Kleine Bildanalyse – Kolumne von Antje Stahl

Kopf frei für’s Wesentliche

Bilder erzählen die besten Geschichten. Antje Stahl schreibt sie auf. Diesmal meditiert sie in der Berliner U-Bahn über den Zusammenhang von Beziehungslosigkeit, Wohnungsmöblierung und Designerklamotten.

Ich habe mir "ankommen" immer schön vorgestellt. Ich weiß, das Wort klingt nach Langeweile, aber wenn man wie ich 35 Jahre lang mit der Anreise beschäftigt ist, ist man etwas erschöpft und will auch mal parken. Ich möchte keine Garage hinter einem Reihenhaus haben. Aber ich könnte mir vorstellen, bei einem anderen Menschen zu parken, mich sogar in ihm einzurichten.

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Neulich am U-Bahnhof Potsdamer Platz begegnete ich dann einem Mann. Er sah total okay aus. Es gab nur zwei Probleme. Im Gegensatz zu mir war er bereits angekommen. Und sehen konnte er mich auch nicht. Soweit ich das Schild entziffern konnte, das vor der Ledercouch montiert war, auf der er mit geschlossenen Augen im Schneidersitz Platz genommen hatte, konzentrierte er sich auf etwas Wesentliches.

Die Immobilienfirma Berlinovo wirbt damit für "Möbliertes Wohnen auf Zeit". Sie besitzt fast 7000 Apartments im Stadtgebiet Berlin, 2015 waren laut Geschäftsbericht davon 93% ausgelastet. Es gibt mit anderen Worten sehr viele Menschen, die hier ankommen und sich auf Wesentliches konzentrieren müssen. Fragt sich nur, was das eigentlich ist?

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Antje Stahl ist studierte Kunsthistorikerin. Als freie Autorin schreibt sie für verschiedene Zeitschriften über Kunst und Kultur. Sie lebt in Berlin.

Der Mann auf dem Poster trägt eine weite Schluffi-Hose und ein weißes kurzärmliges Hemd, das so weit offen steht, das man seine Brusthaare und seinen Bauchansatz sieht. Er wird also auf keine Party mehr gehen und viel Zeit mit Herrenausstattern oder im Fitnessstudio verbringt er auch nicht. Der gestutzte Bart könnte noch auf einen Termin im Barbershop schließen lassen, aber seine Frisur (ein Zopf, soweit ich das erkennen kann) verbietet diesen Eindruck eigentlich. Um Designerklamotten und Körperstyling kann es also nicht gehen.

Das ist auch gut so. Mark Wahlberg, dem ich in meiner Pubertät an der Bushaltestelle in Calvin Klein Unterwäsche begegnet bin, hatte zwar noch Muskeln und keine Brusthaare. Aber Hanteln fördern weder innere Werte noch Intelligenz. Zudem haben Designerklamotten ihre gesellschaftliche Funktion verloren.

Exklusivität besitzt heute keinen Wert mehr

Das liegt nicht nur daran, dass die Modebranche als Industrie entlarvt wurde, die im Wochentakt neue Trends auf den Markt wirft, die der Geldbeutel meiner Einkommensklasse unmöglich abdecken kann. Das liegt vor allem daran, dass Exklusivität keinen Wert mehr hat. Ich jedenfalls konnte die Pop-Leute noch nie leiden, die den Golf und den Gucci-Anzug über die Politik und sich selbst über die Gemeinschaft gestellt haben. Nun wurde Donald Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Und ich stehe nicht mehr alleine mit dieser Meinung da. Der Mann auf dem Poster leistet mir auch Gesellschaft. Nur merkt er, glaube ich, nichts davon.

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Bilder erzählen die besten Geschichten. Antje Stahl schreibt sie auf. Für ihre erste art-Kolumne musste sie sogar einen neues Wort erfinden

Seine Körperhaltung beweist das. Meditation und Yoga sollen den Geist beruhigen, aber der Rückzug der Sinne verhindert den Blickkontakt zu mir und all den anderen Fahrgästen. Manche würde sogar behaupten, den Weltbezug. Die Wohnung war mal ein kleiner Weltraum. Hier führte man Beziehungen – sei es zum Tisch seiner Großmutter oder seinen Büchern und sogar zu seinen Nachbarn. Wenn all die Menschen, die in Berlin auf Zeit wohnen, dieser Beziehungen beraubt sind, darf man sich nicht wundern, dass sie die Augen verschließen: Wesentlich bleiben nur sie selbst.

Ich hoffe, Werbung lügt. Die Welt (und ich) gehen sonst zugrunde.

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Bilder erzählen die besten Geschichten. Antje Stahl schreibt sie auf