U-Turn

Quadriennale Kopenhagen

Kunst-Kur für den steifen Nacken
Eine Arbeit von Daniel Svarre und Group30 bei U-Turn – der ersten Quadriennale in Kopenhagen (Foto: Clemens Bomsdorf)

KUNST-KUR FÜR DEN STEIFEN NACKEN

In Kopenhagen wird erstmals ein Festival für zeitgenössische Kunst veranstaltet. art war bei der Eröffnung dabei, entdeckte abweisende Gruppen, sich wiederholende Aktionen und schaute zu, wie das Künstlerpaar Elmgreen und Dragset aus einer Meerjungfrau zwei machte.
// CLEMENS BOMSDORF, KOPENHAGEN

Wie schön! Eine Gruppe Menschen, die sich freundschaftlich unter die Arme greift und einen Halbkreis bildet. Ein positives Werk, das Daniel Svarre mit "Group30" geschaffen hat. Zwar fehlen die eigentlichen Körper, doch Anzugjacke, Hemd und Hose sind so geformt, dass der Eindruck entsteht, ein lebendiger Körper fülle diese aus. Das will man von vorne sehen.

Doch es gibt kein vorne, stellt sich bei dem Versuch heraus, auf die andere Seite des Halbkreises zu kommen und die Figuren anzublicken. Die Gruppe ist größer als gedacht und bildet einen kompletten Kreis. Der Kreis ist geschlossen und der Betrachter ausgegrenzt von den Menschen, die sich gegenseitig so sehr zu stützen scheinen. Ein Statement? Schließlich ist das Werk Teil der Hauptausstellung von "U-Turn" (Kehrtwende), Dänemarks erstem Festival für zeitgenössische Kunst.

"U-Turn" hat einen gewissen pädagogischen Anspruch. Schließlich hat das Kuratorenteam, bestehend aus Judith Schwarzbart, Solvej Helweg Ovesen und Charlotte Bagger Brandt, den Namen "U-Turn" nicht ohne Hintergedanken gewählt. Kopenhagen sei künstlerisch steif im Nacken geworden, und es müsse eine Kehrtwende geben, um in neue Richtungen zu schauen. Angesichts der ständig steigenden Zahl von Galerien und Ausstellungsorten in Kopenhagen ist es nicht so leicht zu erkennen, wo Kopenhagen sich denn nun versteift hat. Für eine Stadt dieser Größe hat die dänische Hauptstadt eine recht lebendige Kunstszene. Doch ein Ereignis, das über eine Museumsausstellung hinaus geht und internationalen Anspruch hat, gab es bisher nicht. In dieser Hinsicht bringt "U-Turn" wirklich etwas Neues nach Kopenhagen.

Touristen erfreut das dänische Wahrzeichen in zweifacher Ausfertigung

Zwei Hauptausstellungsräume gibt es für das Festival. Eine alte Fabrikhalle auf dem Gelände der Carlsberg-Brauerei beherbergt eine Gruppenausstellung, unter anderem mit Arbeiten von Hannah Höch, Henning Christiansen, Nevin Aladag und Michael Beutler. Die Ausstellungshalle in der Kirche St. Nikolaj zeigt eine Soloausstellung des dänischen Videokünstlers Jesper Just. Zusätzlich gibt es mehrere Stellen mit Kunst im öffentlichen Raum, die während des gesamten Festivals oder – wie Elmgreen und Dragsets Aktion mit der Kleinen Meerjungfrau – nur temporär gezeigt wird.

Selbstbewusst haben die drei Kuratorinnen das Festival schon einmal eine Quadriennale genannt. Doch bisher ist noch nicht klar, ob der Staat Geld geben will, um das Projekt langfristig umzusetzen. Dabei sind Gewohnheiten doch so beliebt. Genau damit beschäftigt sich Mads Lynnerup in seiner Arbeit "Rutiner (Sønder Boulevard)", die aus Plakaten und einem Film besteht, die während des Festivals im Hauptausstellungsort auf dem Gelände der Carlsberg Brauerei gezeigt werden. Er hat beobachtet, welche Gewohnheiten die Menschen auf der Straße Sønder Boulevard in der Kopenhagener Innenstadt haben. Zwei Frauen beispielsweise setzen sich regelmäßig vor die Ladentüre ihres Geschäfts und rauchen. Ein Mann zieht einen Hotdogwagen, eine Frau führt ihren schwarzen Hund aus. Szenen wie sie auf vielen Straßen zu beobachten sind. Lynnerup hat die Aktivitäten auf große Tafeln geschrieben. Diese hält er in einem Film in die Kamera, ganz so wie in Fernsehshows Schilder mit "klatschen und mit den Füßen trampeln" dem Publikum entgegengehalten werden.

"When a Country falls in Love with Itself" hat das Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset seinen Beitrag zu "U-Turn" genannt. Die Ausstellungsbesucher bekommen von der Arbeit in der Halle von Carlsberg nur ein Foto zu sehen, die Performance gab es noch vor der eigentlichen Eröffnung. Einige Jahre hat Ingar Dragset in den 1990ern in Kopenhagen gelebt, doch, so erzählt er art, erst diesen Sommer habe er zum ersten Mal die kleine Meerjungfrau, das Kopenhagener Wahrzeichen, gesehen. Jetzt steht er wieder vor der Statue und dirigiert vier Männer, die vor der Figur einen Spiegel aufstellen. Narzisstisch blickt die grün angelaufene Frau mit den Flossen schließlich in ihr Spiegelbild. "Dänemark ist so selbstzentriert geworden, das war vor einigen Jahren besser", kommentiert Dragset seine Arbeit. Währenddessen lassen sich wie üblich Touristen vor dem dänischen Wahrzeichen ablichten und freuen sich, die Nixe gleich in zweifacher Ausfertigung zu sehen.

"U-Turn: Quadriennale Kopenhagen"

Termin: bis 9. November, Kopenhagen, Dänemark. Orte: Carlsberg Tap E, Valby; Nikolaj CCAC; Camp x Aveny; Takkelloftet, Operaen; Ny Carlsberg glyptotek; Cinemateket. Der Katalog erscheint im Oktober.

http://www.uturn-copenhagen.dk

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