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Deutsche Gemütlichkeit

Der Fotograf Christian Werner dokumentiert mit seinem Bildband "Stillleben BRD" Artefakte eines urdeutschen Lebensstils und die heimelige Ästhetik eines westdeutschen Haushaltes der Nachkriegszeit.
Deutsche Gemütlichkeit

Christian Werners Stillleben-Motive zeugen von einer urigen BRD-Gemütlichkeit

Was ist drin?

Während des Durchblätterns ist man verführt zu sagen: Gardinen, Garderoben, Konserven, Marmortischplatten und immer wieder Dürers betende Hände. In Bild und Text, wobei Text schon fast zu viel gesagt ist. Denn eigentlich sind es Miniaturen von Autoren, die sonst Romane schreiben oder für Magazine tätig sind. Und die Fotografien der Alltagsgegenstände fügen sich auch ohne Worte zu einer westdeutschen Nachkriegsbiografie aus der Provinz.

Die Zeilen erzählen Geschichten über Dinge, die noch vor wenigen Jahrzehnten zum Inventar eines jeden Haushalts in Westdeutschland gehörten: das Sonntagsgeschirr, ein CD-Ständer oder ein Globus. Nach dem Tod des Großvaters eines alten Schulfreundes war der Fotograf Christian Werner im Dezember 2014 noch einen Tag mit seiner Kamera in dem Haus in Delbrück, kurz bevor es entrümpelt und neu vermietet wurde. Was er dort vorfand war deutsche Gemütlichkeit, die im Blick zurück zu einem eigentümlichen Stillleben der Bundesrepublik wird.

Was ist die These?

"Als Herr B. starb, starb auch ein kleiner Teil der BRD. Er und seine Frau hatten Westdeutschland nicht nur bevölkert, sie hatten es verkörpert: durch das, was sie aßen, was sie arbeiteten, was sie für ihr Zuhause auswählten.“ Mit dem Tod von Herrn B., schreibt Amely Deiss in ihrem Vorwort weiter, wurden die Wohnung, ihre Einrichtung und all die angesammelten Dinge des Ehepaares B. plötzlich nutzlos. Als der Fotograf Christian Werner Stillleben die Stillleben vor Ort festhielt, dokumentierte er nicht nur die Lebenswelt ihrer ehemaligen Bewohner. Nicht der Teufel, sondern die Allgemeingültigkeit liegt hier im Detail. Die zurückgebliebenen Dinge im Haus formieren "ein Sediment der Alltagsgeschichte des bundesdeutschen Durchschnittsbürgers“, so Antonia von Schöning.

Die schönste Seite?

Ein bisschen Wolfgang Tillmans, ein bisschen Juergen Teller: Da ist jede Seite schön, wenn man denn die Ästhetik mag, das Blitzlicht auf den Dingen, den Gelbstich einiger Bilder, die Komposition, die vorgibt, keine zu sein. Aber da explizit nach der schönsten Seite gefragt wird: Ein Bild zeigt Dürers betende Hände als Bronze-Relief neben zwei Kruzifixen. Darunter hängt das Hochzeitsfoto des Brautpaares B., das Christian Werner angeschnitten zeigt. Nur die Köpfe des Ehepaares, der Blick aus einer anderen Zeit, ragen in sein Bild. Und plötzlich weiß man, wem all diese Gegenstände gehörten, wer das Haus bewohnte und wer sich mit all dem zufrieden gab, was zwar längt nicht mehr en vogue war, aber was sich eben im Laufe des Lebens ansammelte.

Die Autoren:

Ziemlich viele. Sogar so viele, dass man sie namentlich im Rahmen einer Kurzrezension gar nicht alle nennen kann. Zu den beiden Hauptpersonen: Der Fotograf Christian Werner, 1977 in Paderborn geboren, lebt und arbeitet als freier Fotograf und Grafikdesigner in Berlin. Seine fotografischen Essays, Reportagen und Porträts erscheinen regelmäßig in Zeitungen und Magazinen. Der dokumentarische Blick auf die Geschichte der BRD zieht sich durch sein fotografisches Werk. Herausgegeben hat den Katalog zur Ausstellung Amely Deiss, die Leiterin des Kunstpalais der Stadt Erlangen. Zwanzig Autoren haben Textminiaturen beigesteuert, die mal kulturgeschichtliche Überlegungen, mal Prosaspielereien sind, darunter ein Beitrag von Rafael Horzon über den Teppichfransenkamm.

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Das Zitat:

"Wenn es also so sein sollte, dass die Kleidung unsere zweite und das Haus unsere dritte Haut ist, dann ist der Verzicht auf die Gardine ein Akt der Entblößung.“ – Clemens Niedenthal im Band über "Die Gardine“

Wer braucht das?

Jeder, der einmal in einem Partykeller mit Holzvertäfelung und Glasaschenbechern ein rauschendes Fest (den 60. Geburtstag von Onkel Rudi) gefeiert oder Flaschendrehen gespielt hat.

Das gefällt:

Die Detailverliebtheit des Fotografen, sein Blick auf längst vergessen Geglaubtes. Und die lose Verbindung von Bild und Textminiaturen, die man als Leser annehmen kann, aber nicht muss. Beim Blättern durch das Buch kann schon mal Nostalgie aufkommen, denn wer hat nicht eine Oma, einen Onkel oder auch einen Cousin, der sich die deutsche Gemütlichkeit in den eigenen vier Wänden nicht nehmen lässt.

Deutsche Gemütlichkeit

Was ätzt die Kritikerin?

Muss die fotografische Dokumentation deutscher Gemütlichkeit unter dem Titel "Stillleben BRD" tatsächlich mühsam mit der historischen Gattung des Stilllebens verglichen werden? Lebensmittelkonserven im Regal versus Speisen und Früchte auf Tischplatten, industriell gefertigte und verpackte Objekte versus überreife Frucht samt auf ihr sitzender Fliege, quadratische Toastscheiben, die für die Ewigkeit trocknen. Der Titel "Stillleben BRD" ließe sich sicherlich auch ohne die Rückbindung ins 17. Jahrhundert und Vergleiche mit Stillleben und Historienbildern erschließen.

Und gab es das nicht eigentlich auch schon hundert Mal, dass ein Fotograf in die Wohnung eines Verstorbenen gegangen ist, um irgendetwas zu dokumentieren?

Coffee-table-Faktor:

Stillleben BRD ist Bildband und Lesebuch zugleich, als Coffee Table Book möchte es vermutlich gar nicht durchgehen. Opulent kommt es auch nicht daher, es ist vielmehr dem Sujet angemessen schlicht in der Gestaltung. Daher: 2 Punkte.

Gewicht:

983 Gramm