Gib mir fünf! - Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Diesmal mit: Georg Winter, Zwickau Calling, Johannes Spehr, We Make Versions, Köken Ergun

Hamburg: Georg Winter

"Alles Gute kommt von oben!" Ob der Einschlag eines unbemannten Flugobjekts auf das Ernst-Barlach-Haus in Hamburg positiv zu werten wäre, sei dahingestellt – eine Ausnahmesituation wäre er allemal. Am kommenden Sonntag lässt sie der Aktionskünstler Georg Winter unter dem Titel "Heftiger Niederschlag, knapp daneben" künstlerische Wirklichkeit werden.

Ein abgestürzter Satellit, geborstenes Glas und Scherben überall. Die Feuerwehr ist bereits eingetroffen und sichert die Absturzstelle, um sie hinterher für Schaulustige freizugeben. Das Fernsehen ist auch schon vor Ort. Den Schaulustigen, respektive Museumsbesucher, erwarten die Skulpturen im Ernst Barlach Haus dann in orangefarbenen Schutzdecken. Ein Flachbildschirm lädt zum Anschauen der Live-Übertragung ein – er bleibt jedoch schwarz, denn er ist aus Holz, genauso wie die Kameras rings um das Geschehen. Eine typische Strategie des Künstlers. So muss sich der Betrachter unerwartet auf sich selbst besinnen und sich angesichts des Szenarios fragen: "Wie gefährdet ist die Kunst, sind wir als Menschen?"

Ernst Barlach Haus Hamburg, 9.10.2011 (Eröffnungshappening mit Feuerwehr) – 08.01.2012

Zwickau: Zwickau Calling

Ein Reisender mit einem alten Koffer geht scheinbar orientierungslos durch ein Zwickauer Einkaufszentrum. Denkmäler lösen sich in Rauch auf, um sichtbar zu werden. Eine Geisha bummelt in der Innenstadt – es ist wieder Zeit für Zwickau Calling! Seit Juli lenken 18 Künstler aus Hamburg den Blick auf die sächsische Stadt als Ausstellungsplattform.
Dieses Wochenende wird von der "Agentur für permanente Kunst im Alltag" und den "Freunden aktueller Kunst" zum Ausklang des städteübergreifenden Projekts ein letztes Potpourri aus Aktionen gestartet. Musikalische Improvisation gibt es dieses Mal bei Konzerten von Hannes Wienert, bei denen altbewährte Instrumente ebenso wie Instrumentneuschöpfungen zum Einsatz kommen. In der Seniorenwohnanlage auf Schloss Osterstein geht am Samstag die Retrospektive "Kunst in Pflege" in die letzte Runde, und in der Kernstadt reizt permanente Kunst zu unmittelbaren Reaktionen.

Zwickau Calling, bis 09.10. Programmpunkte (Auswahl): Am Freitag (7.10., 11:30Uhr, Treffpunkt vor dem Rathaus) Führung durch die Alltagsorte. Am Samstag (8.10., 11:30Uhr, Start am Hauptmarkt, Ziel um 13:00Uhr Kunstsammlungen Zwickau) "Ein Pechstein für Zwickau" von Manfred Kroboth. Am Sonntag (9.10., 11:00Uhr, Schloss Osterstein) Führung durch "Kunst in Pflege - Retrospektive", um 15.30Uhr Klangreise mit Hannes Wienert

Gießen: Johannes Spehr

Die Bildergeschichten, die Johannes Spehr auf seinen Zeichnungen darstellt, erzählen von einer Gesellschaft im Aufruhr. Auf monochromen, realistisch gezeichneten Tableaus geraten Männer in Hemd und Krawatte auf offener Straße ins Straucheln, unter Brücken hausen Bürger in Lumpen, Vermummte werfen ziellos mit Molotowcocktails, einzig den Kindern, die siegessicher irgend welche Gipfel stürmen, fällt in diesen anarchischen Szenarien Hoffnung zu. In Gießen teilen sich rund 30 Zeichnungen die Räume nun nicht nur mit Skulpturen und Installationen, in die der 1965 im hessischen Schotten geborene Künstler mittels Baumstämmen und zeltlagerartigen Einbauten den Besucher in die metaphorische Unbehaustheit einbezieht. Sie teilen sich das Haus auch mit Büros und Sitzungsräumen politischer Entscheidungsträger: Die Kunsthalle ist im selben Neubau wie das Gießener Rathaus untergebracht.

„Johannes Spehr. Windeinschlag / Siedeln in den Lüften“, Kunsthalle Gießen, 9.10. - 23.12. Es erscheint ein Katalog

Münster: We Make Versions

Um "Weisen der Welterzeugung" geht es im Kunstverein in Münster, oder auch um verschiedene Versionen von Schöpfung. In Anlehnung an die Theorien des US-Philosophen Nelson Goodman stellt die 1969 geborene Künstlerin Kerstin Stoll gemeinsam mit Kunstvereinsleiterin Katja Schroeder in einer Gruppenausstellung 16 subjektive Weltschöpfungsentwürfe vor, in denen sich künstlerische, naturwissenschaftliche und philosophische Methode verbinden. Die mit Hilfe eines Pendels auf Millimeterpapier aufgetragenen Zeichnungen der strahlenfühligen Heilpraktikerin Emma Kunz sind ebenso darunter wie die science-fiction-artigen Architekturvisionen von Hermann Finsterlin (1887-1973), in denen sich organische Formen mit gebauter Architektur verbinden. Gewürdigt wird der für seine "magischen Architekturen" von zeitgenössischen Künstlern und Kuratoren hoch geschätzte Architekt und Bühnenbildner Friedrich Kiesler (1890-1965). Von Paul Laffoley (geboren 1940) gibt es knallbunte Diagramme, in denen er Theorien zu kosmischen Ursprüngen, Zeitreisen oder auch einer vierten und fünften Dimension visualisiert.

„We Make Versions“, Westfälischer Kunstverein Münster, 8.10. – 23.12. (Ort: alte Mauritzschule im Hinterhof der Warendorfer Straße 66)

Winterthur: Köken Ergun

Köken Ergun interessiert sich für Rituale, Zeremonien und Feste von kulturellen Minderheiten und Migranten. Für seine Videoinstallation "Wedding" (2006-08) etwa hat der 1976 in Istanbul geborene Künstler ein halbes Jahr lang verschiedene Hochzeiten in Berlin-Wedding gefilmt. "Binibining – Promised Land" (2010) dokumentiert die Schönheitswettbewerbe, mit denen sich philippinische Gastarbeiterinnen in Tel Aviv ihre Freizeit vertreiben. Erguns neueste Arbeit, "Ashura" (2011), dokumentiert ein von Schiiten in Istanbul aufgeführtes Theaterstück, mit dem sie alljährlich am Tag Aschura des in der Schlacht von Kerbala ermordeten Imam Husain gedenken. Die Re-Inszenierung seines Martyriums soll den Gläubigen ermöglichen, am Leiden ihres Helden teilzuhaben, eine von Ergun gefilmte gemeinsame Beweinung seines Schicksals ist Teil des Rituals.

Köken Ergun, Kunsthalle Winterthur, 9.10. – 20.11., zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit dem Titel „Who Am I Anyway“.