Gib mir fünf! - Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Jede Woche präsentieren wir Kunst, die Sie auf keinen Fall verpassen sollten. Diesmal mit einem Mühlrad am Arbeitsplatz, wuchernder Malerei und dem Prinzip Coolness.
Unsere Tipps der Woche:Die Kunst-Höhepunkte der Woche

Michael Sailstorfers Skulptur für die Smartphone-Gesellschaft: "Reibungsverlust am Arbeitsplatz", 2013 Courtesy Johann König, Berlin, und Grieder Contemporary, Zürich/

Michael Sailstorfer, Kleve

Michael Sailstorfer begann spektakulär: Er katapultierte eine Straßenlaterne wie eine Rakete in die Luft – Raketenbasis war ein alter Mercedes, die Arbeit hieß "Sternschnuppe".

Kunsthistoriker nennen so etwas spröde "die Erweiterung des Skulpturbegriffs". Ganz und gar nicht spröde, sondern immer wieder überraschend sind die Skulpturen von Sailstorfer aber wirklich – zuletzt zeigte er "Reibungsverlust am Arbeitsplatz", ein ewig laufendes Mühlrad, das einen sich langsam am Fußboden abschleifenden Reifen antrieb. Eine Installation passend ins Zeitalter des Burn Outs. Das Museum Kurhaus Kleve brüstet sich jetzt damit, die ganze untere Etage für die damit angeblich erste Überblicksausstellung in einem Museum freizuräumen. Das ist etwas aufschneiderisch – Sailstorfer hat auch schon in der Schirn Kunsthalle, dem Stedelijk in Amsterdam oder der Berlinischen Galerie Einzelausstellungen gezeigt. Sehenswert aber umso mehr!

Michael Sailstorfer: "Kopf und Körper", Museum Kurhaus Kleve (28. September bis 25. Januar 2015

Ordinary Freaks, Graz

Was hat Pop mit Kunst zu tun? Was passiert, wenn man die Visitenkarte von Punk-Legende Joey Ramone in riesigem Format auf die Leinwand überträgt, wie das Stefan Sandner getan hat? Wie malt Kim Gordon, Sängerin von "Sonic Youth"? Wie sieht der kalifornische Punk-Zeichner Raymond Pettibon den Tag, an dem John Lennon starb? Solche Fragen stellt die Ausstellung "Ordinary Freaks" während des Steirischen Herbsts in Graz. Schorsch Kamerun, Sänger der Band "Die Goldenen Zitronen" hat die Arbeiten zusammengestellt, ihn interessiert das "Prinzip Coolness in Popkultur, Theater und Museum". Gerade weil Ausstellungen von Pop-Künstlern wie David Bowie dieses Jahr im Gropius-Bau in Berlin oder Björk nächstes Jahr im Victoria & Albert in London zusammen mit Auftritten von Bands wie Kraftwerk im MoMA, K21 oder der Tate ein Mega-Trend sind, ist es höchste Zeit für so eine etwas weniger euphorischer und dafür kritischer fragende Ausstellung.

"Ordinary Freaks. Das Prinzip Coolness in Popkultur, Theater und Museum" Künstlerhaus KM, Graz, 28.9. bis 20.11

Katharina Grosse, Düsseldorf

Eigentlich muss man zu Katharina Grosse nicht viel sagen: Sie holt die Malerei von der Leinwand und lässt sie in den Raum wuchern. Die Farbschlieren und Strudel setzen sich auf Wänden und Boden fort. Manchmal baut Grosse auch elliptische Flächen, die entfernt an überdimensionierte Malereipaletten aus dem Klischeebild des Künstlers erinnern, und überzieht sie mit Farbe. In ihrer Ausstellung der vielbeobachteten Temporären Kunsthalle in Berlin blieb das Ganze sehr steril. Im Museum Kunstpalast in Düsseldorf hat Grosse jetzt sogar Erde auf den Boden schütten lassen und sie bemalt – das ist nicht steril, sondern lässt die rohe Kraft sichtbar werden, die in Grosses Werk steht. Vielleicht liegt es am Heimvorteil – Grosse lebt zwar in Berlin, lehrt aber an der Kunstakademie Düsseldorf.

Katharina Grosse "Inside the Speaker", Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf, 30.9. 2014 – 1.2.2015

Uniform und Eigensinn, Heidelberg

Ausstellungen zu "100 Jahre Erster Weltkrieg" gibt es 2014 mehr, als irgendjemand sehen kann. Herausragend sind nur wenige – darunter auch "Uniform und Eigensinn" der Sammlung Prinzhorn. Die Sammlung von Werken aus psychiatrischen Anstalten ist nicht nur weltweit einzigartig. Jetzt hat man erstmals ihren Bestand zum Thema Erster Weltkrieg durchforscht. Gefunden wurden Werke von Zivilisten, die auf Propaganda und Militarismus reagieren: Selbstporträts in Uniform und als Kaiser, Schlachtengemälde und Skizzen von technischen Erfindungen und Wunderwaffen. Die Werke spiegeln die damalige Einstellung zu Militär und Weltkrieg in Deutschland auf eigenwillige Weise. Obwohl Anstaltsinsassen von der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen wurden und in der
gesellschaftlichen Hierarchie den untersten Platz einnahmen, konnten und wollten sie sich den
militaristischen Strukturen und Denkweisen ihrer Zeit nicht entziehen.

"Uniform und Eigensinn, Militarismus, Weltkrieg und Kunst in der Psychiatrie", Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, 2. Oktober 2014 bis 2. Februar 2015

Billy Childish und Matthias Dornfeld, Aachen

Sieht alt aus, ist aber ganz neu – so kann man die Malerei von Billy Childish und Matthias Dornfeld beschreiben. Billy Childish macht mit seiner Serie "Willow Tree" eine ganz eigene Endlos-Zeitschleife auf: Er malt Fotografien aus dem Burenkriegen im 19. Jahrhundert ab. Die porträtierten Männer ähneln dem Künstler, die Gemälde selbst erinnern an Karl-Schmidt-Rottluff, Edvard Munch und Peter Doig. Childish ist als Mitglied der Young British Artists eine Generation älter als Dornfeld, der 2005 in der Galerie Ben Kaufmann als Nachwuchskünstler startete. Ex-Galerist und Fußballtrainer Ben Kaufmann ist heute Direktor des Neuen Aachener Kunstverein, die Malerei von Protégé Dornfeld ist gereift, fällt aber immer noch unter das Label "Solche Gesichter kann meine fünfjährige Tochter auch malen" – oder auch: naive Ausdrucksmalerei. In Aachen zeigt er seine weiblichen Porträts – die eben an die Malerei der frühen Moderne erinnern, aber gleichzeitig eine ganz eigene und frische Balance zwischen abstrakten Farbflächen und erkennbaren Gesichtern halten.

Paintings Sweet Paintings, "Billy Childish, Matthias Dornfeld, Neuer Aachener Kunstverein, Aachen, 28 September — 2 November 2014