Yoko Ono - Interview

In London fielen sie über mich her

Yoko Ono war Mitbegründerin der Fluxus-Bewegung. Aber nicht erst als Frau von John Lennon erlangte sie internationale Berühmtheit – mit ihrer provozierenden Darstellung von Nacktheit löste sie immer wieder Kontroversen aus. art sprach mit Yoko Ono über Fluxus, katholische Heilige in Japan und die Brüste ihrer Mutter auf Liverpooler Einkaufstaschen.
"Zwanzig Typen zogen mich aus":Yoko Ono über Fluxus, Heilige und Nacktheit

"Mich gab es schon vor Fluxus": Yoko Ono, 75, im Park vor der Kunsthalle Bielefeld

Frau Ono, ich habe eine Postkarte mit einem ihrer frühen "Film Scripts" (1964) dabei. Darauf steht: "Lade das Publikum ein, Teile des Filmbilds auf der Leinwand auszuschneiden, wenn es ihm nicht gefällt." Sie lieben es, Menschen zu unmöglichen oder imaginären Dingen anzuleiten.

Yoko Ono: Imaginäre Dinge sind nicht unmöglich. Man kann sie in der Vorstellung tun.

Stimmt, und sie haben immer wieder versucht, die Menschen in diesem Sinne zu inspirieren. Wie Joseph Beuys sagte: "Jeder Mensch ist ein Künstler."

Oh ja. Ich glaube, manche Menschen halten sich für künstlerisch unbegabt. Dann kommen sie hierher, werden Teil eines Kunstwerks, was ihnen vielleicht hilft, sich zu öffnen. Ich möchte, dass sie eine Seite in sich entdecken, die sie bislang nicht kannten.

Es gibt eine geradezu schelmische Note in vielen ihrer Werke. Ist das ein Erbe der New Yorker Fluxus-Zeit?

Mich gab es schon vor Fluxus. Diese Bewegung wurde von mehreren Leuten ins Leben gerufen, und ich war eine davon. Sie können es nachprüfen, aber sie werden nicht viele andere Künstler finden, die das Publikum damals so in ihre Arbeit einbezogen haben wie ich. Den meisten Künstlern fällt es schwer, die Kontrolle aus der Hand zu geben. Ich habe es einfach getan. Es ist ein Spiel.

Sie wurden in den letzten Jahren regelrecht wiederentdeckt. Können Sie sich erklären, warum das so spät passierte? Waren Sie ihrer Zeit voraus? Gerade erst habe ich ein aktuelles Kunstwerk gesehen, das ihrem "Painting to be stepped on" (1961) ziemlich ähnlich ist.

Bei diesem Gemälde wurde ich von einem historischen Ereignis angeregt. Kaum jemand weiß, dass es in Japan 14 oder 16 katholische Heilige gibt. Im 16. Jahrhundert gab es viele Konvertiten, die von den japanischen Herrschern verfolgt und ans Kreuz geschlagen wurden. Sie legten ein Bild von Jesus Christus auf den Boden und stellten die Katholiken vor die Wahl: "Wenn ihr auf das Bild tretet, dürft ihr gehen, wenn nicht, müsst ihr sterben." Die armen Menschen wussten, dass sie getötet werden würden, und doch weigerten sie sich, auf das Bild zu treten. Sie hatten den unglaublichen Mut und den unerhört starken Glauben, nicht auf dieses Bild zu treten. Ich hätte es getan. Schließlich ist es nur ein Bild. Schon als kleines Kind habe ich diese Geschichte immer bewundert: diesen Mut, sich an seinen Glauben zu klammern statt an die Realität. Ich fand das wunderschön und wollte es in gewisser Weise nachstellen. Ich wollte sehen, ob die Leute auf das Bild treten würden. Ich wünschte, ich wäre so mutig wie die Menschen damals.

Sie waren doch auch sehr mutig. Sie haben früh feministische Themen aufgegriffen und sich etwa in ihrem "Cut Piece" (1965) auf offener Bühne die Kleider vom Leib schneiden lassen.

In London sind sie dabei geradezu über mich hergefallen. 20 Typen kamen auf die Bühne und zogen mich aus. Als ich später in Paris auftrat, war ich auf das Schlimmste vorbereitet. Doch dort waren sie sehr feinfühlig und ließen mit meinem BH den Vorhang fallen. In New York wollte mein Vater mich zur Rückkehr nach Japan bewegen: "Wie ich höre, bist du jetzt eine Striptease-Tänzerin." Der Heimflug war schon gebucht, und ich dachte mir: "Na großartig, ich fliege nach Japan und darf nie wieder zurück." Die Welt war damals sehr konservativ.

Auch heute sorgt es noch für einen Skandal, wenn Sie Bilder einer nackten Frau im öffentlichen Raum zeigen.

In Liverpool hatte ich die Idee, die Stadt mit den wunderschönen Brüsten meiner Mutter zu verschönern. Es ist eine sehr hippe Stadt, die Heimat der Beatles, also dachte ich, sie würden sich freuen. Stattdessen gab es eine riesige Kontroverse. Und wissen Sie, was dann passierte? Sie nahmen die Einkaufstaschen [mit den Bildern von Onos Mutter] und verkauften sie bei Ebay. Gefallen hat es ihnen nicht, aber sie schlugen ihren Vorteil daraus (lacht).

"Yoko Ono – Between the Sky and My Head"

Termin: bis 16. November, täglich 11-18 Uhr, Mittwoch 11-21 Uhr, Samstag 10-18 Uhr, montags geschlossen, Kunsthalle Bielefeld. Vom 13. Dezember 2008 bis zum 15. März 2009 wird Ono im Baltic Centre of Contemporary Arts, Gateshead gezeigt. Es erscheint ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König.
http://www.kunsthalle-bielefeld.de/