Gib mir fünf! - Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Jede Woche präsentieren wir Kunst, die Sie auf keinen Fall verpassen dürfen. Diesmal mit fotografischen Röntgenblicken, der Kompositionsmacht, einem kreativen Andachtsraum und organischer Stadtbaukunst.

Oberhausen: Fotografischer Röntgenblick

Einen Blick über den Rand der Kamera hinaus, wagten Mitte des 20. Jahrhunderts nur ganz wenige Fotografen. Der Grand Dame des Bildjournalismus, der US-amerikanischen Fotografin Eve Arnold, gelang dieser Schritt. Als stille und einfühlsame Beobachterin lieferte sie ein eindringliches Bild von den Menschen ihrer Zeit – gleich einer Röntgenaufnahme, die die Seelen ihrer Modelle durchdrang.

Ende der vierziger Jahre begann die Autodidaktin ihre fotografische Karriere mit einer Rolleicord-Kamera und trat 1957 als eine der ersten Frauen der legendären Fotoagentur "Magnum" bei. Von diesem Zeitpunkt an führte sie ihre fotografische Reise rund um die Welt von Afghanistan, über China bis Südafrika, stets auf der Suche nach Motiven mit gesellschaftspolitischer Relevanz: Ob Modeaufnahmen in Harlem zur Zeit der Rassendiskriminierung, politische Reportagen zu Malcom X oder die Verschleierung der Frau in arabischen Ländern, Arnolds zutiefst humanistische Bildsprache machte sie genauso berühmt wie die sensiblen Porträtaufnahmen bekannter Hollywoodstars, die sie zeitlebens für große Modemagazine wie "Vogue" anfertigte. Über 50 Jahre fotografierte sie Filmgrößen wie Marlene Dietrich, Isabella Rossellini oder Marilyn Monroe und blickte dabei stets hinter die Fassade des von Schönheitsidealen geprägten Image der Hollywood Diven. "Ich wollte ein weiblicher Fotograf sein und dass meiner Kamera die ganze Welt offensteht", betonte einst die Fotografin. Dass ihr dies wie kaum einer anderen Fotografin ihrer Zeit gelang, demonstriert nun eine großangelegte Retrospektive in der Ludwig-Galerie.

Die Ausstellung "Eve Arnold – Eine Hommage an die große Magnum-Fotografin" ist vom 25. Mai bis 7. September in der Ludwig-Galerie Schloss Oberhausen zu sehen.

Bremen: Kulturentransfer

Ein von der Decke hängender Eistorso, der allmählich vor sich hin schmilzt, oder Köpfe aus schwarzer Asche hinter Glas – "Was soll das sein?", fragt sich der Betrachter. "Existenzielle Bildwelten" antwortet die Sammlung Reinking. In einer Ausstellung mit Werken von annähernd 50 zeitgenössischen Künstlern sowie Artefakten aus Afrika, Ozeanien und Amerika werden nun künstlerische Haltungen thematisiert, die sich auf existenzielle Lebenserfahrungen konzentrieren. Entstanden ist ein wahres Potpourri kultur- und kontinentübergreifender Arbeiten, darunter Malereien, Zeichnungen, Plastiken, Objekte und Installationen, die auf Kunstpraktiken verweisen, die stets die Grenzen der materiellen Wirklichkeit in Richtung Traum, Unterbewusstein und Tod überschreiten.

Neben dem Ausstellungshöhepunkt – die 222 Ascheköpfe des kanadischen Künstlers Terence Koh, die in eine riesige raumfüllende Installation aus zerbrechlichen Glasvitrinen eingebettet sind – macht sich Tim Steiner kurzerhand selbst zum Kunstwerk, indem er sein gigantisches von Wim Delvoye entworfenes Rückentatoo präsentiert. Kombiniert mit außereuropäischer traditioneller Kunst, ergeben sich in der Ausstellung wie von selbst Kontraste, aber auch überraschende Synergien. Abgesehen von allen stilistischen Besonderheiten haben die präsentierten Bildwelten eines gemeinsam: Alltägliches wird zu Spirituellem transformiert.

Die Ausstellung "Existenzielle Bildwelten – Sammlung Reinking" ist vom 24. Mai bis 1. Februar 2015 im Weserburg Museum für moderne Kunst zu sehen

Düsseldorf: Kompositionsmacht

Ying und Yang, Kalt und Heiß, Weiß und Schwarz – die Welt lebt von Kontrasten und so auch die Kunst. In einer Doppelausstellung der Setareh Gallery werden zwei Fotografen zusammengeführt, die in ihren künstlerischen Inhalten nicht unterschiedlicher sein könnten. Subjetive Fotografie trifft auf soziale Reportagen, Otto Steinert trifft auf seinen Schüler Timm Rautert. Was beide verbindet: ihr Verständnis von Fotografie als eigenständige Kunst sowie ihre Vorliebe für künstlerische Kompositionen.

Der promovierte Mediziner Steinert war ein fotografischer Autodidakt, der mit der Bezeichnung "Subjektive Fotografie" die Fotografie als autonome Kunst definierte. Nicht die bloße Darstellung der Wirklichkeit, der "Objektivität", sondern eine künstlerische neue Komposition, deren Idee und Ziel alle fotografischen Mittel untergeordnet werden, war sein persönlicher Anspruch. Jener schloss Experimente zur Beeinflussung der finalen Bildkomposition in der Dunkelkammer ein. Neben Stadtansichten, experimentellen Porträts und abstrahierten Bildmotiven kennzeichnen vor allem Luminogramme Steinerts fotografisches Oeuvre: Indem er nachts vor dem Licht der Straßenlaternen während einer langen Belichtungszeit seine Kamera bewegte, entstanden eigentümliche, pinselstrichartige Lichtaufnahmen. Nach seinem Studium bei Steinert, wandte sich Timm Rautert hingegen der fotografischen Reportage zu. Elemente der bildnerischen Komposition verband er mit dem Bezug zum Menschen. Das Verhältnis zwischen Mensch und Architektur sowie Fragen nach Individualität und Uniformierung treten in Rauters dokumentarischen Kompositionen deutlich hervor. Wie bei Steinert stellen viele Bildmotive zugleich die Frage nach der Erweiterung der Grenzen des Abbildbaren.

Die Ausstellung "Weiss und Schwarz – Fotografien von Otto Steinert und Timm Rautert" ist vom 23. Mai bis 28. Juni in der Düsseldorfer Setareh Gallery zu sehen

Zürich: Kreativer Andachtsraum

Kunst und Gerichtsmedizin, passt das zusammen? Teresa Margolles findet ja – für die mexikanische Künstlerin gehören Blut, Körperfette oder Leichenwasser zur Kunst einfach dazu. Ihr Thema sind die Toten, deren Ende durch Armut, Gewalt oder Verbrechen bestimmt wurde. Ihr Anliegen ist, deren Fortleben im Gedächtnis, sozusagen ein künstlerisches Memorandum zu schaffen. Und wie setzt die diplomierte Gerichtsmedizinerin dieses Anliegen in die Tat um? Ganz einfach, indem sie die Spuren brutaler Delikte auf unerbittlich realistische Weise in einen Ausstellungsraum transponiert.

Das Züricher Migros-Museum zeigt nun die malerischen, sowie skulptural-installativen Werke der Künstlerin, die sich mit den Gewaltexzessen und dem Drogenkrieg in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez beschäftigen. Im Zentrum steht eine seit Anfang der neunziger Jahre andauernde Serie an Frauenmorden. Die Spuren der toten Körper werden, wenn auch nur minimal vorhanden, in das Werk Margolles' übertragen und demonstrieren symbolisch das Wertesystem einer Gesellschaft im Ausnahmezustand. Die Skulptur "Mesa y dos bancos" etwa besteht aus einem Tisch und zwei Bänken aus Beton. Beim Anmischen des Baustoffs wurde ein Deziliter Wasser beigefügt, welches für das Waschen von Mordopfern in mexikanischen Leichenhäusern verwendet worden war. Ihr Künstlerkollege Santiago Sierra beschrieb die Arbeit der Künstlerin treffend: "Margolles' Werk ist eine Daueranklage der Mörder durch das schlagkräftige Mittel, der Gesellschaft die Leichen ihrer Opfer auf den Tisch zu legen."

Die Ausstellung "Teresa Margolles" ist vom 24. Mai bis 17. August im Züricher Migros-Museum für Gegenwartskunst zu sehen

Sennestadt: Organische Stadtbaukunst

Jetzt wird's so richtig grün und das nicht nur, weil der Sommer vor der Tür steht. In Sennestadt ist er bereits eingetreten. Im Gepäck dabei: Skulpturen, Installationen und städtische Interventionen von acht internationalen Künstlern, die Bielefels ambitioniertesten Stadtbezirk zu einer Kunstoase umgestalten.
Dabei strahlt die Sennestadt als Städtebauprojekt der fünfziger Jahre selbst schon jede Menge kulturelles Flair aus. Der Plan des Architekten Hans Bernhard Reichow basierte auf einer "organischen Stadtbaukunst", die nach einer aufgelockerten, durchgrünten und menschenwürdigen Stadt strebte. Im Sinne eines erweiterten Wohnens ging es um eine Synthese von Landschaft, Architektur und Kunst.

Das Projekt "Vor Ort" fragt am Beispiel der Sennestadt nun erneut nach dem Verhältnis von Kunst, Stadt und Öffentlichkeit: David Adamo etwa zieht mit seinen Werken eine Verbindung von Skulptur, Plastik und Performance. Figurative und abstrakte Objekte, die Formen aus der Natur, dem Kunsthandwerk oder von Alltagsobjekten aufgreifen, werden durch ihre Dimensionen zum menschlichen Körper in Beziehung gesetzt. Andreas Bunte hingegen geht in seinen Installationen und Filmen der Frage nach, wie das Zusammenspiel von Architektur, Technologie, Ideologie und menschlichem Körper unterschiedliche Räume produziert, während Arne Schmitt mit bildnerischen Mitteln den Städtebau selbst als eine "Kunst des Möglichen" untersucht.

Die Ausstellung "Vor Ort" ist vom 25. Mai bis 19. Oktober im öffentlichen Raum von Sennestadt zu sehen