Christian Boltanski - Interview

König über die Zeit

Der französische Künstler Christian Boltanski inszeniert in der Salzburger Domkrypta einen mysteriösen Totentanz und stellt existentielle Fragen. art sprach mit ihm über Gott, die Kirche und seine Installation "Vanitas".

Erstmals wird die neu sanierte, spätromanische Krypta des Salzburger Doms für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mutig die Entscheidung, den französischen Künstler Christian Boltanski (Jahrgang 1944) hier mit einer Arbeit zu betrauen. Quasi immateriell greift Boltanski in den nur mit einem Steinaltar ausgestatteten Raum ein, entfacht mit Kerzen, 12 blechernen Figuren, einem projizierten Todesengel und Sound einen "Danse macabre". Es ist das achte Projekt der Salzburg Foundation, mit dem ein "Walk of Modern Art" durch die Altstadt abgesteckt wird.

Herr Boltanski, in einer romanischen Krypta zu arbeiten, stelle ich mir heikel vor.

Christian Boltanski: Es ist natürlich etwas ganz anderes als in einem Galerieraum. Ich habe mich für eine schwerelose Collage im Raum entschieden.

Bei der Sanierung der erst jetzt zugänglich gemachten Salzburger Krypta redeten eine Menge Menschen mit, nicht zuletzt auch der Domkustos. War es schwierig, Ihr Vorhaben zu kommunizieren?

Nein, denn "Vanitas" gehört zu einer Gruppe von Arbeiten, die alle um die religiöse Frage und die Idee von Gott kreisen. Für mich ist Gott der König über die Zeit.

Sind Sie katholisch?

Ja, aber ich bin nicht gläubig.

Stand Ihre Konfession zur Debatte?

Eigentlich nicht. Ich argumentierte eher mit der Conditio humana: Man kann als Mensch alle möglichen Dinge in Angriff nehmen, aber eben nicht gegen die Zeit kämpfen. Die Zeit ist einfach stärker als der Mensch. Davon will ich erzählen und wie uns die Zeitmaschinerie unter Kontrolle hat.

Bei "Vanitas" handelt sich im Grunde um ein Schattenspiel.

Ich fand die "Danses macabres" schon immer inspirierend, die Tradition des Schattenspiels reicht bis ins Mittelalter zurück. Insofern bezieht sich der moderne Totentanz jetzt auch auf ältere Arbeiten von mir, die unter dem Tenor des Zwangsläufigkeit allen Lebens stehen. Man stößt nun in der Krypta auf durch Kerzen hervorgerufene Schatten, die Lichtprojektion eines Todesengels und Sound.

Durch den Sound fühlt man sich wie unter Druck gesetzt.

Ja, das Voranschreiten der Zeit ist quasi physisch zu spüren. Beim Erleben der Arbeit wird einem bewusst, dass man wieder zehn Minuten seines Lebens verloren hat. Über mehrere Stunden hinweg erfolgte Zeitansagen sind zu hören.
Es handelt sich um eine automatische Stimme, wie man sie etwa vom Telefon her kennt. Ich wollte keine individuell-menschliche Stimme haben.

Wann arbeiteten Sie das erste Mal mit Schattenspielen?

Das reicht lange zurück. Um 1983/84 setze ich erstmal den Schatten in meiner Kunst ein. An dem idolhaften Ort der Salzburger Krypta wollte ich eine visuell überzeugende Arbeit machen, die zugleich letzte Fragen stellt. Der erste Titel der Arbeit lautete "So schnell". Einerseits bezog sich das auf die Zeitansage, dann sieht man Schatten, die visionär wie Geister wirken.

Zum wiederholten Male machen Sie eigens Kunst für eine Kirche.

Ja, ich habe eine ganze Reihe von Arbeiten in Kirchen realisiert. Vor ein paar Jahren stellte ich auf Einladung von Pater Mennekes in der Kunststation St. Peter in Köln aus. Bereits 1986 hatte ich eine große Installation in der Chapelle de la Salpêtrière in Paris und 1995 dann in Santiago de Compostela. Die Kirche ist für mich ein Denkraum. Wenn man zeitgenössische Kunst in eine Kirche integriert, so darf das meiner Meinung nach nicht mit lauten Mitteln geschehen. Ich halte es auch nicht für sinnvoll, Jazz-Konzerte in Kirchen zu veranstalten. Ich liebe Jazz, aber nicht an diesem Ort. Meine Form der Collage soll die Besucher vergessen lassen, dass es sich um Kunst handelt, man soll vielmehr existentielle Fragen stellen.

Insofern ging die Salzburg Foundation mit Ihnen ein geringes Risiko ein.

Sie haben mir verschiedene Orte vorgeschlagen, aber ich wollte unbedingt in der Krypta arbeiten. Für mich ist es ein perfekter Platz, weil er einerseits öffentlich, aber auch spirituell ist, so schwer das Göttliche hier auch zu definieren sein mag.

Haben Sie nicht Angst, dass es in dem konservativen Kulturklima von Salzburg Proteste geben könnte. Proteste, dass ein zeitgenössisches Kunstwerk an diesem geweihten Ort, mit einem vermutlich dem Hl. Johannes gewidmeten Altar, interveniert.

Ich glaube nicht, dass sich jemand erregt, weil "Vanitas" gewissermaßen eine religiöse Arbeit ist.

Markus Lüpertz' ebenfalls für die Salzburg Foundation geschaffene Mozart-Skupltur von 2005 ist mehr als umstritten. Sie wurde von einem vehementen Gegner eines Tages sogar "geteert und gefedert".

Es ist natürlich sehr schwierig, in einer so schönen Stadt wie Salzburg mit Kunst im öffentlichen Raum zu intervenieren. Da kann auch leicht das Gesamtbild der Stadt zerstört werden. Manchmal ist zeitgenössische Kunst ja sehr hässlich oder auch nur kritisch. Ich finde man sollte an diesem Ort als Künstler eher bescheiden bleiben.

"Christian Boltanski: Vanitas"

Termin: ab 3. Oktober, Krypta des Salzburger Domes
http://www.salzburgfoundation.at/content/blogcategory/1/88/lang,de/