Gib mir fünf! - Tipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Jede Woche präsentieren wir Kunst, die Sie auf keinen Fall verpassen dürfen. Diesmal mit Tribünenkunst, kreativer Capoeira, einer Talentschau im Ruhrgebiet, einer Zirkulation des Ichs und einem fotografischem Tagebuch.

Hamburg: Tribünenkunst

Normalerweise strömen die Hanseaten ins Stadion am Millerntor, um die braunen Stürmer des FC St. Paulis beim Kicken anzufeuern. Doch ganz anders zum kommenden Wochenende:

Vom 29. bis zum 31. Mai verwandeln rund 80 Künstler auf 4000 Quadratmetern das St.-Pauli-Stadion in einen interaktiven künstlerischen Produktions- und Ausstellungsraum. Mit von der Partie: Das internationale Netzwerk Viva con Agua, das mit einer Benefizauktion auf das weltweite Problem der Trinkwasserversorgung aufmerksam macht. Charity, zeitgenössische und urbane Kunst, Musik, Fußball und Wissenschaft werden hier verbunden, international Kunstschaffende treffen im Rahmen der "Millerntor Gallery #4" auf Newcomer. Das Highlight bilden drei großangelegte interaktive Kunstprojekte:

Der Film "Inside Out: The People's Art Project" des französischen Fotografen und Street-Art-Künstlers JR ist eine Dokumentation über ein Netzwerk, an dem sich jeder beteiligen kann. Frei nach dem Wunsch des Künstlers – "I wish for you to stand up for what you care about by participating in a global art project" – ist jeder dazu aufgerufen, ein Porträt auf JRs Homepage hochzuladen. Dieses wird vom Künstler selbst in A0-Plakatgröße ausgedruckt und zum Plakatieren an den Urheber zurückgesandt. Mit dem "photographic truck", einem mobilen Fotoautomaten, beteiligen sich die Veranstalter produktiv an JRs Projekt.

Erhellend wird es bei Nils Kasiske, der den Besucher animiert, in einer Black Box Licht-Graffiti zu erzeugen, die schließlich mit einer Kamera aufgenommen und dann auf seiner Webseite veröffentlicht werden. Auch der dänische Künstler Ólafur Elíasson sorgt mit seinem Projekt "Little Sun" für Erleuchtung im Stadion: Gemeinsam mit dem Ingenieur Frederik Ottesen hat er eine kleine Leuchte mit Solarkollektor in Form einer Sonne entwickelt, die tagsüber das Sonnenlicht speichert und es bei Knopfdruck wieder freigibt. Als internationales Kunstprojekt und etabliertes wirtschaftliches Produkt, sensibilisiert die "kleine Sonne" für die Notwendigkeit von weltweitem Zugang zu Elektrizität.

Die Ausstellungen der Millerntor Gallery sind vom 29. Mai bis 31. Mai im Hamburger Stadion des FC St. Pauli zu sehen

Berlin: Kreative Capoeira

Deutschland ist im Brasilienfieber und das, wie sich herausstellt, nicht nur wegen der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Mit seiner neuen Ausstellung "Brazil" lädt der deutsche Künstler Olaf Heine nämlich nun den Betrachter auf eine unkonventionelle visuelle Reise quer durch das Land des Karnevals. Klischees vor programmiert? Keinesfalls! Ohne jegliche Stereotypisierung liefert Heine mit über 40 Schwarzweißaufnahmen einen faszinierenden Einblick in die Kultur, Lebensweise und Architektur Brasiliens.

Neben Porträts, Akten und Landschaftsfotografien umfasst sein Werk monumentale Architekturdarstellungen, die auf die Entwürfe des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer zurückgehen. "Das ganze Universum ist aus Kurven gemacht", hat Niemeyer einst betont und mit seinen revolutionären Architekturen die Planhauptstadt Brasília zum Kulturwelterbe gemacht. Inspiriert durch den Architekten, integriert Olaf Heine Niemeyers gebaute Meisterwerke in seinen Arbeiten und kreiert harmonische Kompositionen aus Landschaft, Menschen und Architektur.

Die Ausstellung "Olaf Heine. Brazil" ist vom 31. Mai bis 21. Juni in der Berliner CWC Gallery zu sehen

Frankfurt: Zirkulation des Ichs

Immer schneller, höher, weiter – so lautet das Credo der postmodernen Gesellschaft. In einem Jahrhundert, in dem der Mensch stets vor der Aufgabe steht, das eigene Leben in einer sich ständig erweiternden globalen und virtuellen Welt zu optimieren, werden Themen wie Sucht, Depression, Sinnentlehrung oder Absurdität auf den Plan gerufen. Wer bin ich und wo stehe ich innerhalb der Gesellschaft? Jenem steten Zirkulieren des Menschen um sich selbst widmet sich nun eine Gruppenausstellung von 18 zeitgenössischen Künstlern, die mit Installationen, Film, Gemälden und Performances unserer Gesellschaft im Ganzen, aber auch jedem Einzelnen den Spiegel vorhalten. Grundlage bildet der titelgebende Roman von David Foster Wallace "Unendlicher Spaß", der Ergebnisse und Konsequenzen der modernen Erlebnis- und Spaßgesellschaft skizziert. Unter Verweis auf die literarische Vorlage, demonstrieren die Kunstwerke auf teils ernste, auf teils ironische Weise die unterschiedlichsten Anforderungen an das Ich und reflektieren zwischenmenschliche Beziehungsstrukturen.

So entwirft der US-amerikanische Künstler Ryan Trecartin mit seinen Filmen und Installationen eine sich in rasendem Tempo verändernde Welt: "Living Comp" zeigt einen dauerhaften Wechsel von Erzählsträngen – geschwätzige Akteure, die den Betrachter mit alltäglichem Informations-, Konsum- und Drogenrausch fangen. Peter Coffin thematisiert die unablässige Kreisbewegung des Seins mit einem raumfüllenden Beförderungssystem, das ein Bündel Luftballons ewig gleiche Bahnen ziehen lässt. Ironisch wird es bei Maurizio Cattelan: "Spermini" zeigt ein Porträt des Künstlers als mehrköpfigen Masken-Spermienschwarm. Das Vervielfältigungspotenzial wirft Fragen nach Individualität und Reproduzierbarkeit auf.

Die Ausstellung "Unendlicher Spass" ist vom 5. Juni bis 7. September in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen

Essen: Talentschau im Ruhrgebiet

Am Wochenende strömen wieder tausende Besucher zum wohl futuristischsten Baukubus des Ruhrpotts – dem Sanaa-Gebäude auf dem Essener UNESCO Welterbe Zollverein, das nach Plänen des japanischen Sanaa-Architekturbüros errichtet wurde. Was ist der Anlass der kontemplativen Zusammenkunft? Genau, die jährlich stattfindende Medienkunstmesse "contemporary art ruhr", die zum achten Mal aktuelle Arbeiten jenseits klassischer Kunstsparten präsentiert.

Werke aus den Bereichen Video, Installation, Performance- und Klangkunst sind ebenso zu sehen wie internationale Fotografie aus Rumänien, die den diesjährigen Schwerpunkt der Messe bildet. Daneben nehmen innovative Galerien für zeitgenössische Kunst aus Deutschland und Südkorea, verschiedene Kunsthochschulen sowie im Voraus ausgewählte C.A.R. Talente an der Messe teil. Parallel laufen Sonderausstellungen, Workshops, sowie die Video-Lounge im Auditorium des Sanaa-Gebäudes, die von der Directors Lounge präsentiert wird. Die Berliner Film- und Medienplatform schickt dabei selbst Künstler auf die kulturelle Talentschau im Ruhrgebiet: Neben Julia Murakami, die mit ihren fotografischen Tier-Mensch-Zwitterwesen schonmal für Verwirrung sorgt, wird die Installation "Lightmap" aus unzähligen Einzelbildern des Belgiers Ief Spincemaille vorgestellt. Über ein Jahr fotografierte eine Kamera alle sechs Minuten den Himmel, eine Installation im Vorraum des Museums druckte alle sechs Minuten winzige Fotos aus, 240 Bilder pro Tag, 87 600 in einem Jahr, die zu einem einzigen grafischen Bild zusammengesetzt wurden.

Die Medienkunstmesse "Contemporary art ruhr" findet vom 30. Mai bis 1. Juni im Welterbe Zollverein, Areal A (Schacht XII), SANAA-Gebäude statt

Berlin: Fotografisches Tagebuch

Denkt man an Sex, Stars und Fotografie, dann darf ein Name nicht fehlen: Helmut Newton gilt als Pionier der Aktfotografie, als ein Künstler, der an die Grenzen des guten Geschmacks ging und dafür nicht immer Lob erntete. Seinem Erfolg hat es keinen Abbruch getan. Kurz vor seinem Tod gründete er die Helmut Newton Stiftung im Berliner Museum für Fotografie, das die Zeitlosigkeit des Newtonschen Werks nun anlässlich des zehnjährigen Bestehensjubiläums in zwei Ausstellungen feiert:

"Us and Them" dokumentiert ein Ausstellungs- und Buchprojekt, das 1998 von Helmut und seiner Frau June Newton (alias Alice Springs) gemeinsam vollendet und anschließend an verschiedenen Orten zwischen Sao Paulo und Paris präsentiert wurde. Der damalige Erfolg spricht für sich: Neben Aufnahmen von Schauspielern, Künstlern und anderen Prominenten der Zeit, entwickelten die Newtons eine Art fotografisches Tagebuch, das intime Einblicke in ihr Zusammenleben gewährt. Porträts und nackte Selbstporträts des Künstlerpaars werden in chronologischer Abfolge präsentiert, bis hin zu Alice Springs' berühmtem Abschiedsbild von 2004, das ihren Mann auf dem Totenbett darstellt.

Doch Newton mochte es nicht nur anrüchig: "Sex and Landscapes" zeigt neben Akten großformatige Landschaftsaufnahmen, die, als Kontrapunkt der Ausstellungen, eine zeitlos- melancholische Stimmung kreieren. Wolkenverhangene Seestücke, Dampflokomotiven in Nebraska, neobarocke Madonnenfiguren in Bella Italia oder Aufnahmen vom Berliner Grunewaldsee verbinden sich mit provokanten Inszenierungen sexueller Begierden.

Die Ausstellungen "Helmut Newton / Alice Springs: Us and Them" und "Helmut Newton: Sex and Landscapes" sind vom 5. Juni bis 16. November im Berliner Museum für Fotografie zu sehen