Gib mir Fünf! - Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Diesmal mit Paul Schwer, "Utopie Gesamtkunstwerk", Cuny Janssen, Aurelia Mihai und "Reflexion und Einfühlung"

Ulm: Paul Schwer

In Verbindung mit einer Ausstellung im Kunstverein Ulm wird die Kirche mit dem höchsten Kirchturm der Welt demnächst künstlerischer Schauplatz: Ein "Bautafel-Painting" des Düsseldorfer Künstlers Paul Schwer soll die Chorfassade des Ulmer Münsters zieren. Aufgebaut aus durchsichtigen, farbigen Platten aus Acrylglas, die von hinten mit Leuchtstoffröhren bestrahlt werden, wird die Installation auf einem freitragenden Gerüst befestigt. Ihr Schein wird auch im Inneren der Kirche zu sehen sein.

Mit dem "Bautafel"-Gemälde wird ein Bogen zur Ausstellung "Neutrinos" des Künstlers im Kunstverein geschlagen. Dort wird eine Art "Lichtschleife", bestehend aus aneinander gereihten bunten Leuchtstoffröhren, die Ausstellungshalle wie eine Schlange durchziehen und dabei die Exponate des Künstlers beleuchten. An einer Stelle ist die Schleife offen, mündet in ein Fenster und weist mit einem gebündelten Strahl in Richtung Ulmer Münster. Inspiriert sind die Installationen Schwers, bestehend aus Licht und Unendlichkeitssymbolik, von dem Schweizer Konkreten Max Bill, der Mathematik und Physik als Grundlagen seiner Werke betrachtete.

Kunstverein Ulm, 22. Januar bis 11. März

Wien: Utopie Gesamtkunstwerk

Die "Umwandlung der sozialen Wirklichkeit zu einer erneuerten Gesellschaft" schwebte dem Ausstellungsmacher Harald Szeemann 1983 bei seiner Schau "Der Hang zum Gesamtkunstwerk" vor – eine Kunst also, die dem Anspruch folgte, die Welt zu verbessern. Bereits Richard Wagner, mit dem man die historische Idee des Gesamtkunstwerks gemeinhin assoziiert, verband damit neben ästhetischen auch sozialutopisch-politische Vorstellungen. 54 Künstler beschäftigen sich mit dem Ideal vom Künstler als ganzheitlichem Weltenschöpfer und Gesellschaftsgestalter, das mit dem Ausgang der Moderne Schaden gelitten hat. Die Ergebnisse werden jetzt im neuen 21er Haus in Wien augestellt. Darunter Arbeiten von Szeemanns Tochter Una, Christoph Schlingensief, Hans Hollein oder VALIE EXPORT. Joseph Beuys' Idee der "sozialen Plastik" darf natürlich nicht fehlen. Durchdesignte Wohnumgebungen, wie sie 1970 in der Ausstellung "Leben mit Kunst" im Grazer Möbelhaus Ergl propagiert wurden, sind mit den kinetischen Skulpturen der Österreicherin Helga Philipp präsent. Liam Gillick würdigt mit seiner "Volvo Bar" den sozialexperimentellen Impuls, den der schwedische Autohersteller in den siebziger Jahren mit verantwortungsbewussten Arbeitspraktiken setzte (Flexibilität, Teamarbeit und eine sorgsam gestaltete Arbeitsumgebung sollten die Fließbandproduktion erträglicher machen). Und Thomas Hirschhorn fügt multidisziplinär Kunst, Politik, Philosophie, Literatur und alltägliches Verpackungsmaterial zu Assemblagen zusammen, mit denen er sozial anspruchsvolle Fragen wie diese stellt: "Erstens: Kann meine Arbeit einen neuen Begriff der Kunst erschaffen? Zweitens: Kann meine Arbeit einen 'kritischen Körper' aufbauen? Drittens: Kann meine Arbeit ein 'Nicht-exklusives Publikum' implizieren?" Präsentiert wird die Kunst in einem allumfassenden Display von Esther Stocker.

21er Haus, Wien, 20. Januar bis 20. Mai

Heilbronn: Cuny Janssen – Indianer, Inselbewohner und ein heiliger Berg

Hinter diesem geheimnisvollen Titel verbergen sich Kinderporträts und Landschaftsaufnahmen, die die niederländische Fotografin Cuny Janssen auf feinfühlige Weise miteinander verbindet. In dieser Kombination widmet sie sich den Geschichten der Kinder durch einen zurückhaltenden und doch empathischen Blick. Seit 2002 hat die Künstlerin mehrere Serien dieses Projekts erarbeitet, die in unterschiedlichen Ländern und Regionen entstanden sind, beispielsweise im Iran, in Mazedonien, Oklahoma, Südafrika oder Japan. Während ihrer Aufenthalte lebt Janssen bei den jeweiligen Familien und kann so die besondere Atmosphäre der Orte sowie den Alltag der Kinder direkt miterleben. In ihren Fotografien spiegeln sich die Eigenheiten der Umgebung und deren prägende Faktoren auf die Porträtierten. Meist sind es unschöne Geschichten, die sich in den Gesichtern der Kinder zeigen, denn häufig ist alles Kindliche aus ihren Blicken verschwunden. Die Erfahrung des Krieges, die Ausbeutung der Natur oder politische Verhältnisse schwingen sowohl in den Porträts als auch in den Landschaftsaufnahmen mit. Mit Feinfühligkeit, jedoch schlicht und ohne große Emotionen, befragt Cuny Janssen in ihrer Fotografie das Zusammenspiel von sich entwickelnder Identität und äußeren Einflüssen. Bilder aus ihren Serien "Amami", "My Grandma was a turtle" und erstmals "Yoshino" sind im Heilbronner Kunstverein ab Samstag zu sehen.

Kunstverein Heilbronn, 21. Januar bis 4. März

Braunschweig/Wolfsburg: Aurelia Mihai – Histories

Die Ausstellung "Histories" soll gleich im doppeltem Sinn eine Brücke schlagen: zum einen zwischen Kunsthochschule und Museum und zum anderen regional zwischen Braunschweig und Wolfsburg. Die rumänische Videokünstlerin Aurelia Mihai ist seit 2009 Professorin an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, in "Histories" zeigt sie eine Auswahl ihrer aktuellen Projekte. In der Galerie der HBK Braunschweig ist ihr neues Zweikanal-Video "Cento Piedi – A Hundred Steps" zu sehen, in dem sie sich mit dem Thema der rumänischen Gastarbeiter in Rom beschäftigt. Immer wieder kreist ihre künstlerische Arbeit um die Verflechtung von kulturellen, sozialen und politischen Ereignissen und Entwicklungen. Ihre fiktive Dokumentation über Ägyptologie in den USA, "Tal der Träumer", zeigt sie in der Städtischen Galerie Wolfsburg, in der sie die Rezeption von Original und Nachbildung thematisiert. Auch die Auseinandersetzung mit der verschwimmenden Grenze zwischen Realität und Fiktion in der medialen Bilderwelt taucht immer wieder in Mihais Video- und Fotoarbeiten auf. Unterschiedliche Blickwinkel prägen ihre Filme, persönliche Erinnerungen verschmelzen mit der historischen Dimension und bestehenden Legenden.

Galerie der HBK Braunschweig, Städtische Galerie Wolfsburg, 18. Januar bis 1. April

Düsseldorf: Reflexion und Einfühlung

Der Name der Ausstellung im Düsseldorfer KAI10 ist an den Titel einer Dissertation des deutschen Kunsthistorikers Wilhelm Worringer "Abstraktion und Einfühlung" angelehnt. 1907 beschäftigte er sich darin mit den psychischen Bedingungen für die Entwicklung von Kunst und Kultur. Sieben Künstler mit Wurzeln in Deutschland, England, Frankreich und Tansania haben sich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ihre Werke spiegeln ihr subjektives Empfinden und ihren Zeitgeist wider, der sich unbewusst der Vergangenheit bedient. Thematisiert wird, wer Kunst produziert, unter welchen Bedingungen sie präsentiert wird oder welche Möglichkeiten ein Künstler überhaupt hat. In der Ausstellung sind Zeichnungen, Fotografien, Drucke, Filme und Keramiken eines "l’art pour l’art" der heutigen Zeit zu sehen. Die Künstlerin Olivia Plender beispielsweise lässt in einem Comic mehrere Personen über den Kunstmarkt diskutieren. Ein (selbst-)zweifelnder Künstler fragt sich darin, wie das "Betriebssystem Kunst" mit der Interaktion zwischen Künstler, Sammler und Institution funktioniert. Die Künstlerin Natalie Czech beschäftigt sich in ihren Werken mit Transformation: Ihre Exponate sind beispielsweise ein Seidendruck, dessen Vorlage sie von einer Abbildung aus einem Ausstellungskatalog für Seidendrucke entnommen hat sowie eine einseitig bemalte Vase. Einseitig deshalb, weil ihre Vorlage ebenfalls einer Katalogabbildung ihres Originals entstammt und dabei eben nur eine Seite zu sehen ist. Eine Videoinstallation von Laure Prouvost dreht sich um einen fiktiven Atelierbesuch, der mehr emotionale Eindrücke schildert, als stur Werke wiederzugeben. Alexandra Hopf wiederum zeigt eine "Ausstellung in der Ausstellung". In ihrer "Future Show" posieren Protagonisten in bemalten Vorhängen. Die Künstlerin hält dies in Fotografien unter dem Titel "Anonymus Circle" fest. Wenn der Besucher meint, dass sie aus einem längst vergangenen Bildertheater stammen, ist er der Künstlerin auf den Leim gegangen, denn sie möchte darstellen, was hätte sein können, aber so nicht stattgefunden hat.

KAI10 – Arthena Foundation, Düsseldorf, 21. Januar bis 31. März