Joseph Beuys - Paris

Beuys bleibt lebendig

Dank seiner Freundschaft zu Eva Beuys kann Thaddeus Ropac mit einer Doppelausstellung legendärer Beuys-Werke in Museumsqualität glänzen.

Praktika können Leben verändern. Manche fangen im Weißen Haus an, andere führen in den White Cube. So wie bei Thaddaeus Ropac.

Als der 22-Jährige bei Joseph Beuys assistierte, beschloss er, Galerist zu werden. 30 Jahre später zählt er zu den mächtigsten Global Playern am Kunstmarkt, der mit Georg Baselitz, Anthony Gormley und Terence Koh Künstler am Puls der Zeit vertritt. In Salzburg tritt er in einem Altbau in der Innenstadt auf und einer riesige Halle abseits vom Zentrum, in Paris hat er seine neuen Räume gerade mit einer fulminanten Doppelschau eingeweiht: Im Aufwind des Beuys-Marktes zeigt er ein kapitales Konvolut aus dem Nachlass – darunter ausgerechnet die "Hirschdenkmäler", die der Praktikant 1982 gemeinsam mit dem Künstler für die berühmte "Zeitgeist"-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau arrangiert hatte. Ropac erzählt mit diesem Auftritt also auch seine eigene Geschichte: Was als mythologisches Materiallabor im Lichthof des Museums entstand, kostet heute bei ihm einen mittleren einstelligen Millionenbetrag.

An der Seine hat Ropac damit einen neuen Trend gesetzt. Das Bauensemble der ehemaligen Heizkörperfabrik im abgelegenen Bezirk Pantin weist mit 5000 Quadratmetern nicht nur museale Ausmaße auf, wie man sie sonst nur aus einer Handvoll Galerien in New York und London kennt. Doch auch die Schau selbst ist ein Statement für einen institutionellen Anspruch, wie er im kommerziellen Kunstbetrieb selten vorkommt. Der Marktplatz avanciert zum quasi-akademischen Ort, an dem der Kurator und Beuys-Experte Jörg Schellmann Relikte der Performance "Titus Andronicus/ Iphigenie" von 1969 aufbereitet – eine Aktion im Frankfurter Theater am Turm, bei der Beuys auf einem Schimmel über die Bühne ritt. Zeichnungen, Fotos und ein lebendes Pferd sind in einem verhältnismäßig kleinen Nebengebäude des Areals untergebracht, ergänzt um zwei Bronzeköpfe in Vitrinen: Abgüsse von der "Straßenbahnhaltestelle", die Beuys 1976 im Deutschen Pavillon der Venedig-Biennale aufstellte, und dem "Palazzo Regale" von 1985 in Neapel. Unterdessen schließt sich in der Galerie im historischen Stadtteil Marais ein weiterer Kreis: Den "Hirschdenkmälern" haucht hier Norman Rosenthal, Ex-Direktor der Royal Academy in London und damals "Zeitgeist"-Kurator, erstmals nach ihrer Entstehung Leben ein.

Zu verdanken ist dieser museale Wurf der langjährigen Freundschaft des Galeristen mit der Witwe Eva Beuys. Hatte die sich zuletzt mit Debatten zum Umgang mit dem Erbe in der Stiftung Schloss Moyland und der Renovierung des "Block Beuys" im Hessischen Landesmuseum Darmstadt herumzuschlagen, stand sie hier aktiv als Beraterin zur Seite. Und während die große Retrospektive 2010 im Düsseldorfer K20 eher als braves Lehrstück daherkam, wie es bereits 2006 in der Tate Modern beklagt wurde, gleicht diese Schau das Fehlen des Künstlers behende durch die Zeitzeugenschaft der Kuratoren aus. Zwar lässt sich der archivarische Unterton nicht überhören – er ist der Tribut, den der Tod eines Künstlers fordert, dessen Werk so stark vom Missionarseifer lebte. Doch Beuys bleibt hier insofern lebendig, als sich die Environment-Teile und Performance-Objekte, Papiercollagen und Aktionsfotos auf überschaubaren, am menschlichen Maß orientierten Flächen ausbreiten, statt sich in hohen Hallen zu verlieren. So entsteht das Gefühl eines organischen Ganzen, wie es Beuys selbst verkörperte.

"Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", meinte denn auch Rosenthal, der Beuys im Katalog in einer geistigen Linie mit Novalis, Friedrich Schiller und Friedrich Nietzsche verortet. Zwar ist es nicht neu, Beuys als Wiedergänger der deutschen Romantik zu lesen, der Natur und Leben im Mythos vereint. Sie trifft aber den Kern dessen, was die Franzosen an ihm interessieren dürfte. Die haben ihn zuletzt vor 20 Jahren in Harald Szeemans legendärer Schau im Centre Pompidou gefeiert. "Aber damals war nur ein kleiner Kreis zugegen", meint Thaddaeus Ropac. "Die Kunst saß im Elfenbeinturm." Bei seiner Vernissage gingen nun über 2000 Gäste ein und aus – darunter Bianca Jagger, Norman Foster, Sydney Picasso oder Christian Louboutin, die sich ein Gipfeltreffen mit Museumsdirektoren lieferten: Max Hollein vom Städel war da, Peter Weibel vom ZKM und Alfred Pacquement vom Centre Pompidou, das damals ein größeres Konvolut aus der Schau erworben hat – ein Schritt, der in Frankreich bisher eher die Ausnahme bildet.

Im Gegensatz zum Wahlfranzosen Anselm Kiefer, dem Ropac die mächtige Haupthalle in Pantin widmet. Der Beuys-Schüler ist hier nicht nur deshalb allgegenwärtig, weil er bei Paris lebt. Sondern der Existenzialismus seiner schrundigen Großformate lässt sich aus dem dunkel grundierten Denken Martin Heideggers ableiten, der in Frankreich via Sartre und Camus weitaus stärker rezipiert wurde als in Deutschland. Ropacs Streich, Beuys nicht nur als Wegbereiter seines beliebten Adepten einzuführen, sondern ihm als romantisch gesinnten Urvater der Existenzialisten den schwarzen Rollkragen anzulegen, stellt nonchalant noch etwas anderes in den Schatten: die Eröffnung der zweiten Pariser Dependance von Larry Gagosian. Der New Yorker Platzhirsch präsentiert zur Kunstmesse Fiac seine zwölfte Galerie auf 340 Quadratmetern. 20 Taximinuten vom Zentrum entfernt, liegt der Jean-Nouvel-Bau kundenfreundlich direkt am Privatflughafen Le Bourget. In der ersten Ausstellung zeigt er: Anselm Kiefer.