Mitch Epstein - Bonn

Der Hunger nach Energie

Unter dem Titel "State of the Union" fasst das Bonner Kunstmuseum die Farbfotoserien "American Power" und "Recreation" von Mitch Epstein zusammen. Darin dokumentiert der Fotograf den gesellschaftlichen Wandel seiner Heimat Amerika und lenkt den Blick auf den Machtfaktor Energiepolitik.

Es ist der amerikanische Traum vom kleinen Glück: Ein Haus im Grünen, dazu ein gemütlicher Garten, in dessen Mitte ein Baum seine Äste in den Himmel streckt. In der Nähe steht ein gelbes Häuschen gleicher Bauart; der fehlende Zaun spricht für gute Nachbarschaft. Ob das auch für das im Hintergrund aufragende Kohlekraftwerk gilt? Selbst im milden Morgenlicht wirken die Kühltürme bedrohlich. Der Betrachter ahnt, dass im Lauf des Tages riesige Schatten auf die Idylle fallen werden.

Die Aufnahme "Amos Coal Power Plant, Raymond City, West Virginia" (2004) stammt aus Mitch Epsteins Fotoserie "American Power" und ist ein gutes Beispiel für den subtilen Stil des Dokumentarfotografen. Für "American Power" hat er zum einen die Kraftzellen der USA fotografiert: Raffinerien, Staudämme und andere Industrieanlagen lenken den Blick auf den Machtfaktor Energiepolitik. Aber auch Hobby-Motorradfahrer oder das Panorama der autogerechten Unterhaltungsstadt Las Vegas. Die ausgebeutete Natur ist für Epstein das Fundament, auf dem der energiehungrige
amerikanische Traum errichtet wurde; seine Fotos machen deutlich: Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

In Deutschland wurde der 1952 geborene Epstein durch mehrere vorzügliche Bildbände des Steidl Verlags bekannt. Eine großangelegte Ausstellung fehlte bisher, was das Bonner Kunstmuseum dazu bewogen hat, die in Buchform publizierten Farbfotoserien "American Power" (2003 bis 2008) und "Recreation" (1973 bis 1988) unter dem Titel "State of the Union" zusammenzufassen. Tatsächlich dokumentiert Epstein den gesellschaftlichen Wandel seiner Heimat so aufmerksam wie kein anderer Fotograf seiner Generation. Die Fotoserie "The City" hält die schleichende Privatisierung des öffentlichen Raums am Beispiel von New York fest, "Family Business" schildert den Niedergang der für alte Traditionen stehenden "Main Street".

In der Bonner Kombination von "American Power" und "Recreation" zeigt sich nun, wie eng auch deren Themen miteinander verzahnt sind: Auf Epsteins Urlaubsbildern sind überwiegend erschöpfte Menschen zu sehen; die Vorstellung, dass es ohne Mobiltät keine Erholung gibt, ist überall präsent. So hält der maßlose Energiehunger auch die
Freizeitgestaltung fest im Griff, ohne dass Epstein deswegen zum Öko-Priester würde. Manchmal fasst er die Umweltzerstörung in Bilder, deren formale Schönheit den pathetischen Naturstudien von Ansel Adams gleicht.

"State of the Union"

Termin: bis zum 23. Januar 2011 im Kunstmuseum Bonn, der Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen und kostet im Buchhandel 45 Euro, im Museum 28 Euro
http://www.kunstmuseum-bonn.de