Bookmarks: 3 Books

Affären eines Zeichners

Ein pornografischer Comic, der sich selbst zur Kunst erhebt, produziert für einen ominösen grauen Markt und flankiert von Nacktbildern aus Skype-Sitzungen – »3 Books« ist die Geschichte eines Fakes, kommentiert von Mowgli aus dem Dschungelbuch.
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Blaise Larmee: "Nudes", Detailansicht der Seite 55 aus "3 Books"

Was ist drin?

Zentrum des Buches ist der Kunstcomic "Ice Cream Kisses", der eine wechselhafte Veröffentlichungsgeschichte aufweist: Erstmalig als vierseitiges Preview 2014 in der Comic-Anthologie "Mould Map 3" veröffentlicht, wirkte er mit seinen in fluoreszierenden Farben angelegten Dirty Talk-Dialogen aus einer angeblich vom Künstler mit einer Tumblr-Followerin geführten Skype-Session wie ein Sexting-Drama aus der Perspektive wärmesuchender Geschosse. Es folgte eine Vorabausgabe, deren PDF-Variante noch farbige Teilstrecken der ursprünglichen Vorschau aufwies. Die »3 Books« vorausgehende Druckfahne war bereits komplett in Schwarzweiß. Erweitert wurde die Endfassung um zwei eigenständige Teile; einer beinhaltet Zeichenstudien, ein weiterer von Larmee betextete Nacktfotos seiner Tumblr-Freundin.

Was ist die These?

Unverstandener Comic-Künstler mit High Art-Ambitionen zeigt dem Kunstbetrieb, was eine Harke ist. Diese wird hier durch cybersexuelle Inhalte und sequentielle Fortführung im Sinne der Bildaufhängung in Kunstgalerien symbolisiert; letzteres hat bereits Marcel van Eeden anlässlich der Ausstellung und Publikation von "The Zurich Trial, Part 1: Witness For The Prosecution" ähnlich gehandhabt.

Die schönste Seite?

Mowglis wütender Blick auf eine Sequenz sexueller Interaktion aus "Ice Cream Kisses". Kiplings kolonialpolitisch nicht unbelasteter Dschungelboy ist hier kontextgerecht disneyfiziert und in feinen skizzenhaften Strichen außerhalb eines Fotos platziert, das die voneinander separierten und mit grobem Strich ausgeführten Panels in einer Galerie hängend zeigt. Dabei lenkt der durch eine Linie unterteilte Galerieboden ebenso wie an der Decke befindliche Leuchtröhren in pfeilartiger Ausrichtung den Blick auf den Dschungelboy – das ist visuelle Dramatik!

Der Autor

Blaise Larmee ist ein Internetphantom mit vielen Identitäten und Accounts in den sozialen Medien. Er erscheint in Interviews oft nur schwer fassbar, was aber Teil werkübergreifender Inszenierung ist. Seine Kunst fußt auf der Kritik der von kunstbetrieblicher Seite stets ungewürdigten Comics. Larmees Arbeiten sind somit eine Fortführung von kritischer Analyse mit sequentiellen Mitteln, die er technisch versiert und dem Thema angemessen mit Markern auf Fotopapier oder Öl auf Leinwand darlegt.

Das Zitat

"After several emails it became apparent that the young artist wanted to lose her virginity."

Wer braucht das?

Wer sich für das Konzept im Konzept interessiert. Oder für liebevoll produzierte Fakes, die von auf Papier des skandalträchtigen kalifornischen Hotels Chateau Marmont ausgeführten Illustrationen bis zum leicht verblichenen Stempel der New York Public Library auf der ersten Umschlaginnenseite reichen. Überdies sind die verschiedenen Vorworte zu den einzelnen Segmenten des Buches in ihrer Nacherzählung seiner merkwürdigen Entstehungsgeschichte sehr unterhaltsam, Stichwort: "Grey Market".

Das gefällt

Die Aufmachung ist stilvoll und von schlichter Eleganz. Der beste Moment ist, wenn der Leser das Buch aufklappt und beim Krachen des Einbandes erschrocken innehält, weil er eine schludrige Klebebindung vermutet. Doch der geleimte Block wird von eine soliden Fadenbindung gehalten, so dass man den  Effekt durchaus als intendiert und als physische Metapher für das oben aufgeführte Zitat über ihre Jungfräulichkeit verlierende Künstler werten kann.

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Was ätzt der Kritiker?

Unklar bleibt, inwieweit die Zurschaustellung einer Verehrerin des Künstlers ein kritischer Seitenhieb auf unseriöse Praktiken im Kunstgeschäft ist, oder ob Larmee hier nur provozieren will. Erhellend erscheint die Antwort auf die deswegen in einem Interview von 2015 gestellte Frage nach dem in ähnlichen Grauzonen operierenden Modefotograf Terry Richardson, in deren letzten Sätzen der Fragesteller plötzlich unter Einbezug seiner Nationalität von Larmee angesprochen wird: "Look at Germany. Your inheritance is all you ever have to work with. Melancholy is the basic political identity. But I don't really feel sad about it. It's more boring than anything." Ebenso stellt sich die Frage nach dem Verzicht auf die ursprüngliche Kolorierung, deren Verlust dem Comicteil einiges von seiner ungezügelten Intensität nimmt. Aber zur Inszenierung einer klinischen und sterilen Galerieatmosphäre hätte sie konzeptuell nicht getaugt, und vermutlich war sie Resultat des farblich attackierenden Mould-Map-Konzeptes vom Artfreudenhaus.

Coffee-table-Faktor

Auf dem Coffee Table nur zu empfehlen, wenn Sie keine Galerie haben.

Gewicht

Ca. 635 Gramm.

Blaise Larmee: 3 Books

Das Buch ist im Verlag 2D Cloud erschienen und kostet 29.95 Us-Dollar.