Doug Aitken - New York

Im Kunstzug durch die USA

New York City und dann quer durchs Land: Künstler Douglas Aitken hat einen Zug gechartert. Mit an Bord sind Musiker, Kunst und Künstler, auf den Stopps zwischendurch organisieren sie Festivals. Nun wurde in New Yorks Hipster-Hochburg Williamsburg der Auftakt gefeiert.

Die Kunstszene erinnert an einen durch die Welt ziehenden Nomadenstamm, der von einem Event zum nächsten jettet. Doug Aitken beschloss, den Spieß umzudrehen und lässt die Kunst durch das Land fahren.

Drei Jahre dauerte es, bis der L.A.-Künstler die US-Bahngesellschaft Amtrak davon überzeugt hatte, ihm einen Zug auszuleihen und Stationen zu finden, an denen er Kunstfestivals steigen lassen konnte. An diesem Wochenende ging in New York die Reise los, die mit Stopps in acht weiteren Städten wie Chicago, Santa Fee und Westküsten-Orten wie Winslow und Barstow, an denen die Kunst sonst gern vorbeizieht, schließlich in San Fransisco ihr Ende findet. Am Ufer des Brooklyner Hipster-Stadtteils Williamsburg stieg zum Auftakt eine ausverkaufte Party. New York City gab wieder einmal alles und ließ malerisch die Sonne über Manhattan und dem wachsenden Freedom Tower untergehen. Lokale Bands wie Ariel Pink und Suicide lärmten zu Videoinstallationen in einer großen Halle. Ein Auktionator mit Cowboyhut lieferte eine Stakkato-Sprechgesang-Einlage. Ein Cowboy ließ zu treibenden Beats die Peitschen knallen. Der Schweizer Olaf Breuning malte bunte Rauchschwaden in den New Yorker Himmel. Lawrence Weiner hatte die Flagge gestaltet. Carsten Höller steuerte einen quietschgelben Kunststoff-Iglu mit Objekten bei, die als Frisbee-Scheiben und Spielbälle benutzt werden können. Der für seine Kochkunst-Aktionen bekannte Künstler Rirkrit Tiravanija ließ Papiertüten verteilen, in denen T-Shirts mit der Aufschrift "Tofu Kills People" steckten. Eine Tanz- und Trommeltruppe aus Kansas City brachte Bewegung in die ganze Veranstaltung, zu der ein paar bunte kleine Nomadenzelte zählten. In einem der Zelte hatte der Brasilianer Ernesto Neto eine orange-leuchtende Liegehöhle kreiert. In der roten Variante spielte Kenneth Anger Videos ab, in der schwarzen hatte die mit dem Zug mitreisende L.A.-Künstlerin Liz Glynn für den New-York-Stopp einen Klaustrophobie erzeugenden Schneckengang aus dunklem Filz aufgebaut. Urs Fischer legte mit seinem sündigen, mit weißem Rauch gefüllten Spiegelzelt, das er mit einem großen, weichen Bett und einer Disco-Kugel ausgestattet hatte, lässig den besten Festival-Beitrag hin. Die Besucher zückten die Handy-Kameras und twitterten eifrig vor sich hin.

Alles in allem wirkte die Veranstaltung wie eine nette lokale Kunstparty, bei der nur noch die Grillwürstchen vom Biobauernhof fehlten. Jedenfalls wenn man darüber hinwegsah, dass große Künstlernamen mit am Werk waren und wie perfekt inszeniert und durchproduziert der Event war. Kameraleute waren eifrig dabei, die Aktionen aus allen möglichen Winkeln einzufangen. Weitere große Namen werden während der Reise auf Aitkens Kunstzug aufspringen, darunter Ed Ruscha, der Videokünstler Ryan Trecartin und der Fotograf Stephen Shore.

Dem 45-jährigen Aitken, der vor allem für seine Video-Installationen bekannt ist, geht es mit seinem "Station to Station"-Projekt um die sinnliche Erfahrung, wie wir Kunst sehen und erleben, wie wir uns Filme angucken oder Konzerte besuchen. In aller Regel haben die Events eines gemein: dass man sich in einem beschränkten Raum auf sie einlässt. Sei es eine Galerie, die Halle eines Museums oder der Konzertsaal. "Dinge, die als Kunst, Musik, Film oder Architektur kreiert werden, sind oftmals durch das System, das sie umgibt, beschränkt", so der Künstler. Also machte er sich daran, einen "nomadischen Sende-Tower" zu kreieren, der nicht nur Kunst ausstrahlt, sondern während seiner Reise kreative Ideen einsammelt und Neues entstehen lässt. In einem der neun Waggons befinden sich Video-Editing-Stationen, ein anderer wurde als Aufnahmestudio umfunktioniert. Die Außenhaut der Waggons stattete Aitken mit LED-Bildschirmen aus, sodass der Zug in Form einer beweglichen Videoprojektion durch die Lande rauscht. "Was mich interessiert, ist die Vorstellung davon, dass verschiedene Momente aufgegriffen werden und in etwas abgeworfen werden, das sich bewegt. Etwas, das sich verändert", so der Künstler. "Eine Plattform, die wortgetreu Menschen und Stimmen verändert, während sie sich bewegt."

Am 28. September wird die Reise ihr Ende finden. In der Zwischenzeit ist auch die "Station to Station"-Website ständig in Bewegung. Ein unendlich erscheinender Strom an Videos und Fotos, die von den Besuchern der unterschiedlichen Stationen über Instagram und Twitter eingespeist werden, spült auf die Site. Und so ist Aitkens rastloses Projekt ein Spiegel unserer Zeit mit ihren lauten Kunstspektakeln und einem Publikum, das vor allem daran interessiert ist, das Handy zu zücken. Um Bilder einzufangen, sich selbst zu inszenieren, zu posten und einfach zu signalisieren: Ich war dabei. Die Reise kann weitergehen.

Station to Station

bis 28. September,
Stationen: New York City, Pittsburgh, Chicago, Mineapolis/St. Paul, Santa Fe, Winslow, Barstow, Los Angeles, Oakland/San Francisco;
Auf der Website kann man sehen, wo sich der Zug gerade befindet und wer alles über Twitter und Instagram Fotos und Videos zu den Events liefert:
http://stationtostation.com