Berlin

Big Brother is watching you: In Berlin widmen sich drei aufeinander abgestimmte Ausstellungen aktuellen und historischen künstlerischen Positionen zum Thema Überwachung und Fotografie. Videokameras in Banken, Kaufhäusern und an öffentlichen Plätzen, persistente Cookies im Internet, staatliche Vorratsdatenspeicherung und private Cloud-Speicherdienste – im Alltag sind permanente Beobachtung und Daten-Sharing ganz selbstverständlich. Dabei finden Fragen wie die freiwillige und unfreiwillige Sichtbarkeit ebenso Eingang in künstlerische Arbeiten wie Verhandlungen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit sowie Freiheit und Kontrolle. Die Ausstellungen versuchen aber auch, Überwachung als historisches Phänomen zu begreifen und werfen einen Blick voraus, hin zu der Frage: Wie können zeitgenössische Kunst und Medientheorie zu einem besseren Verständnis unserer modernen Überwachungsgesellschaft beitragen?

Mishka Henner: "Nato Storage Annex, Coevorden, Drenthe", 2011, aus der Serie "Dutch Landscapes"

Bonn

Festival für Video und zeitbasierte Kunstformen: Unter dem diesjährigen Motto "Perform!" fragt die Videonale, eine 1984 gegründete Plattform für Videokunst, nach der weitreichenden Bedeutung des Performens im künstlerischen wie im sozialen und ökonomischen Bereich. "Heute wird der Begriff Performance ja fast schon inflationär für verschiedenste Lebensbereiche gebraucht. Wir wollen die verschiedenen Facetten abbilden und zugleich kritisch hinterfragen, was eine solche Durchdringung von Kunst und Gesellschaft durch das Performative eigentlich bedeutet", sagt Tasja Langenbach, künstlerische Leiterin des Festivals.

Ale Bachlechner: "This is not a Competition", 2016 Einkanalvideo, 9:15 Minuten

Frankfurt am Main

Gezeichneter Raum: Die Ausstellung in Frankfurt widmet sich der Darstellung von Raumkonzepten in Zeichnung und Druckgrafik und zeigt, wie Orientierung stiftende Merkmale, zum Beispiel Grenzen, Form und Volumen, Innen und Außen, raumbildend sind und in der Fläche dargestellt werden. Zu sehen sind Arbeiten von 13 Künstlern wie Lucio Fontana, Eduardo Chillida, Sol LeWitt, Blinky Palermo, James Turrell oder Michael Riedel. Mit Lithografien konstruktivistischer Perspektivdarstellungen, Prägedrucken, die sich in den Raum drängen oder Fontanas geschlitzten Wandarbeiten werden variantenreiche Perspektiven auf die dritte Dimension eröffnet.

László Moholy-Nagy: "Konstruktion", 1924, Öl auf Leinwand, 78 x 66 cm

Hamburg

Geduld mitbringen: Warten ist unerfreulich, aufreibend und kostspielig und legt Machtgefüge in unserer Gesellschaft offen. Einfach gesagt: Privilegierte und Menschen mit Macht warten nicht, sie lassen warten. 23 zeitgenössische Künstler wie Andreas Gursky, Andreas Slominski oder Elmgreen & Dragset beschäftigen sich mit dem anachronistischen Phänomen des Wartens in Zeiten einer beschleunigten Gesellschaft. Sie erzählen von Warten als ein Moment des Innehaltens und des Leerlaufs als Voraussetzung für jede Form der Kreativität.

Tobias Zielony: "Lee + Chunk", 2000, aus der Serie "Car Park", Fotografie, C-Print, 41,6 x 62,4 cm

Karlsruhe

Bedichtete Landschaften: Die Ausstellung in Karlsruhe eröffnet mit ihren rund 50 Spitzenwerken der Landschaftsmalerei aus der eigenen Sammlung und bringt sie in ein mediales Zusammenspiel mit Texten von rund 50 bedeutenden deutschsprachigen Schriftstellern, Intellektuellen, Kunst- und Naturwissenschaftlern. Die Werke von unter anderen Caspar David Friedrich, Gustave Courbet, Paul Klee, René Magritte und Max Ernst waren für die Autoren Inspiration, in der Ausstellung bieten sie eine variantenreiche Perspektive auf das Sujet der Landschaft. "Unter freiem Himmel" erweitert die Horizonte des Betrachters im Nachdenken über die Natur im Bild.

Alexej Jawlensky: "Oberstdorfer Landschaft", 1912

 

 

Köln

Überwindung der Gegenständlichkeit: Die große Schau über den deutschen Maler und Bildhauer Otto Freundlich, einem frühen Vertreter der abstrakten Kunst, zeichnet seine Arbeits- und Lebenswege sowie die Entwicklung seines künstlerischen und philosophischen Denkens nach. Stigmatisiert auf dem Titelblatt des Ausstellungsführers "Entartete Kunst", ist der "Große Kopf" Otto Freundlichs immer noch seine bekannteste Kopfplastik und weist schon Züge der Abstraktion auf. Die Überwindung des Gegenständlichen hatte für den kommunistisch denkenden Künstler aber auch eine soziale Dimension. Für Freundlich war alle dingliche Wahrnehmung von Besitzdenken durchdrungen und damit überholt. Das Herzstück der Ausstellung stammt aus Köln: Das eindrucksvolle Mosaik "Geburt des Menschen" (1919) hat den Nationalsozialismus und Krieg wie durch ein Wunder in einem Schuppen überstanden.

Otto Freundlich: "Kräfte", 1934, 64 x 53 cm, Öl auf Leinwand

Krefeld

Die Zukunft nach dem Brexit: Idee der Ausstellung "Die Zugezogenen" ist es, dass das Künstlerduo Elmgreen & Dragset das Haus Lange vom berühmten ehemaligen Bauhausdirektor Mies van der Rohe so nutzen, wie es ursprünglich intendiert war: als Wohnhaus einer Familie. Im Haus Lange inszeniert das dänisch-norwegische Künstlerduo also den Moment des Einzugs einer fiktiven deutschen Familie, die sich aufgrund des Brexit entschieden hat, aus Großbritannien nach Deutschland zurückzukehren. Die Ausstellung reflektiert also gleichzeitig die Visionen der Moderne im Licht der heutigen Realität: Inwieweit haben sich diese Ideale von aktuellen Lebensweisen und geopolitischen Situationen entfernt?

Elmgreen & Dragset: "Eternity", 2014, Epoxidharz Skulptur auf Holzbett, Bettzeug, Lack

München

Pure Malerei? Von wegen! Die Schau "Paint On" in der Pinakothek der Moderne umkreist Begriff, Ästhetik und Prozess des Malerischen. Ohne dass die ausgestellten Werke von etwa Katharina Grosse, Nina Könnemann oder Simone Lanzenstiel unbedingt Gemälde sind, lässt sich die Spezifik der Bilder doch auf Aspekte des Malerischen zurückführen. Die neu erworbenen Werke der Bayrischen Staatsgemäldesammlun sind sich ihrer Traditionen bewusst, bilden aber ein radikal erweiterndes mediales Selbstverständnis ab.

Monika Baer: "Ohne Titel", 2012, Öl, Acryl auf Leinwand, 180 x 136,5 cm

München

Haben Künstlermanifeste noch Relevanz? In der Villa Stuck finden sich ab Donnerstag die 13 großformatigen Projektionen der monumentalen Filminstallation "Manifesto". Der Künstler Julian Rosefeldt formt damit eine Hommage an die bewegte Tradition und literarische Schönheit von Künstlermanifesten und befragt nicht zuletzt die Rolle des Künstlers in der heutigen Gesellschaft. Die Schauspielerin Cate Blanchett trägt in verschiedenen Rollen Künstlermanifeste vor, etwa von Kasimir Malewitsch, André Breton, Yvonne Reiner oder Sol LeWitt. Durch Kürzung und Kombination der ursprünglichen Schriften hat Rosefeldt neue Textcollagen erstellt und fasst die monologischen, progressiven Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts in einem "Manifest der Manifeste" zusammen. 

Julian Rosefeldt: "Manifesto (Film still)", 2015
 

Stade

Expressives Schaffen, ungekannter Blick: Hamburg erlebte 1919 mit Gründung der Hamburgischen Sezession eine zweite, wichtige Phase des Expressionismus, an der das Malerpaar Dorothea Maetzel-Johannsen und Emil Maetzel einen entscheidenden Anteil hatte. In der Weiterentwicklung ihrer expressionistischen Formsprache bewegten sich beide Künstler am Rande des Erlaubten. Diese Befreiung aus den vorherrschenden Moralvorstellungen findet sich einerseits in ihren erotisierenden Darstellungen in der Druckgrafik und andererseits auch in den ersten Hamburger Künstlerfesten als Höhepunkt eines freizügigen Miteinanders der Geschlechter und zwischen Bürgertum sowie künstlerischer Boheme. Umtriebig besuchten der gelernte Architekt und die Künstlerin gemeinsam Ausstellungen der Berliner Sezession und der Galerie "Der Sturm" in Berlin und sammelten auf der Suche nach neuen Formen afrikanische Figuren, die auch als Vorlage für ihre Bilder dienten.

Dorothea Maetzel-Johannsen: "Überredung", 1919

Wolfsburg

Mehr Künstler als Anthropologe: Der südafrikanische Fotograf Pieter Hugo porträtiert seine Heimat Südafrika, aber auch Länder wie Ruanda, Nigeria, Ghana oder China. Immer geht es ihm dabei um das Sichtbarmachen von Machtstrukturen, um Unterdrückung und Dominanz. Was trennt uns und was verbindet uns? Wie leben Menschen jeglicher Couleur mit den Schatten kultureller Unterdrückung oder politischer Dominanz? Ob Porträts, Stillleben oder Landschaftsbilder, Hugo besitzt ein feines Gespür für soziale Dissonanzen und versucht einzufangen, wie Menschen jeden Alters und verschiedenster Herkunft mit ihrem historischen Gepäck und ihren Lebensumständen umgehen.

Pieter Hugo: "Thobe Calvin and Tshepo Cameron Sithole-Modisane, Pretoria", aus der Serie "KIN", 2006-2013, 2013, C-print

Zürich

Streifzüge durch Trödelläden: Ausgangspunkt für Liz Magors künstlerische Praxis besteht im Suchen von gebrauchten und nostalgisch aufgeladenen Objekten, die das Leben einst behaglich machten. Das Interesse der kanadischen Bildhauerin richtet sich auf ein breites Spektrum, von Kleidung bis Trödel, dessen verlorenen Reiz und Anziehungskraft sie im Atelier durch verschiedene Eingriffe wiederherzustellen sucht. Ihre mit akribischer Sorgfalt gefertigten sockellosen Skulpturen zeigen die Mechanismen von Begehren und Sucht auf und spiegeln eine ambivalente Beziehung des Menschen zu seinen Konsumgütern wieder.

Liz Magor: "Carton II", 2008, Polymerisierter Gips, Zigaretten, Kaugummi, Feuerzeuge, 29,2 x 53,3 x 48,2 cm