Turner Prize - Mark Wallinger

Turner Prize in greifbarer Nähe

Im Dezember wird der Turner Prize in Liverpool verliehen. Mark Wallinger heimste zum zweiten Mal eine Nominierung für den wichtigsten Kunstpreis Europas ein. Er muss sich gegen drei weitere Konkurrenten durchsetzen. Sandra Danicke traf sich für art mit dem Briten im Kunstverein Braunschweig, wo eine Retrospektive zu sehen ist
Kandidatenwahl für den Turner Prize:Mark Wallinger ist nominiert.

Mark Wallinger, "Sleeper", 2004, Videoprojektion 2:31 Stunden

Es sei irgendwann in den frühen Morgenstunden gewesen, als die Verzweiflung ihn übermannt habe. Jetzt sitzt du hier, einsam und alleine in einem Glaskasten herum, trägst ein Bärenkostüm, und keiner schaut zu, habe er gedacht, erzählt Mark Wallinger bei der Eröffnung seiner Ausstellung im Kunstverein Braunschweig. Die Rede ist von seiner Arbeit „Sleeper“, für die er 2004 in ein Bärenkostüm geschlüpft und darin zehn Nächte lang durch die Berliner Nationalgalerie geirrt war. „Ein paar Mal wäre ich fast eingeschlafen“, gesteht der Brite, der zum zweiten Mal für den renommierten Turner Prize nominiert ist, aber letztlich sei es unter dem Kunstpelz ja viel zu heiß dafür gewesen. Gedankenverloren blickt der Londoner Künstler auf den damals entstandenen Film und fängt plötzlich hysterisch zu lachen an. Der Bär, der er selbst war, kommt ihm auf einmal rührend plump und verzweifelt komisch vor.

Es gibt diverse Film- und Fotoarbeiten in dieser Ausstellung, die im Übrigen seine erste Retrospektive in Deutschland ist, in denen Mark Wallinger, der 1959 in Chigwell, Essex geboren wurde, eine kuriose Hauptrolle übernimmt. Für „Angel“ zum Beispiel, entstanden 1997, markierte der Künstler einen Blinden auf einer U-Bahn-Rolltreppe, der die ersten Verse des Johannes-Evangeliums aufsagt. Seltsam nur, dass die Menschen, die rechts und links von ihm hoch oder runter fahren, alle falsch herum stehen. Dann erst merkt man, dass der ganze Film falsch herum läuft. „Ich kann es immer noch rückwärts sagen“, kichert der Brite mit dem skurrilen Humor, und man kann nur vermuten, dass das Kauderwelsch, das er sogleich aufzusagen bereit ist, umkehrt „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott“ heißen soll.

Wallinger ist bekannt dafür, dass er in seinen Arbeiten die Dinge gerne mal auf den Kopf stellt und sich hierfür nicht nur religiöser, sondern häufig auch physikalischer Phänomene bedient. „What Time is the Station Leaving the Train“ (um wie viel Uhr verlässt der Bahnhof den Zug) ist deshalb auch eines seiner Lieblingszitate von Einstein. Die gleichnamige Arbeit zeigt eine schier endlose Zugfahrt mit einer Ring-S-Bahn, die aus zwei gegenüber liegenden Fenstern gefilmt wurde, als benachbarte Projektionen. Der Betrachter verliert schnell die Orientierung über Zeit und Raum, und bemerkt womöglich gar nicht, dass er einer Art filmischem Palindrom aufsitzt, also etwas, das von vorne und rückwärts identisch gelesen werden kann. „Oxymoron“, also etwas, das aus scheinbar einander widersprechenden Begriffen gebildet ist, nennt Wallinger eine von ihm entworfenen britische Flagge, die aus ihren Komplementärfarben besteht. Statt dem Blau-Weiß des Union Jacks leuchtet nun das Orange-Grün der irischen (und also traditionell feindlichen) Trikolore auf der Fahne – eine Entdeckung, die ganz nach Wallingers Geschmack ist.
Ob er diesmal damit rechne, den Turner Prize zu gewinnen? „Natürlich!“, ruft Wallinger, um sofort danach in schallendes Gelächter auszubrechen. Schließlich sei er doch jetzt mal an der Reihe. Bereits 1995 war Wallinger nominiert worden, damals gewann Damien Hirst – ebenfalls im zweiten Anlauf. Wenn er ehrlich sein solle, habe er schon ein wenig Angst vor der Bekanntgabe, die im Dezember in Liverpool ansteht, gesteht der Künstler und gibt zu, bereits an diversen Strategien zu feilen, die ihm helfen sollen, souverän mit einer Niederlage umzugehen. „Ich fürchte ja, Mike Nelson macht das Rennen“. Schließlich sei der Kollege ebenfalls zum zweiten Mal nominiert. Aber vermutlich ist diese Behauptung bloß eine von Wallingers Strategien.

Termin:

Kunstverein Braunschweig,1. September bis 11. November. Haus Salve Hospes, Lessingplatz 12, 38100 Braunschweig
http://www.kunstverein-bs.de