Art Basel - Hongkong

Neuer Umschlagplatz des Kunstmarktes

Die Art Basel hat in Hongkong ihre erste Messe absolviert. Die Besucher reagierten positiv, die Händler konnten gut verkaufen, wenn sie auch auf manch eingespielte Hierarchie verzichten mussten.

Der Galerist hat ein Problem: Da hat ein Besucher aus Nanjing zu einem sechsstelligen Dollar-Betrag ein Werk erworben, und der Händler weiß nicht, wer er ist. Handelt sich es um einen seriösen Sammler oder um einen Investor?

Chinas Osten in einer neuen Situation

Wird er sein Geld bekommen, wenn er das Bild reserviert und andere Interessenten abweist? Wie schreibt sich der Name überhaupt, wenn Umschriften nur ungefähr gelingen und man chinesische Charaktere nicht lesen kann? Wo überhaupt liegt Nanjing? Die Unsicherheit ließ sich mithilfe der Messeleitung auflösen. Nicht jeder europäsiche Händler muss wissen, dass in der nach Shanghai zweitgrössten Millionenstadt im Osten Chinas ein Kunstmuseum nach dem andern aus dem Boden schießt.

Der Galerist will nicht namentlich genannt werden. Mit seiner Unsicherheit dürfte er bei der ersten Auflage der Art Basel Hongkong im riesigen Convention and Exhibition Center der Stadt aber nicht alleine gewesen sein. Wer in den Vorjahren nicht an der Art Hongkong teilgenommen hat, muss sich erst einmal an die neue Situation gewöhnen. Wer am Stand sitzt und Emails checkt, statt auf die Kunden zuzugehen, macht schlechte Geschäfte. Westliche Angst vor Aufdringlichkeit und vornehme Zurückhaltung sind fehl am Platz. Die Besucher wollen betreut werden und kommen auch zehnmal vorbei, um immer wieder dasselbe zu fragen, bevor sie dann kaufen. "Da muss man durch", sagt Kerstin Wahala trocken.

Die Direktorin von Eigen + Art weiß, wovon sie spricht. Sie war überaus erfolgreich. Sie ist fast mit dem ganzen Programm, aber ohne Judy Lybke angereist. Frau kann sehr gut alleine. Nur ein großer Neo Rauch fehlt am Stand. Carsten Nicolai ist durch seine Konzerte in Fernost bekannt und geschätzt. Uwe Kowski ist gefragt. "Das hat uns anfangs überrascht. Wir dachten, die Besucher können mit dieser ungegenständlichen Malerei wenig anfrangen, konnten dann aber feststellen, dass sie sehr wohl wissen, wie solche Bildern anzuschauen sind."

Der gute Ruf Hongkongs

Die Art Basel hat in der letzten Woche erstmals eine Messe in Hongkong durchgeführt und nach zweijähriger Vorbereitungszeit die Feuertaufe mit Bravour bestanden. Vor ein paar Jahren hat sich das damalige Leitungsduo Marc Spiegler und Annette Schönholzer im asiatischen Raum nach einem geeigneten Ort für eine dritte Messedestination umgeschaut. Die Art Hongkong hatte sich unter Magnus Renfrew einen guten Ruf erarbeitet. Der Engländer war ein Kenner der asiatischen Gegenwartskunst und setzte auf Qualität und Vermittlung. Das war nicht so viel anders als bei der Art Basel. Verschieden waren die Mittel, der Standard der Infrastruktur und das Beziehungsnetz. Da bot es sich an, auf das Vorhandene aufzubauen, statt ganz von vorne mit etwas Neuem anzufangen.

Hinzu kam, dass Hongkong ein idealer Standort im asiatisch-pazifischen Raum ist. In der 7-Millionen-Metropole lebt ein buntes Völkergemisch. "Hier findet jeder sein Lieblingsgericht in perfekter Zubereitung, man spricht Englisch und ist schnell am Flughafen", sagt Magnus Renfrew. Vor allem aber gibt es für die noch 34 Jahre andauernde Übergangszeit der ehemaligen englischen Kronkolonie eine berechenbare Gesetzgebung, die vor Zensur schützt. Und sie ist ein riesiger Freihafen, in dem keine Mehrwertsteuer anfällt. Außerdem ließen sich immer mehr große Galerien dort nieder, und die beiden Auktionsriesen Christie's und Sotheby's konzentrierten ihre Asien-Auktionen auf die Stadt im Pearl River Delta. Also erwarb die Mutter der Art Basel 2011 60 Prozent der Art Hongkong.

Verständnis unter Künstlern

Für die erste Art Basel Hongkong wurden von einem achtköpfigen Galerienbeirat 245 Galerien ausgewählt. Gut die Hälfte kommt aus Fernost. Sie alle müssen sich Gedanken machen, wie die Kunst angeschaut wird, die sie mitbringen. Verstehen westliche Sammler asiatische Kunst, können Besucher aus dem asiatisch-pazifischen Raum etwas mit unserer Kunst anfangen? Spielt es überhaupt eine Rolle, ob man die Produkte der anderen wirklich begreift? "Am sichersten macht man etwas falsch, wenn man sich anbiedern will", sagt Mathias Rastorfer von der Galerie Gmurzynska. Er hat den Stand mit Botero-Arbeiten vollgehängt. Der Künstler ist in China sehr beliebt und hat auch eine Museumsausstellung vor sich.

"Die Besucher spüren schnell, ob man das mitgebracht hat, was einem wichtig ist, oder etwas, von dem man denkt, dass es ankommt. Niemand will mit Klischees abgespeißt werden.", erklärt Urs Meile. Der Galerist hat Niederlassungen in Luzern und Peking und versucht westliche und chinesische Kunst zu vermitteln. An der Art Basel Hongkong zeigt er verbogene Armierungseisen, die Ai Weiwei von Schulen gesammelt hat, die durch das Erdbeben in Sichuan 2008 zerstört wurden. Die Verformungen wurden zweimal exakt nachgebildet. Darüber hängen Wandarbeiten des Schweizers Not Vital. Er hat dünne Marmorscheiben, wie Chinesen sie für Raumteiler verwenden, in dicke Gipsformen eingelassen, die an alte Fensterlaibungen aus seiner Heimat Graubünden erinnern und durch die Maserung des Steins auch als Landschaften gelesen werden könnten, wie man sie aus der asiatischen Tuschemalerei kennt. Not Vital und Ai Weiwei kennen sich gut. In Peking liegen ihre Ateliers fast nebeneinander. Helfen solche Nachbarschaften zum Verständnis?

Einer, der in der zeitgenössischen Kunst alles versteht, ist Hans Ulricht Obrist. Er war natürlich auch in Hongkong und zeigte gleich bei der Ankunft beste Laune: Im Aufzug des Mandarin Oriental Hotels beschwor er für seine Mitarbeiter singend den Taifun, der vor seiner Anreise geblitzt und geschüttet hatte, und machte in seinem leuchtend blauen Anzug fortan bella figura. Er moderierte nicht nur, sondern stellte ein neues Buch über den "King of Kowloon" vor, den führenden Graffiti-Künstler der Metropole, dessen Werk jedoch inzwischen übermalt worden ist : "Wir haben Archäologie betrieben", erklärt der Meisterkurator vielsagend. Das machen heute viele, auch wenn selten mehr gemeint ist als ein Wort, mit dem man vieles in die eigene Gegenwart holen kann, ohne es verstehen zu müssen.

Die Brücke zwischen den Kulturen

Die Art Basel hat immer wieder betont, sie möchte mit dem Ableger in Hongkong eine Brücke zwischen den Kulturen schlagen. Die Messe soll ihr Profil durch den Ort erhalten, an dem sie stattfindet: "Wir wollen nicht dreimal dieselbe Messe zeigen. Die Besucher sollen in Hongkong, Basel und Miami jedes Mal eine eigene Atmosphäre und ein Angebot antreffen, das von dem Ort geprägt ist, an dem die Messe stattfindet", sagte Direktor Marc Spiegler. Natürlich hat man Bewährtes übernommen: Service und Auftritt haben zuverlässig Schweizer Qualitätsniveau. Die Messe ist auch in Hongkong in Sektoren unterteilt, um die Orientierung zu erleichtern. Sogar ein Preis wurde wie in Basel vergeben: Als bester Auftritt in der Youngster-Abteilung wurde die Mixtur aus Sound und Malerei von Navid Nuur and Adrian Ghenie mit 25 000 US-Dollar ausgezeichnet.

Ungeachtet dieser bewährten Bausteine hält die Art Basel thematisch ihr Versprechen: Bei keiner anderen Messe konnte man in der letzten Zeit derart viel Unbekanntes antreffen. In eine Hülle aus Ständen von Galerien, die man vielleicht schon einmal in Basel oder in Miami Beach angetroffen hat, war wie ein zu schützender Edelstein eine neue Sektion hineingelegt: "Insights" stellte gut 40 Galerien aus dem asiatisch-pazifischen Raum vor, die Kunst ihrer Länder präsentierten. Dass diese höchst unterschiedlich sind, wurde sofort deutlich, wenn man sah, dass Galerien aus Istanbul ebenso vertreten waren wie aus Mumbai und Auckland. So wenig, wie alle Europäer gleich sind, lässt sich Asien als Einheit behandeln. Wer sich hier Zeit nahm, um mit Galeristen und Künstlern zu sprechen, konnte manche Entdeckung machen und ein paar Vorurteile loswerden.

Melissa Loughnan von der Galerie Utopian Slumps aus Melbourne sieht das ganz pragmatisch. "Wenn wir in Europa oder in den USA waren, sind wir irgendwie immer noch die von down under, die nicht ganz mithalten können, weit weg sind von da, wo die Musik spielt. Hier in Hongkong ist es anders. Da begegnen sich alle auf Augenhöhe. Den meisten Besuchern ist alles fremd. Sie schauen alles gleich neugierig an." Der Grossgalerist, vor dem in Basel alle verstummen, musste sich in Hongkong genauso erklären wie der Newcomer. Die eingespielten Hierarchien funktionierten nicht.

Neugier am Eröffnungstag

Auch wer ganz auf Prada und Gucci getunt war, rieb sich die Augen. Natürlich gab es teure Textilien, Klunker und gezierte Gesten. Mit der kurzen Anwesenheit von Kate Moss und Roman Abramowitsch samt Daria Schukowa war sogar ein westlicher Promi-Faktor erfüllt. Aber bereits an der Vernissage waren Familien mit kleinen Kindern zu sehen. Am ersten Eröffnungstag stürmten Schulklassen und Pärchen die Messe. Was gefiel, wurde fotografiert, am besten noch mit den Freunden davor. Wer etwas nicht verstand, war nicht blöd, sondern fragte nach oder lachte darüber. Man war neugierig und quetschte sich auch gerne durch die aufgeblasenen gelben Elemente, die Seung Yul Oh aufgestellt hatte.

Dabei ließ sich durchaus Geld verdienen, auch wenn die ganz hohen Preise fehlten, die man in zwei Wochen in Basel antreffen dürfte. "Wir müssen uns an die Sammler hier herantasten und haben eher Werke in einem tieferen bis mittleren Preissegment mitgebracht", sagte André Buchmann. Vielleicht war es dieser Vorsicht geschuldet, dass man bei den etablierten Galerien gelegentlich den Eindruck hatte, dass sie nicht ihr erstes Angebot mitgebracht hatten. Es gab zwar Werke von Gerhard Richter, Georg Baselitz und Roy Liechtenstein, die Parade der westlichen Recken trat sozusagen an, doch selten mit kapitalen Werken. Den Gipfel bot die New Yorkerin Dominique Lévy mit einer Koje voller Dollar-Zeichen von Andy Warhol. Als müsste den asiatischen Besuchern eingeimpft werden, worum es im Kunstmarkt geht.

Für Hongkong ist die Ankunft der Art Basel ein Geschenk. Die Stadt sucht sich in der Region neu zu positionieren, inzwischen ist sie nicht mehr das einzige Tor nach China. Shanghai hat ebenfalls einen Freihafen für den internationalen Handel. Dabei setzt die ehemalige Kronkolonie auf Kultur. Als "cultural hub" des asiatisch-pazifischen Raums will man Besucherströme aus aller Welt anziehen. Dazu ist wohl kaum etwas so gut geeignet wie Kunst mit ihren globalen Trendsettern eines ausgabenfreudigen Lifestyles.