Kleine Bildanalyse – Kolumne von Antje Stahl

Der zweite Tod

Bilder erzählen die besten Geschichten. Antje Stahl schreibt sie auf. Eine Freundschaftsanfrage auf Facebook führt die Kolumnistin diesmal in den morbiden Abgrund digitaler Bildarchive.
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Für ihr Projekt "Partners" (2002) sammelte Künstlerin Ydessa Hendeles 3000 Fototgrafien aus Familienalben, die Menschen mit ihren Teddybären zeigte. Hier eine Ansicht aus dem Haus der Kunst in München.

Freundschaftsanfragen auf Facebook von Fremden machen mich skeptisch. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen. Ich frage mich jedes Mal, was die von mir wollen und lande meistens bei derselben Antwort: Mich vollfeeden mit Ihrem Zeug. Facebook ist Werbung. Wer ein Produkt hat, muss so viele Freunde wie möglich gewinnen, die Wahrscheinlichkeit, dass sich irgendeiner dafür interessiert, wird dann immer größer.

Elmar Mauch hat 878 Freunde. Jedenfalls steht das auf seiner Facebook-Seite. Ich hoffe, er nimmt mir das jetzt nicht übel, dass ich das hier so veröffentliche. 150 davon sind Freunde, die wir teilen. Ich weiß nicht, wie Sie das handhaben. Aber je mehr Freunde ein Fremder mit mir teilt, desto eher akzeptiere ihn. Die soziale Auslese ist wichtig. Darüber beschweren sich in diesen Tagen ja sehr viele. Aber ändern tut sich dadurch nichts. Auf Facebook unterscheidet man zwischen Bekannten und den Anderen. Die Anderen machen einen skeptisch.

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Antje Stahl ist studierte Kunsthistorikerin. Als freie Autorin schreibt sie für verschiedene Zeitschriften über Kunst und Kultur. Sie lebt in Berlin.

Von den 150 gemeinsamen Kontakten kenne ich zwar so gut wie keinen persönlich. Ich überprüfe das gerade. Trotzdem bin ich jetzt mit Elmar Mauch befreundet. Sein Produkt interessiert mich. Es handelt sich um ein Archiv verwaister Bilder. Jedenfalls steht das auf der Website, die er auf seiner Facebook-Seite verlinkt. Ich schaue sie mir gerade an. Auf der Webseite liegen mehr als 100 000 alte Fotos. Eigentlich gehören diese Fotos in Familienfotoalben. Aber Fotoalben sind nicht mehr up to date, und Familien wohl auch nicht.

Muss ich jetzt alle meine Fotos löschen?

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"Anthropologische Besonderheiten 03_Turnen" von Elmar Mauch, dessen "Institut für künsterische Bildforschung" unterschiedliche Strategien im Umgang mit gefundenen Bildern verfolgt.

Ich finde oft alte Fotos, meistens auf Flohmärkten in verrosteten Kisten. Für die Menschen, die auf diesen Fotos abgebildet sind, muss das wie ein zweiter Tod sein, glaube ich. Solange sich jemand an einen Menschen erinnert, lebt er ja irgendwie noch weiter. Aber wenn niemand mehr seinen Namen und seine Geschichte kennt, stirbt auch die Person hinter dem Gesicht. Das kann man ganz gut an dem Archiv ablesen.

Elmar Mauch hat die Fotos kategorisiert, ein bisschen so wie Peter Piller, Erik Kessels oder Ydessa Hendeles. Mauch sortiert nach Sujets. Es sind so viele Sujets, 600 insgesamt, dass man komplett den Überblick verliert, aber klar ist: Die Personen, die auf den Fotos abgelichtet wurden, sind komplett egal. Wichtig ist, was sie tun. Auf Fellen liegen (Babys), Fussball spielen (Männer), Esel reiten (Frauen und Männer), Balancieren (Kinder, Frauen und Männer). Das Persönliche wird also zugunsten einer Anthropologie getilgt, nicht die vergessene Geschichte der Dame mit Hut, die auf einem Geländer vor den Niagara-Wasserfällen sitzt und in eine Kamera lächelt, wahrscheinlich irgendwann in den 1930er oder 1940er Jahren, wird erzählt. Es wird darüber informiert, dass Menschen gerne vor Wasserfällen posieren.

Ich weiß nicht, wie Sie das finden. Ich möchte niemals für so eine Kategorie herhalten. Ich möchte echt erinnert werden. So mit fast allem, was ich bin und denke und meine. Muss ich deshalb alle meine Fotos löschen? Verwaist sind ja nicht nur alte Fotos auf Flohmärkten. Das ganze Internet ist voll davon. Über die Google-Bildrecherche kann ich unter dem Stichwort "Frauen" in Millionen Gesichter gucken, die ich nicht kenne. Jede dahinterstehende Person ist schon tot, auch wenn sie noch irgendwo auf dieser Welt lebt. Die einzigen Lebenden sind vielleicht meine Freunde auf Facebook. Immerhin kenne ich ihre Namen. Und wenn ich mir Zeit nehme, kann ich vielleicht sogar etwas über sie erfahren, das über das hinausgeht, was sie auf den Bildern tun, die sie auf ihren Profilseiten haben. Auf meiner steht ein Foto, für das ich vor einem Motorrad posiere. "Motorräder" wäre die Kategorie, in die Elmar Mauch mich einsortieren würde. Aber ich verlange hiermit, dass er das schön sein lässt. Sonst bleiben wir uns fremd, und unter Fremden lebt es sich unter Umständen grausam, jedenfalls sehr einsam.

Vielleicht sind Facebook-Freundschaftsanfragen deshalb mehr als Werbemaßnahmen. Sie sind der Weg ins Familienalbum. Ich wünschte, ich könnte 2017 die ganze Welt anfreunden.

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