Bookmarks: Bildband »Money«

For the Love of Money

Geld regiert die Welt, und gebunkert wird es in der Schweiz. Dass der Bildband »Money« ausgerechnet von einem Zürcher Designbüro herausgegeben wird, kann also kein Zufall sein. Das Trio Prill Vieceli Cremers hat Banknoten aus aller Welt genauer unter die Lupe genommen und zeigt uns die schönsten und skurrilsten Scheine im Detail.
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So schön kann Geld sein: Darstellung des Kinderromans "Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen"

Was ist drin?

Leider kein Geld, aber Detailansichten von Geldscheinen aus der ganzen Welt. Sie erzählen vom Technologie- und Fortschrittsglauben, von glücklichen Schulkindern, prächtigster Fauna und Flora, von Dichtern, Denkern und Arbeitern, kurzum: Bilder voller Pathos und überbordender Symbolik. Die Banknoten werden in stark vergrößerten Ausschnitten gezeigt. Wertzahlen und Hinweise auf Herkunftsländer wurden (fast) ganz ausgelassen, um das Augenmerk auf die Ästhetik der Scheine zu lenken. Das schult das ikonografische Auge, schärft den Blick für den unterschiedlichen Einsatz von Rastern, und dafür, wie verschieden grob oder fein die Illustrationen gezeichnet sind. Vermeintlich bedeutungslose Hintergründe erscheinen nun als symbolträchtige Muster.

Die These?

Mit den visuellen Metaphern auf den Banknoten wird eine romantisierte und idealisierte Welt proklamiert. Neben ihrem Geldwert dienen Scheine also auch als visuelles Extrakt der jeweils vorherrschenden Ideologie.

Schönste Seite?

Die Entscheidung fällt schwer und deswegen auf zwei Seiten: Ein Lieblingsmotiv ist ein kleiner Junge mit Zipfelmütze, der auf dem Rücken einer Wildgans über Wiesen und Felder fliegt. Woher der Schein mit Nils Holgersson stammt ist kein großes Rätsel. Die zweite Lieblingsseite zeigt den Kontrast zwischen Tradition und Innovation. Wir sehen einen mythologisch anmutenden Drachen nebst Schörkelwolken, der über eine City-Skyline und Autobahnen wacht.

Die Autoren:

Prill Vieceli Cremers, ein Grafiker-Trio, das seit 2001 ein Designstudio in Zürich betreibt. Elf Jahre lang waren sie überall auf der Welt auf der Jagd nach Geld – natürlich aus rein ästhetischem Interesse.

Das Zitat:

Das einzige Stückchen Text in dem Buch trifft es schon ziemlich gut: "Money is a mystery. For the past 11 years, we have been fascinated by the visual value of banknotes, by how pictures are used – all over the world – to imprint value on paper that would otherwise be worthless."

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Zerstört, entweiht und zweckentfremdet – in ihrem neuesten Bildband "Ukraine Series" zeigt Fotokünstlerin Johanna Diehl Aufnahmen ehemaliger Synagogen in der Ukraine, die jetzt als Turnhalle, Kino oder Autowerkstatt genutzt werden

Wer braucht das?

Geldsammler und gelangweilte Millionäre, die sich für die Gesichter ihres Vermögens interessieren. Und alle, die sich für pathosgeladene Motive begeistern können und mit Banknoten auf eine kleine gedankliche Weltreise gehen möchten.

Das gefällt:

Mit der Gegenüberstellung von zwei Motiven auf einer Doppelseite entstehen oft vollkommen neue, spannende Deutungsmuster. Damit gelingt der Fokus auf die Ästhetik der Motive. Durch die Kontraste verschiedener, aber auch durch die Wiederholung von gleichen Mustern und Motiven verstärken sich die symbolträchtigen Illustrationen gegenseitig.

Das ätzt die Kritikerin:

Das Fehlen von jeglichen Informationen zu den Herkunftsländern, Wert- oder auch Jahreszahlen mag zwar eine bewusste Entscheidung gewesen sein – bedauerlich ist es dennoch. Bei manchen Motiven ist das Gefühl der Unwissenheit so stark, dass es mit einer anschließenden Google-Recherche beseitigt werden muss. Das funktioniert natürlich nur bedingt. Gerade eine zeitliche Einordnung und ein Hinweis darauf, ob die Banknote noch im Umlauf ist, wären spannende Ergänzungen, zum Beispiel bei Motiven mit Sklavereidarstellungen.

Coffee-Table-Factor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

Jede Seite ist faszinierender als die nächste. Man kann sich sowohl in den Mustern, Farben und Linien verlieren, als auch auf Metaphern-Jagd gehen. Das Buch bringt großes Ratespiel-Potential mit sich, obwohl oder gerade weil es auf die Auflösung verzichtet – 4.5 von 5 Punkten.

Prill Vieceli Cremers: Money

Der Bildband erschien 2015 bei Edition Patrick Frey hat 256 Seiten und kostet 60 Euro.

Edition Patrick Frey

Prill Vieceli Cremers