Gib mir fünf! - Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Die Highlights der Woche, diesmal mit: Chto Delat?, Tamara Grcic, Aernout Mik, Zbigniew Rybczynski und Gábor Bódy

Baden-Baden: Was Tun? Chto Delat?

"Das Lehrstück vom Un-Einverständnis" wird ja dieser Tage auf den Plätzen der Welt aufgeführt, vom Zuccotti-Park in New York bis zum Platz vor der HSH Nordbank in Hamburg. Im beschaulichen Baden-Baden bringt die russische Künstlergruppe Chto Delat? aber auch ein gleichnamiges Singspiel auf die Bühne.

Sie geben bei der Eröffnung der Ausstellung ein Konzert und versuchen dabei, ihre gewohnt harte Kritik in gewohnt hübscher Verpackung zum Ausdruck zu bringen: Einem Chor, der Stimme des Volkes, ist ein in Baden-Baden lebender Russe gegenübergestellt, der wie ein Querulant auftritt und die Äußerung der Sänger über die Beziehung von Krankheit und Normalität für vollkommen sinnlos hält. Auch einer reichen Kunstsammlerin gefällt der offenkundig politische Ansatz des Konzerts nicht, weshalb die Aufführung mit einem Eklat endet, der wiederum von den Grenzen aktivistischer Kunst am Anfang des 21. Jahrhunderts handelt. Der Name Chto Delat? ist dabei Programm, auf deutsch "Was tun?" bezieht sich auf eins der Hauptwerke von Lenin. Das 2003 in St. Petersburg gegründete Kollektiv aus Künstlern, Kritikern, Philosophen und Schriftstellern nimmt weltweit an Ausstellungen und Kongressen teil, oder veranstaltet 48-Stunden-Seminare, bei denen die Teilnehmer zusammen essen, schlafen und diskutieren.

Kunsthalle Baden Baden, Eröffnung 28.10., Konzert 19 Uhr.

Essen: Aernout Mik

Was mit Menschen passiert, wenn die Börsen crashen, sich Gesellschaftsordnungen auflösen und der Rechtsstaat versagt, zeigt der Niederländer Aernout Mik in seinen zumeist stummen Video- und Rauminstallationen: Spekulanten kauern da lethargisch zwischen Papiermüll auf dem Boden; Menschen drängen sich vor dem Hintergrund eines kollabierenden Gebäudes panisch auf einer Rolltreppe nach unten und oben; junge Männer liegen mit über den Kopf gezogenen T-Shirts halb nackt und hilflos in Verhandlungssälen herum. Das Museum Folkwang in Essen präsentiert (in zweiter Station nach dem Pariser Jeu de Paume) seit 1998 entstandene Arbeiten des 1961 geborenen Künstlers, der sich in seinen neueren Installationen vor allem für die Entwicklungen europäischer Demokratien interessiert. Gezeigt wird "Shifting Sitting", eine 2011 in Rom gedrehte, fiktive (Re-)Inszenierung eines Gerichtsprozesses gegen Silvio Berlusconi, die die unheilvolle Verquickung von Politik, Recht und Medienmacht problematisiert. Auch in Miks Installation "Communitas" (2010) verschwimmen die Grenzen zwischen theatraler und politischer Inszenierung: Eine Gruppe von Polen und Vietnamesen hält dort einträchtig den einst von Stalin geschenkten Kulturpalast besetzt, ein Monumentalbau und Symbol totalitärer Unterdrückung. Wofür oder wogegen sie mit ihren pastellenen Fahnen protestieren, bleibt offen. "Communitas" bezieht sich auf einen vom Anthropologen Victor Turner verwendeten Begriff, der Sozialverbände bezeichnet, in denen sich vorübergehend jede hierarchische Ordnung auflöst.

Im Steidl Verlag erscheint ein Katalog (32 Euro). Am Samstag, 29.10.2011, findet um 15 Uhr eine "Artist Lecture" und ein Gespräch zwischen Aernout Mik und der Kuratorin Sabine Maria Schmidt statt.
Museum Folkwang Essen: 29.10.2011 - 29.1.2012

Frankfurt: Tamara Grcic, Rossmarkt Hoch Drei

Es ist ein einzigartiges Projekt: 25 junge Frankfurter kurz vor dem Abitur wählen einen Künstler, der sechs Monate lang den Roßmarkt in der Frankfurter Innenstadt mit einem Kunstwerk bespielt. Die Schüler entwickeln auch die Idee für das Werk mit dem Künstler. "Keine Statue! Goethe und Gutenberg sind genug" war eine der Vorgaben dieses Jahr. Die Schüler entschieden sich für die Frankfurter Künstlerin Tamara Grcic. Am Freitag um 17 Uhr wird nun "outside-here" der Öffentlichkeit präsentiert. Grcic hat ein Carillon, ein Glockenspiel, in einen Wohnwagen eingebaut, der langsam über den Platz wandert. Am Anfang ihrer Arbeit filmte die Künstlerin die Passanten auf dem leeren, steinigen Platz im Zeitraffer – der Wohnwagen folgt nun ihren Bewegungen. Gleichzeitig erinnern zu jeder Stunde Töne, die aus weißen Hörnern verkündet werden und von Frankfurter Musikern aufgenommen wurden, an das Vergehen des Tages, wie mittelalterliche Turmuhren. Schon letztes Jahr hatten die jungen Kuratoren ein gutes Händchen bei der Auswahl bewiesen – Thomas Saraceno baute eine Skulptur auf dem Platz, nun hat er im Berliner Hamburger Bahnhof seinen großen Auftritt.

Eröffnung: 28. Oktober, 17 Uhr, Roßmarkt

Berlin: Zbigniew Rybczynski und Gábor Bódy

"Hinunter die Pfade des Lebens gedreht / Pausiert nicht, ich bitt euch so lang es noch geht...". Was der deutsche Romantiker Novalis im 18. Jahrhundert dichtete, hat der ungarische Experimentalfilmer Gábor Bódy (1946–1985) im 20. Jahrhundert in einem schwindelerregenden „lyrischen“ Videoclip visualisiert. Die Ausstellung "Der Stand der Bilder" zeigt "Novalis.Walzer" (1985) und weitere Filme und Videos des Medienkunstpioniers und stellt ihnen mit Zbigniew Rybczynski einen zweiten Protagonisten der elektronischen Ost-Avantgarde zur Seite. Der 1949 in Polen geborene Filmkünstler, der heute in Los Angeles lebt und Bódy nie begegnet ist, entwickelte in den Achtzigerjahren nicht nur Musikvideos für Pop- und Rockgrößen wie Grandmaster Flash, die Simple Minds, Lou Reed, die Pet Shop Boys oder Mick Jagger. Er bastelte auch Animationsfilme wie "Tango" (1980), der ihm einen Oscar für den besten animierten Kurzfilm einbrachte (er zeigt ein Zimmer, das sich zu Tangomusik nach und nach mit Menschen füllt, die stur ihren individuellen Aktivitäten nachgehen). Neben Filmen und Videos werden in der Akademie der Künste auch Entwurfsskizzen des polnischen Bildingenieurs ausgestellt.

Zusätzlich zur Ausstellung, Filme von Zbigniew Rybczynski (in Anwesenheit des Regisseurs) am Samstag, 29.10.2011, ab 14 Uhr; Vortrag und Gespräch mit Siegfried Zielinski und dem Kurator Piotr Krajewski um 20.30 Uhr; Filme von Gábor Bódy am Sonntag, 30.10.2011, ab 15 Uhr, alles im Studio der Akademie der Künste im Hanseatenweg. Zur Ausstellungseröffnung am Donnerstag, 27.10.2011, mischt ab 22.30 Uhr im Foyer Marcin Lenarczyk aka DJ Lenar Mitschnitte aus dem polnischen Experimentalradio der 1960er und 70er Jahre

Akademie der Künste Berlin, 28.10.2011 – 1.1.2012

Berlin: Pawel Althamer

"Almech" ist eine kleine Kunststofffabrik in der Nähe von Warschau und wird vom Vater des Künstlers Pawel Althamer betrieben. Die polnischen Maschinen von "Almech" werden aber von Oktober 2011 bis Januar 2012 in Berlin eingeschaltet und sind Teil einer Ausstellung von Althamer. Während dieser Zeit wird der Bildhauer und Performancekünstler zusammen mit "Arbeitskollegen" Skulpturen von Besuchern der Schau, Mitarbeitern des Guggenheim Museums und der Sponsoren anfertigen. Abgüsse und deren Befestigung auf Metallkonstruktionen werden direkt im Ausstellungssaal gemacht, der abschließende Kunststoff stammt aus den "Almech"-Maschinen. Die aktive Beteiligung an dieser Kunstproduktion soll die Schranken der Anonymität eines normalen Museumsbesuchs aufheben und die Individualität jedes Einzelnen betonen.

Deutsche Guggenheim-Museum Berlin, 28.10. - 15.1.