05 / 09 / 2008
Schwerfel On Tour
Reisetagebuch Asien
SCHWERFEL ON TOUR: GWANGJU-BIENNALE
Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert Asiens. Behaupten unisono Wirtschaftskapitäne, Finanzjongleure, Realpolitiker und der zeitgenössische Kunstbetrieb, der sich im Fahrwasser von Industrie und Handel von Jahr zu Jahr intensiver um globale Strategien bemüht, um fernöstliche Kunst ein- und westliche Werke auszuführen.
Seit der Biennale von Venedig 1999 sind chinesische Künstler auf allen großen westlichen Ausstellungen und Kunstmessen präsent, während seit vier bis fünf Jahren umgekehrt Galerien aus Europa und den Vereinigten Staaten verstärkt auf den schnell wachsenden Wohlstand chinesischer, indischer und arabischer Neureicher schielen.
Während große Museumsmultis wie Louvre, Guggenheim oder die Preußen-Stiftung vor allem lukrative Verträge mit den Emiraten suchen, setzt der Kunsthandel nach dem rezessionsbedingten Erlahmen der japanischen Kaufkraft auf neue Märkte in Shanghai, Seoul oder Taiwan und auf die längst wie geschmiert funktionierenden Insider-Treffpunkte im Netzwerk des internationalen Kunstbetriebs: die Biennalen. Denn die Flut der im Gefolge von Venedig, São Paulo und Sydney seit Jahren weltweit von Johannisburg und Berlin bis Istanbul und Moskau aus dem Boden schießenden Wechselausstellungen in potenten Großstädten hat längst auch den Fernen Osten erreicht, der in diesem Herbst zum ersten Mal seine künstlerischen Aktivitäten bündelt und die internationale Kunstszene innerhalb von nicht einmal zwei Wochen auf insgesamt sieben Biennalen und Triennalen in Südkorea, Festlandchina, Taiwan, Singapur und Japan einlädt.
Traditionell gekleidete Zeremonienmeister segnen einen Schweinekopf
Den Anfang machte am 4. September die südkoreanische Stadt Gwangju, eine knappe Flugstunde südlich von Seoul gelegen, eine florierende Provinzhauptstadt von eineinhalb Millionen Einwohnern mit breiten Schnellstraßen und properen Fußgängerzonen, die bereits seit 1995 internationale Kuratorenstars von Harald Szeemann bis Kathy Halbreich oder Jean de Loisy einlädt, in der eigens dafür gebauten Biennale-Halle sowie mehreren Museen Künstler aus aller Welt zu präsentieren. Wie bei fast allen Biennalen soll auch hier das Lokale durch den Dialog mit dem Globalen informert und aufgewertet, ein kultureller Know-How-Austausch im besten, Kunsttourismus im schlechtesten Fall.
Die Gwangju-Biennale ist mit jeweils rund einer Million zahlenden Besuchern fest im Selbstbewusstsein von Politikern und Bewohnern verankert. Sie begann in diesem Jahr folgerichtig mit einer Dankeszeremonie der örtlichen Bevölkerung. Auf dem legendären und vom Abriss bedrohten Fressmarkt Daein, in dessen überdachten Alleen an Dutzenden kleiner Stände lebende Seebarsche, Rochen, Hummer und Seewürmer gekauft und gekocht werden, veranstalteten die Standbesitzer am Vorabend der Eröffnung ein Konzert mit einer Art Gwangju Big Band und diversen Sängern, darunter einer lokalen Mischung aus Bob Dylan und Frank Sinatra, der mit Hut und Jeans zur Gitarre "My Way" schmetterte – im wahrsten Sinne des Wortes –, während der diesjährige Biennale-Leiter Okwui Enwezor zusammen mit traditionnel gekleideten Zeremonienmeistern einen Schweinekopf zum Wohle seiner Veranstaltung segnete. Dann wurden koreanische Fisch- und Gemüsehäppchen serviert als folkloristischer Auftakt für eine regionale Ausstellung mit universellem Anliegen: die kritische Auseinandersetzung der zeitgenössischen Kunst mit Politik und Globalisierung.
Menschenrechte und kulturelle Freiheit sind in Gwangju, wo 1980 ein legendärer – und vergeblicher – Aufstand gegen das damalige Militärregime stattfand, wichtige Themen, und so war es nur logisch, das mit dem in Nigeria geborenen, aber schon lange in Chicago lebenden Okwui Enwezor ein künstlerischer Leiter berufen wurde, dessen Documenta von 2002 im Zeichen des Gleichgewichts von politisch-dokumentierender und formal experimentierender Kunst gestanden hatte. Enwezor ist kein Freund von Themenausstellungen – er setzt gern auf eine publikumsfreundliche Mischung von Sinnlichkeit und Theorie in postkolonialem Kontext.
05 / 09 / 2008
