Carsten Höller - Berlin

Tierische Traummaschine

Mit Fliegenpilzen und entspannt umherstreifenden Rentieren berauscht der Kölner Künstler Carsten Höller die historische Halle des Hamburger Bahnhofs in Berlin. art-Autor Kito Nedo lauschte ihrem Knacken

Das Rentier gab den Berlinern bislang keinen Anlass, über seine Spezifik nachzudenken. Zum Beispiel über das Knacken. Wenn man genau hinhört, hört man es. Das Knacken kommt vom Fußgelenk des Rentiers. Es entsteht, wenn eine bestimmte Sehne über das Gelenk rutscht. Das tut nicht weh und ist ganz normal, aber dadurch können die Tiere ihre Hufe sehr weit spreizen: So lässt es sich besser über Schneeflächen und sumpfigen Untergrund laufen, dort wo Rentiere naturgemäß leben – in eurasischen Gefilden.

Das Knacken ist schön, aber es ist vermutlich eher ein nebensächlicher Grund für den Künstler Carsten Höller, der in diesem Herbst ein Dutzend lebender Rentiere in das Berliner Gegenwartsmuseum Hamburger Bahnhof schaffen ließ. Dort dienen die stoisch und entspannt umherstreifenden Tiere zusammen mit vierundzwanzig Kanarienvögeln, acht Mäusen und zwei Fliegen bis Februar dem hehren Zweck der Gegenwartskunst. In der großen, in den neunziger Jahren durch den Architekten Josef Paul Kleihues umgebauten historischen Halle sollen sie zu lebenden Ausstellungsstücken, einem einzigen tierischen Tableau Vivant verschmelzen.

Fast macht es den Eindruck, als hätte die Halle all die Jahre nur auf diese Ausstellung gewartet, so gespenstisch gut fügt sich der streng symmetrisch angelegte Rentierverhau in die Museums-Architektur, in deren Mitte sich eine Ufo-artige, übers Internet buchbare Bettlandschaft (1000 Euro pro Nacht) erhebt und vier gigantische Finken-Volieren von der Decke hängen. Es sind die darin lebende Vögel, die den Raum akustisch bestimmen.

Dass es ihm grundsätzlich ausreiche, "wenn ein Kind reinkommt und die Rentiere einfach toll findet", erklärte Höller auf der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung. Für alle anderen, die das kindliche Staunen über die Erhabenheit der Natur verlernt haben oder dies lieber außerhalb des Museums tun, hat sich der naturwissenschaftlich beschlagene Künstler, der einst Agrarwissenschaften in Kiel studierte, seine Promotion über Blattläuse schrieb und anschließend mit einer Abhandlung zur zwischeninsektlichen Geruchskommunikation habilitierte, ein schönes theoretisch-experimentielles Narrativ erdacht.

Um die Installation herum zimmerte Höller also noch einen pseudowissenschaftlichen Überbau, der sich um den schamanischen Wundertrunk namens Soma dreht, von dem in alten Reiseberichten in die Weiten der nordeurasischen Tundra die Rede ist. Es gibt keine wirklich handfesten Beweise für das Mittel, dessen Genuss angeblich Erleuchtung, Reichtum und Glück verspricht, doch gerade das macht es für Höller so interessant. Eine breite Soma-Spur führt etwa über eine Ende der 60er Jahre erschienene Schrift des amerikanischen Bankiers und Pilzforschers Robert Gordon Wasson, der herausgefunden haben wollte, dass es sich beim Fliegenpilz wohl um eine Hauptzutat des magischen Cocktails handelt. Fliegenpilze gehören zur natürlichen Nahrung von Rentieren, sie werden im Hamburger Bahnhof in großen Mengen gut sichtbar als Futter vorrätig gehalten. Ein Pfleger sammelt den möglicherweise halluzinogenen Urin der Tiere. Ist es nicht fantastisch, wie kompatibel selbst durch Jahrzehnte hindurch sich deutsche und amerikanische Exzentrik zeigt?

Mit "Soma" liefert Höller sein vorläufiges Meisterstück, was das Austesten der Möglichkeiten des Tiers in der Kunst betrifft. Zusammen mit seiner Kölner Kollegin Rosemarie Trockel baute er in den Neunzigern zehn sogenannte "Häuser" für Tiere, die – wie er es formuliert – beim Menschen "in Ungnade" gefallen waren, darunter einen Mückenbus, ein Bienen- sowie ein Silberfischchenhaus. Das berühmteste Haus aus dieser Zeit war wohl das für Schweine und Menschen, welches 1997 auf der zehnten Documenta in Kassel für Aufsehen und Debatten sorgte. "Soma aber ist anders", erklärt Höller. "Soma ist kein Rehabilitierungsprojekt, hier geht es nicht um das verunglimpfte Tier". Der paradiesische Zustand, in den die Tiere und die sie betrachtenden Menschen versetzt werden sollen, ist eine riesige Traummaschine, die vielleicht auch ganz ohne das Trinken des drogengesättigten Rentier-Urins funktioniert.

Man könnte dies nun alles als einen großen Kunst-und-Wissenschafts-Schwindel abtun. Man könnte "Soma" aber auch als eine Aktualisierung des Programms des früh verstorbenen Berliner Nationalgalerie-Direktors Dieter Honisch begreifen, der sich immer gewünscht hatte, dass im Hamburger Bahnhof ein erweiterter Begriff von Gegenwartskunst gepflegt würde: "Gegenwart ist nicht nur das, was Künstler heute machen; der Begriff Gegenwart bezeichnet auch die Art und Weise, wie wir Dinge heute sehen." Und da bietet "Soma" tatsächlich eine Unmenge von Anschluss-Punkten an zeitgenössische Diskurse: Das Verhältnis des Menschen zum Tier, das Verhältnis des Menschen zu den Drogen, das Dreieck Tiere, Drogen, Menschen, die Frage nach Räumen, die das Träumen möglich machen und dabei keiner vordergründigen Verwertungslogik unterliegen. Bilder in denen es um verschüttete, exzentrische Geschichten geht. Lebende Bilder vielleicht, bislang ungehörte Geräusche, die man so schnell nicht vergisst. Das Knacken eines Rentiergelenks, zum Beispiel.

Carsten Höller: "Soma"

Termin: bis 6. Februar 2010
http://www.hamburgerbahnhof.de