Light Show - London

Glitzerndes, gleissendes, glühendes Glimmern

Eine verspiegelte Telefonzelle, ein grell leuchtender Neon-Kubus oder ein fulminantes Lichtspektakel mit Warnung vor Schwindel – die Londoner Hayward Gallery zeigt eine beeindruckende Überblicksschau zum Stand der internationalen Lichtkunst.

Derart erbarmungslose Türsteher würde man eher am Eingang eines Nachtclubs erwarten, als an der Tür der Londoner Hayward Gallery. Wer in diesen Tagen nicht online vorgebucht hat, kommt nicht rein. Und das winzige Karten-Kontingent für Spontanbesucher ist zu jeder Stunde im Nu vergriffen.

Dem auf zeitgenössische Installationskunst spezialisierten Teil des "Southbank Center"-Komplexes am Südufer der Themse würden die Besucher derzeit im wahrsten Sinne des Wortes wohl am liebsten die Bude einrennen – denn gezeigt wird die spektakuläre "Light Show", eine geradezu magische Ausstellung darüber, was die Koryphäen der internationalen Lichtkunst zu bieten haben.

Auf drei Stockwerken sind Arbeiten von 22 Künstlern zu sehen, darunter von Veteranen des Fachs wie Anthony McCall, Dan Flavin, Jenny Holzer, James Turrell, Ceal Floyer, Fischli & Weiss, Nancy Holt und Olafur Eliasson, die vielfach zeigen, dass sie das Spiel mit Licht und Schatten immer noch drauf haben. Aber auch die Vertreter einer coolen jüngeren Generation überzeugen mit ihren Werken, wie zum Beispiel der in New York lebende, 40-jährige Chilene Iván Navarro mit "Reality Show" (2010), einem Objekt, das im dritten Stock der Galerie aussieht wie eine verirrte Telefonzelle. Betritt man die Klaustrophobie hervorrufend kleine Kabine, erzeugen geschickte Spieglungen den Eindruck, in allen Richtungen führten Lichttunnel gen Unendlichkeit. Wer sich drinnen in der optischen Täuschung verliert, bietet denen, die draußen anstehen, dabei ungewollt, aber faszinierend, gleichzeitig eine Live-Performance und wird so irgendwie auch Teil des Werks.

Aber nicht nur für diese Arbeit lohnt sich der Ticket-Trubel, denn "Light Show" ist ein "Ahh-und-Ohh"-Kunsterlebnis allererster Güte. Bereits direkt hinter der Eingangstür entfalten die Arbeiten von Leo Villareal und David Batchelor einen solchen Zauber, dass manche Besucher sich eine gefühlte Ewigkeit nicht weiterbewegen können, sondern stattdessen auf den Bänken Platz nehmen, um alles auf sich wirken zu lassen. Der Amerikaner Villareal hat in "Cylinder II" (2012) 19 600 LED-Lichter auf Stäben, die in konzentrischen Kreisen angeordnet sind, zu einem furiosen Lichtorchester arrangiert. Sekündlich erleuchten und erglitzern neue Muster, mal scheint ein Feuerwerk zu explodieren, dann sieht es aus, als fiele dichter Schnee, dann kommt es einem vor, als würde ein Glühwürmchenschwarm umherschwirren, ehe man meint, ein Kometenschauer ginge hernieder. Computertechnik steuert das sich scheinbar nie wiederholende Schauspiel und bannt die Blicke.

Der in New York lebende Brite Anthony McCall zeigt mit "You and I, Horizontal" von 2005 eine vergleichsweise alte Arbeit, die sein Prinzip der soliden Lichtskulptur wieder einmal aufs Faszinierendste dem Publikum nahebringt: In geometrisch exakten Konturen projiziert McCall gleißend helle Lichtkegel in stockfinstere Räume. Mit etwas Nebel aus der Maschine entstehen Lichtskulpturen, die eine solche Räumlichkeit entfalten, dass die Besucher immer wieder in den Kegel treten, ihre Schatten beobachten, langsam ihre Hände in die gestochen scharfen Lichtlinien halten, und dabei selbst zu Schattenrissen werden.

Bevor man eines der schönsten – und ältesten – Werke sehen kann, muss man sich weiße Schutztüten über die Schuhe stülpen. Für die volle Wirkung von Doug Wheelers "Untitled" von 1969 ist es essentiell, dass der komplett weiße Raum absolut sauber ist. Nur so entsteht in dem sphärisch diffusen bläulich flirrenden Licht der Eindruck, das Neon-Quadrat an der Wand würde im Nichts schweben. Abgerundete Raumecken verstärken den schwerelosen Eindruck, von einer psychedelischen Wolke verschluckt zu werden, an deren Ende ein gleißendes Tor in ein unbekanntes Universum führt.

Einer der farbgewaltigen Höhepunkte der "Light Show" ist ohne Frage "Chromosaturation" (1965 bis 2013) des in Paris lebenden Venezolaners Carlos Cruz-Diez, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. Die sich über drei miteinander verbundene Räume erstreckende Arbeit ist so grell wie simpel: In jedem Raum leuchtet eine der drei Grundfarben aus Neonröhren von der Decke und füllt den Kubus jeweils mit Blau, Rot und Gelb. Je nachdem, wo man sich als Betrachter aufhält, ergeben sich immer wieder andere intensive Farbtöne.

Auf ähnliche Weise allumfassend für die Sinne ist Olafur Eliassons "Model for a timeless garden" (2011), vor dessen Tür sowohl ein Museumswärter als auch etliche Schilder davor warnen, den Raum zu betreten, wenn man Epileptiker ist, unter Schwindel oder anderen Bewusstseinsbeeinträchtigungen leidet. Heftige Stroboskopblitze sorgen dafür, dass verschiedene kleine Wasserfontänen und Springbrunnen auf einer Art schwarzem Schwamm-Catwalk aussehen wie sekündlich von Zauberhand die Form verändernde Feinschliffskulpturen aus Kristallglas.

Es gibt auch genügend weniger Effekt heischende Arbeiten in der "Light Show", die – obzwar sie sich gegen derart exaltierte Konkurrenten wie "Model for a timeless garden" oder "Chromosaturation" behaupten müssen –, auch zu der sinnesgewaltigen Wirkung der Lichtkunst-Überblicksschau beitragen. Am Ende entpuppt sich die harte Türpolitik der Hayward Gallery sogar als Segen, denn die limitierte Besucherzahl erhöht den Kunstgenuss ganz ungemein.

Light Show

bis 24. April,
Hayward Gallery im Southbank Centre,
London
http://www.haywardlightshow.co.uk/

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