Kleine Bildanalyse – Kolumne von Antje Stahl

»Phalling«

Bilder erzählen die besten Geschichten. Antje Stahl schreibt sie auf. Für ihre erste art-Kolumne musste sie sogar einen neues Wort erfinden.
»Phalling«

In der griechischen Mythologie war Priapus der Gott der Fruchtbarkeit. Gut zu erkennen an seiner kapitalen Dauererrektion, wurde er auch im antiken Rom populär und war Bestandteil vieler obszöner und humoristischer Darstellungen. Dieses historische Priapus-Fresko gehört zur Sammlung des Museo Archeologico Nazionale.

Aus gegebenen Anlass würde ich gerne einen neuen Begriff einführen. Er heißt "Phalling" und bezeichnet die Gefahr, über einen Phallus zu stolpern. In Pompeji kann das Touristen passieren: Ein Phallusstein weist in der antiken Stadt am Straßenrand den Weg zu einem Bordell. Im Internet dagegen mussten sich die meisten User der Internetseite chatroulette.com in Acht nehmen, um per Zufallsgenerator nicht in einem Chatfenster mit einem Mann verbunden zu werden, der sein persönliches Fruchtbarkeitssymbol vor der Kamera seines Laptops präsentierte. Aber diese Begegnungen sind hier nur halb gemeint.

Antje Stahl
Antje Stahl ist studierte Kunsthistorikerin. Als freie Autorin schreibt sie für verschiedene Zeitschriften über Kunst und Kultur. Sie lebt in Berlin.

Mit dem Brief des FBI Chefs James Comey, in dem er dem Kongress vor wenigen Tagen mitteilte, dass seine Behörde einen Laptop von Anthony Weiner beschlagnahmte, kehrt leider auch die Erinnerung an ein Foto zurück, das das Phänomen Phalling quasi begründete – oder zumindest berühmt gemacht hat. Es ist ein Handyfoto, das Weiner von seiner Erektion in einer grauen Boxershorts machte und 2011 über den Image Hoster "yfrog" veröffentlichte; den Link zur Abbildung verschickte er, seinerzeit US-Kongressabgeordneter, an eine Nutzerin über Twitter – und versehentlich auch an alle anderen seiner 56 000 Follower. So gelangte das Foto auf die Bildschirme von Bloggern, Journalisten und seiner Frau Huma Abedin, die eine enge Mitarbeiterin von Hillary Clinton ist. Abedin hielt damals noch zu ihm, die amerikanische Öffentlichkeit aber empörte sich heftig über das Foto. Nancy Pelosi, Führerin der Demokraten im Repräsentantenhaus, forderte sogar eine Untersuchung durch den Ethikausschuss. Weiner war gezwungen, sein Mandat niederzulegen. Aufgehört pornografische Selfies von sich zu verschicken, hat er deshalb aber nicht. Es ist ein eigenartiges Verhalten, aber Weiner ist bei Weitem nicht allein damit: Bei Tinder, WhatsApp oder Snapchat sind Phallus-Selbstdarstellungen ein verbreitetes Genre.

Beliebt ist offenbar, die Länge des eigenen Penis an technischen Geräten zu messen.

Am Wochenende erst wurde mir ein Fotoband gezeigt, für den Künstler Erik Kessel Phallus-Darstellungen aus Sozialen Netzwerken auf 240 Seiten sortiert und kategorisiert hat. Es kostet wahnsinnig viel Kraft, das Buch nicht sofort wieder wegzulegen. Im Vergleich zu Weiner verpacken die meisten Männer ihre Erektion nämlich nicht. Im Gegenteil: Sie untersuchen ihre Standhaftigkeit in jeder nur erdenklichen Weise. Beliebt ist offenbar, die Länge des eigenen Penis an technischen Geräten zu messen. Fernbedienungen oder Computertastaturen werden dabei als Maßstab gesetzt. Im Begleittext wird dieses Verhalten als Ausdruck von männlicher Eitelkeit bezeichnet. In der Kunstgeschichte war der Phallus eher ein Zeichen von Fruchtbarkeit oder von Macht. Um letztere geht es offenbar heute noch so manchem Verfechter überholter Männlichkeitsrhetorik.

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Im ersten Fernsehduell Anfang September warf Donald Trump Clinton vor, sie verfüge nicht über genügend "stamina". Ich habe die Sendung in einer Bar in Brooklyn gesehen. Bei jedem verbalen Angriff von Trump lachten die New Yorker hysterisch; niemand war in der Lage, das Geschehen auf dem Bildschirm anders zu verarbeiten. Bei dem Begriff "stamina" wurde es besonders laut. Das Wort bedeutet Ausdauer, wurde aber von meinen Sitznachbarn sofort als Stehvermögen ausgelegt, also als Angriff auf das Geschlecht gesehen. "What Trump is saying is: If you don’t have a dick, you can’t have stamina", wurde mir erklärt.

»If you don’t have a dick, you can’t have stamina«

Im Gegensatz zu ihren Wählern blieb Clinton ruhig. Sie entlarvte ihren Gegner als einen Mann, der erst ihr Erscheinungsbild angreift und im nächsten Zug unter die Gürtellinie greift, um sie zu diskreditieren. Clinton riet Trump, erst in 112 Länder zu reisen und Friedensverhandlungen zu führen, bevor er mit ihr, der Außenministerin, über "stamina" diskutiert. Welche Einblicke dieser Moment des Fernsehduells bereits in Trumps Frauenbild gewährte, wurde spätestens klar, als die bekannten Tonbandaufnahmen veröffentlicht wurden: Der Kandidat der Republikaner missbraucht seine Macht, um Frauen sexuell zu nötigen. Damit schien auch der Ausgang der Präsidentenwahl entschieden. Mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit würde Clinton gewinnen, hieß es.

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Dass nun Zweifel darüber entstehen, liegt ausgerechnet an einem Laptop, der wiederum Anthony Weiner gehört. Seinerzeit waren die Frauen, denen Weiner Fotos schickte, volljährig. Nun wird ihm vorgeworfen, einem minderjährigen Mädchen pornografische Selfies geschickt zu haben. Sexuelle Nötigung wird so auch im digitalen Raum praktiziert – und verfolgt.

Das FBI beschlagnahmte Weiners technischen Geräte und soll Emails gefunden haben, die die Ermittler erneut veranlassten, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie Clinton mit Informationen in ihrer Amtszeit als Außenministerin umgegangen ist, ob sie geheime Dokumente über private Kanäle verschickte. Keiner weiß bislang, ob Clinton die E-Mails, die auf diesem Laptop gefunden wurde, verfasste und ob es sich überhaupt um dienstlichen Schriftverkehr handelt. Trotzdem bringt sie der Selbstdarstellungsdrang eines Mannes offenbar ein weiteres Mal in Bedrängnis. So kurz vor den Wahlen ist das mehr als eine Ironie des Schicksals. Bleibt zu hoffen, dass Clinton in den letzten Wahlkampftagen genügend Stamina hat, um nicht zum Kollateral-Opfer von Phalling zu werden.

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