Gib mir fünf! - Ausstellungstipps

Die fünf Ausstellungstipps der Woche

Diesmal mit: Wundern in Hamburg, Mystik in Zürich, der Malerin Laura Owens und Erinnerungen an Jugoslawien

Hamburg: „Wunder. Kunst, Wissenschaft und Religion vom 4. Jahrhundert bis zur Gegenwart“

Die Hamburger Deichtorhallen lassen die Grenzen abendländischer Rationalität hinter sich und geben sich dem Unerklärlichen hin, dem Fremden, Verstörenden und was hier sonst noch unter den Begriff des "Wunders" gefasst wird.

Viel Schwindel, Geflunker und Aufschneiderei fällt naturgemäß darunter, wie etwa das telekinetische Verbiegen von Löffeln (ab den Siebzigerjahren vom Zauberer Uri Geller per Fernsehübertragung ausgeführt), ein heilmagnetisches Benediktuskreuz sowie allerlei Wunderpillen, Wunderwaffen, Wunderbatterien und was sonst noch das „Wunder“ im Titel führt – so findet sich auch der originale Stollenschuh vom Glücksschützen des „Wunders von Bern“ unter den Ausstellungstücken. Den kulturhistorischen Objekten werden in der vom Berliner Kuratorenbüro „Praxis für Ausstellungen und Theorie“ kuratierten Ausstellung Arbeiten von rund 50 zeitgenössischen Künstlern an die Seite gestellt, die den Einfall des „Utopischen, Göttlichen, Innovativen“ auf ihre Weise reflektieren. Dabei beweist zum Beispiel Francis Alÿs, dass heute zwar vielleicht nicht mehr der Glaube allein, aber zumindest viel guter Wille tatsächlich Berge versetzen kann: Für seinen Film „When Faith Moves Mountains“ drückte er 2002 fünfhundert Freiwilligen in Lima Schaufeln in die Hand, mit denen sie mit vereinter Kraft ganz handfest und überhaupt nicht telekinetisch eine gewaltige Sanddüne neu platzierten.

Deichtorhallen Hamburg, Halle für aktuelle Kunst, 12.9.-5.2.2012
Katalog: Snoeck Verlag, 24,80 Euro

Frankfurt: Michael Pfrommer, Adrian Williams

Auch der Portikus kündigt mit seiner aktuellen Doppelausstellung allerhand Unerklärliches an: Während die Gemälde und Zeichnungen des Malers Michael Pfrommer "von mystischen Weltenräumen" erzählten, tauchten in den performativen Inszenierungen von Adrian Williams "Beobachtungen aus wundersamen Welten, phantastische, geheimnisvolle Geschichten, rätselhafte Begegnungen und merkwürdige Stimmungen auf. Gemeinsam mit Musikern und Schauspielern wird Williams ein installativ in Szene gesetztes Hörspiel in fünf Aufführungen variieren und weiter entwickeln. Beide Künstler sind Städelschulabsolventen, leben und arbeiten in Frankfurt zusammen und haben in der Vergangenheit mehmals Gemeinschaftsprojekte realisiert. Im Portikus werden ihre Arbeiten allerdings durch eine temporär eingezogene, die Ausstellungsfläche verdoppelnde Zwischendecke getrennt sein: ein Auftritt ohne Netz, aber immerhin mit doppeltem Boden.

Aufführungen von Adrian Williams: 28.9., 5.10., 12.10., 26.10., 2.11., jeweils 19 Uhr. Portikus, Frankfurt am Main, 24.9.–6.11. Zur Ausstellung erscheint eine Publikation

Zürich: „Mystik – Die Sehnsucht nach dem Absoluten“

Wie macht man eine Ausstellung zur unbeschreiblichen Einswerdung mit einem unbeschreiblichen „Einen“? Man zeichnet sie zum Beispiel anhand der Lebensgeschichten von 40 Personen nach, die dieses Unbeschreibliche angeblich erlebt haben. 40 Erleuchtete stellt die Ausstellung "Mystik! im Museum Rietberg vor, die ihrer "Sehnsucht nach dem Absoluten" auf unterschiedliche Weise nachgegeben haben: indem sie wenig aßen und wenig schliefen (wie der griechische Philosoph Plotin), in die Einsiedelei gingen, meditierten und Yoga-Übungen absolvierten (der tibetische Asket Milarepa), auf steinernen Kopfkissen ruhten (Niklaus von Flüe) oder sich im Gebet ganz auf die Atmung oder ihren Bauchnabel konzentrierten (so vom byzantinischen Theologen Gregor Palamas im 14. Jahrhundert propagiert). In Gedichten, Gesängen, Gebeten und Texten, Porträts, Heiligenbildern und Devotionalien werden in Zürich Geschichten der ekstatischen Vereinigung mit dem wie auch immer begriffenen „Absoluten“ erzählt. Darunter die von den tausend Vögeln, die sich auf eine durch sieben Täler führende Reise zu ihrem Vogelkönig machen, um am Ende in ihm ihre eigene Identität zu erkennen (dargelegt in den um 1200 aufgeschriebenen „Vogelgesprächen“ des persischen Sufi Farid ad-Din ’Attar). Oder die der Kuhhirtinnen, die sich wie die indische Dichterin Mirabei selbst in Liebe zum göttlichen Krishna verzehrten. Multimediainstallationen ergänzen die rund 150 ausgestellten Kunstwerke und Originaldokumente und stellen im Kulturvergleich Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen hinduistischen, buddhistischen, daoistischen, muslimischen, jüdischen und christlichen Mystikern aus 2000 Jahren heraus.

Museum Rietberg, Zürich, 23.9. – 15.1. Katalog: Verlag Scheidegger & Spiess, 38 Euro

Bonn: Laura Owens

Die Malerei ist tot! Die Malerei lebt! Die Malerei ... ist nichts, das Laura Owens groß rechtfertigt. Die 1970 in Ohio geborene Künstlerin malt einfach. Manchmal werden ihre Bilder als „naiv“ oder „träumerisch“ beschrieben. Wohl, weil sie mit ihren kräftigen Farben, gefälligen Linien und Motiven, die mal abstrakt, mal gegenständlich sind, sehr nahe dem kommen, was auch außerhalb der Kunstwelt als „schön“ erachtet wird. Natürlich wird auf den zweiten Blick sichtbar, dass Laura Owens sich mit der Kunstgeschichte und besondere der Moderne befasst hat. Wie das Kunstmuseum Bonn schreibt: „Die fast schon kindlich anmutende Handschrift der ornamental aufgeladenen Bilder provoziert die Frage nach den Grenzen der Malerei als Kunst oder als Bestandteil des Alltags.“ Sicher ist: Die Bilder von Owens entziehen sich der Sprache, sie müssen gesehen werden, die erste Einzelausstelllung von Owens in einem deutschen Museum ist genau der richtige Ort dafür.

Kunstmuseum Bonn. Bis 8.1.2012. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Kerber Verlag.

Berlin: Raumschiff Jugoslawien

Es sind breite Panoramen, auf denen graue Betonmonster inmitten grün wuchernder Bäume und Büsche stehen – das Erbe der jugoslawischen Revolution. Marko Krojac hat mit einer russischen Panoramakamera 500 Denkmäler an Orten des Partisanenkampfs festgehalten. Sie wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und geraten nun in Vergessenheit. Krojac dagegen will die Erinnerung festhalten. Seine Fotos lassen die Denkmäler wie Raumschiffe wirken, das Stichwort gab den Titel für die Ausstellung von gut 20 Künstlern in den Räumen der NGBK in Kreuzberg: "Raumschiff Jugoslawien". Man sollte sich vom etwas schwerfälligen Ankündigungstext nicht abschrecken lassen – die Arbeiten der Künstler zeigen 20 Jahre nach dem Mauerfall wie sich die ehemals jugoslawischen Länder gewandelt haben, wie ihre Bewohner sich an die Vergangenheit erinnern und Künstler den Widesprüchen aus Erinnerung, Widerstand und Hoffen auf die Zukunft ihre Werke abringen.

Bis 30.10. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst