Ruhrtriennale - Festival

Licht, Dunkel, Kontraste

Das Kunstprogramm der Ruhrtriennale bietet mit William Forsythe oder Ryoji Ikeda viel Prominenz und bringt die alte Industrieregion mit Mitmach-Installationen in Bewegung. Bei Douglas Gordon bebt sogar das Weltkulturerbe Zeche Zollverein.

Der Mann trägt seinen Goldzahn dort, wo man ihn gut sehen kann. Um seinen Hals hängt eine schwere Silberkette, aus Kragen und Ärmeln quellen Tätowierungen. Darf man jemanden, der aussieht wie ein Kneipenschläger, in die Hallen eines Museums lassen?

Als die Aufsicht noch überlegt, ist das Unglück schon geschehen: Douglas Gordon, weltbekannter Videokünstler, hat sich ins Essener Museum Folkwang gestohlen und die zarte Installation von William Forsythe kaputt gemacht. Allerdings hatte der es auch herausgefordert.

Das Kunstprogramm der Ruhrtriennale steht dieses Jahr ganz im Zeichen von Erlebnis- und Mitmachkunst. Damit folgt das Festival zwar der neusten Mode, aber die großen, meist in alten Industriebauten eingerichteten Installationen sind mehr als gehobene Kirmesattraktionen. Sie sind eine Einladung, die Grenzen zwischen Kunst, Musik, Tanz und Theater zu sprengen. So bringt William Forsythe, einer der weltweit führenden Ballett-Choreografen, das Publikum schon in der Eingangshalle des Museum Folkwang zum Tanzen. Eine kleine Kamera filmt die Ankommenden, die dann in Sekundenschnelle auf einer Leinwand mit Zerrspiegeleffekten zerdehnt und in Schwung gebracht werden. Auf diese Einstimmung folgt in der großen Halle Forsythes "Nowhere and Everywhere", ein sacht in Bewegung versetzter Pendelwald. Insgesamt 400 Pendel hängen bis knapp über den Boden an dünnen Fäden von der Decke, und da das Betreten des Waldes ausdrücklich erwünscht ist, findet man sich bald in einem Labyrinth aus mechanisch choreografierten Schwingungen gefangen. Den Pendeln mehr oder minder leichtfüßig ausweichend, wird man dabei unversehens zum Tänzer, wenn man sich nicht wie Douglas Gordon die Blöße geben will, einen der Fäden strauchelnd aus der Halterung zu reißen.

Das "Test Pattern" des japanischen Komponisten Ryoji Ikeda ist deutlich robuster und stellt statt der tänzerischen Geschicklichkeit allenfalls die Reißfestigkeit unserer Trommelfelle auf die Probe. Das Techno-Gefiepe und Wummern setzt einen 100 Meter langen Boulevard aus Barcode-Strichen in Bewegung und darf ebenfalls – wenngleich nur auf Socken – betreten werden. Vermutlich braucht man niemanden zweimal zu bitten: So hypnotisch das rhythmische Flackern und Zucken der schwarzweißen Flächen von Außen anzusehen ist, so grandios wirkt es aus dem Inneren des Geschehens. Simple Stroboskopeffekte und musikalische Untermalung wirkten noch nie so majestätisch wie in der alten Kraftzentrale des Duisburger Landschaftsparks.

In der Kohlenwäsche von Zeche Zollverein wurde über Jahrzehnte Kohle sortiert, jetzt stürzen minütlich 25 000 Liter Wasser aus einem an der Außenwand des Ruhr-Museums montierten "Tower". Die Künstlergruppe rAndom International lässt es in Essen aus einem Viereck regnen; dabei entsteht bei passenden Lichtverhältnissen nicht nur ein dauerhafter Regenbogen, sondern auch ein geradezu paradiesischer Raum im Inneren des künstlichen Wasserfalls. Um die Besucher halbwegs trocken hinter den Aquavorhang zu lassen, wird der Zufluss in unregelmäßigen Abständen gestoppt.

Keine Wasserspiele, sondern eine Geisterbeschwörung inszeniert Douglas Gordon in der benachbarten Kokerei. Ein düsteres Grollen lässt die alte Mischanlage erzittern und erbeben, fahles Licht wirft die Schatten von Gitterstäben in die Schächte, und auf den Videoleinwänden scheinen die 1000 Feuer des Bergbaus noch einmal nach einem kleinen Rotkäppchen zu züngeln. Gordon, der selbst aus einer schottischen Industrieregion kommt, inszeniert die stillgelegte Mischanlage als Spukhaus, in dem die Erinnerung an die einstige Arbeit beängstigende Geister freisetzt. Eine Krähe zerrupft ihre Beute, eine Sopranistin (Gordons Ehefrau) stolziert, Purcell, Händel und anderes singend, durch den Industriebau, in dem die unermesslichen Kräfte, die hier einst wirkten, auf der Tonspur auferstehen.

Ruhrtriennale 2013

bis 6. Oktober,
Spielstätten in Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen und Gladbeck.
Der Besuch des siebenteiligen Kunstparcours ist bis auf die William-Forsythe-Ausstellung im Essener Museum Folkwang kostenlos
http://www.ruhrtriennale.de/de/

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