf. In derart gefestigten Kompositionen gewahren wir nichts Beobachtendes, nichts Probierendes, keine Detailstudien, sondern Entitäten, kleine und zugleich große ‚Welten’, Miniaturen, die etwas unermesslich Kosmisches meinen. […] Als Skizzen wirken sie rätselhaft vollkommen, so als sei leise vorgeahnt, dass die spätere Umsetzung dieser Entwürfe für eine kommende, bessere Welt Utopie bleiben musste."

Wer braucht das?

Natürlich alle eingefleischten Fans von Franz Marc! Vielleicht auch die einen oder anderen angehenden Künstler, die in den letzten Zeichnungen des Expressionisten Inspiration suchen, oder diejenigen, die sich vor Augen halten wollen, dass selbst im Angesicht des Todes Aufhören keine Option ist.

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Das gefällt:

Es wirkt tatsächlich im ersten Moment so, als wäre einem ein kleines Skizzenbuch in die Hände gefallen, inklusive Leineneinband und gelblichem Papier. Die Blätter sind jeweils nur einseitig bedruckt, wie sie eben auch von Marc bezeichnet wurden, um das Verschmieren des Bleistifts zu vermeiden – man ertappt sich dabei, wie man sich davor selbst für einen Moment beim Umblättern fürchtet. Die leeren Rückseiten laden aber durch die Unmittelbarkeit der Zeichnungen auch dazu ein, selbst loszulegen und eigene kleine Welten mit dem Stift zu erschaffen.

Das ätzt die Kritikerin:

Es ist nur eine kleine Sache, die hier in Kritik gerät, aber zu bedauern ist sie dennoch sehr: Die erste Seite ist, wie oft üblich, mit dem Vorsatzpapier verklebt. Das Problem dabei ist, dass diese bereits mit einer Zeichnung bedruckt ist, die nun etwas an Fläche einbüßen muss – was sich bei nur 36 Blättern im Kleinformat von 10 x 16 cm doch bemerkbar macht.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Es ist kein prachtvoller Bilderschinken, der sich besonders eindrucksvoll auf einem schicken Nierentisch nebst Designerlampe inszenieren ließe. Dafür ist das Büchlein zu zurückhaltend mit seinem schlichten grauen Leineneinband und lediglich der eingeprägten Signatur Marcs auf dem Cover, die sich nur entziffern lässt, wenn man weiß, um wen es sich handelt. Vielleicht fügt es sich besser in einem kleinen, liebevoll kuratierten Stapel auf dem Schreibtisch mit eigenen Notizbüchern, Skizzenheften und dem einen oder anderen Reclam-Buch ein. Von daher: Eine wohlwollende 3.

Gewicht: Ca. 120 Gramm.