Gib mir fünf! - Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor. Diesmal geht es um eine Grande Dame der Reportagefotografie, um die Geschichten der Dinge und die Wandlung des Ornaments

Berlin: Political Patterns – Ornament im Wandel

Wer bei "Ornament" an schmückendes Beiwerk wie florale Jugendstil-Ranken oder abstrakt-geometrische Formen in der islamischen Welt denkt, liegt eigentlich richtig. Inzwischen aber ist dem Ornament eine völlig andere Bedeutungsebene hinzugefügt worden: Vor allem Künstlerinnen und Künstler aus arabischen Staaten nutzen die traditionelle Form des Ornaments dazu, handfeste politische Botschaften zu vermitteln. Die ifa-Galerie Berlin hat "Political Patterns – Ornament im Wandel" zum Thema einer Ausstellung gemacht.

Beim flüchtigen Hinsehen sieht man in den Arbeiten des saudi-arabischen Künstlers Abdulnasser Gharem als erstes die prächtig ornamentierte Kuppel einer islamischen Moschee. Schnell aber wird deutlich, dass die schwarzen Schatten, die auf die Kuppel fallen, von Soldaten stammen, Stahlhelm auf dem Kopf, das Gewehr im Anschlag.

Zentrales Thema der in Iran geborenen, in Offenbach lebenden Künstlerin Parastou Forouhar ist der politische Mord an ihren Eltern Parwaneh und Dariush Forouhar. Ihre computergenerierten Ornamente offenbaren dem genauen Blick, dass ihre scheinbar abstrakten Muster in Wirklichkeit die Umrisse von getöteten Menschen darstellen. Der US-Künstler Philip Taaffe bedient sich des weltweiten Fundus an Ornamenten, so auch der ebenmäßigen Muster der arabischen Ästhetik. Es gehe ihm nicht darum, sagt Taaffe "fröhlich einen Raum auszufüllen, vielmehr geht es um einen Dialog mit anderen Kulturen, darum, wirklich eine Stimme zu finden".

Die Ausstellung ist in der Berliner ifa-Galerie noch bis zum 3. Oktober zu sehen, und in der ifa-Galerie Stuttgart vom 21. Oktober bis 18. Dezember

Erfurt: Min Oh. Wie die Dinge eigentlich sprechen. Und singen./ How things genuinely speak, and sing.

Auf ihrer Website spricht sie von sich in der distanzierten dritten Person: "Min Oh ist eine Geschichtenerzählerin", heißt es da. "Sie schreibt Geschichten über die Spannung zwischen zwei widersprüchlichen Qualitäten – süß, aber nicht verstörend, naiv, aber gewalttätig, rational aber persönlich, uneinsichtig aber irgendwie sinnvoll." Min Oh, in Seoul geboren und derzeit in Amsterdam lebend, ist ausgebildete Pianistin und Grafikdesignerin. Ihre Geschichten erzählt sie auf unterschiedliche Weisen – in Tondokumenten oder Videos, aber auch mit klassischen Medien wie dem Buch. In ihren Videos hält sie Performances fest, "an denen das Publikum die Struktur des Werks bestimmen und in denen Konflikte zwischen zwei Leuten entstehen sollen". Min Oh ist jetzt zum ersten Mal in einem deutschen Kunstinstitut zu Gast: Die Kunsthalle Erfurt zeigt die von Silke Opitz kuratierte Ausstellung "Wie die Dinge eigentlich sprechen. Und singen/How Things genuinely speak, and sing".

Die Ausstellung ist im Renaissance-Saal der Kunsthalle vom 4. August bis zum 4. September zu sehen

Aachen: Sabine Weiss

Ab 1946 war sie Assistentin des berühmten Pariser Modefotografen Milli Maywald, arbeitete für die französische "Vogue" und als erfolgreiche Werbefotografin. Bald wandte sie sich jedoch von der inszenierten Fotografie ab und widmete sich als Fotoreporterin dem wahren Leben. Fortan prägten Straßenszenen, spielende Kinder und Porträts einfacher Menschen das Werk der französischen Fotografin Sabine Weiss. In präzisen Bildkompositionen hält sie besondere Momente des Alltags fest: ein ausschlagendes Pferd vor einer winterlichen Stadtkulisse, ein plötzlicher Regenguss, ein sich küssendes Paar in einem beleuchteten Fenster. Mit ihren wohlgestalteten und atmosphärischen Dokumentarfotografien hat sie schnell Erfolg und veröffentlicht in Magazinen wie "Paris Match", "Time", "Life" und "Esquire". Drei ihrer Arbeiten wählte Edward Steichen 1955 für die berühmte Ausstellung "The Family of Man" im New Yorker MoMA aus.

Heute zählt Sabine Weiss, neben ihren Weggefährten Henry Cartier-Bresson, Robert Doisneau und Willy Ronis, zu den prägendsten Akteuren der französischen Fotografie der fünfziger und sechziger Jahre. Ihre Arbeiten sind in den Sammlungen der bedeutendsten internationalen Museen vertreten. Hierzulande ist Sabine Weiss allerdings noch nahezu unbekannt. Das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen widmet ihr nun die erste große Einzelausstellung in Deutschland. Gezeigt werden dort rund 100 Arbeiten der mittlerweile 87-jährigen Fotografin.

Die Ausstellung "Sabine Weiss: Photographie aus fünf Jahrzehnten" ist vom 6. August bis 30. Oktober im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen zu sehen. Die Fotografin wird zur Eröffnung anwesend sein.

München: Group Affinity

Man muss beim Lesen der Ankündigung des Münchner Kunstvereins ordentlich aufpassen, um zu kapieren, dass es beim Projekt „Group Affinity“ weder um Gruppentherapie noch um die von den Sitzblockaden des Castor-Transports bekannten Bezugsgruppen geht – sondern um öffentliche Gruppenbildung. Group Affinity ist eine Sommerakademie und Ausstellung über Praktiken der Selbstorganisation und das Phänomen der Affinität innerhalb der kulturellen Produktion. Fünf Künstlerkollektive bilden dazu eigene „Fakultäten“: Chicago Boys, Grand Openings, Cinenova, Andreas Müller and Susanne Pietsch sowie Slavs and Tatars. An Werktagen werden die Fakultäten dann ab 20 Uhr öffentliche Abendveranstaltungen abhalten, die verschiedene Präsentationen, Gastvorträge von eingeladenen Experten, Performances und Screenings umfassen werden. Diese Abendveranstaltungen richten sich an die gesamte Öffentlichkeit, es darf mitdiskutiert werden.

"Group Affinity" im Kunstverein München. Sommerakademie bis 14. August 2011, Ausstellung vom 15. August bis 11. September 2011, Eröffnung am 14. August 2011 ab 14.00 Uhr

Braunschweig: Lay Out Your Life. Die Stadt erkunden

Vier Monate lang haben Braunschweiger Schüler mit Kameras ihre Heimat erforscht, das Ergebnis ist nun im Museum für Photographie zu sehen. Es sind eindrucksvolle Fotos vom Stadtraum – Teil eines schon länger laufenden Projekts, bei dem die Eingeborenen des digitalen Zeitalters, die "Digital Natives", zur Kamera greifen. Die Schüler der 10. Klasse sind mit Internet und Handys aufgewachsen, durch die Kooperation mit dem Museum für Photographie lernen sie einen anderen Umgang mit dem Medium als das schnell geschossenen, schnell gelöschte Handyfoto. Schon der durch das Projekt entstandene Photoblog Layoutyourlife.de zeigt den unverfrorenen Blick der Heranwachsenden auf die Welt um sie herum.

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