Whitney Biennale 2010 - New York

Gott weiss, was Amerika im Schilde führt

Ihren inoffiziellen Namen hatte die diesjährige Biennale im Whitney Museum bereits vor der Eröffnung weg: Die 75. Ausgabe mit dem schlichten Titel "2010" sei eine "Frauen-Biennale", verkündeten manche Kulturschreiber erfreut.
Gott weiß, was Amerika im Schilde führt:75. Biennale - Whitney Museum New York

Pae White: "Rauchzeichen"

Bei der diesjährigen Whitney Biennale in New York sind knapp mehr als die Hälfte der Teilnehmer Künstlerinnen: Die erhöhte Frauen-Quote hätte sich ganz von selbst ergeben, versicherte jedoch das Kuratoren-Duo. Ebenso der manchmal düstere, manchmal optimistische, oftmals sehr persönliche Ton, den die Künstler in ihren Arbeiten anschlagen. Während sich die Biennale 2006 lärmend, sexy und in wieder aufgelegter Punk-Rock-Manier präsentiert hatte und sich die Künstler 2008 mit komplizierten Geschichten um sich selbst drehten, hielten die diesjährigen Teilnehmer inne, um ihre Umwelt zu reflektieren.

Die Biennale kommt mit 55 Künstlern nicht nur schlanker als im vergangen Jahr (81 Künstler) daher. Kurator Francesco Bonami, der im Laufe seiner Karriere die Biennale von Venedig (2003) und Ausstellungen mit Künstlern wie Rudolf Stingel kuratierte, und sein Kollege Gary Carrion-Murayari vom Whitney Museum stellten bei ihren Atelierbesuchen fest, dass viele Künstler weniger Arbeiten verkauften und sich dafür mehr Zeit nahmen, mit anderen Medien zu experimentieren. Anstatt in entfernte Sphären zu driften, blieben sie mit ihren Ideen lieber zu Hause. So ist vieles auf den ersten Blick unspektakulär. Laute Auftritte oder ironische Kommentare gibt es nicht. So bescheiden wie sich Kurator Bonami gibt, der sich gern als gescheiteter Maler des Kulturbetriebs und Außenseiter darstellt, kommt auch dessen Whitney-Auftritt daher.

Uncle Sam angetrunken mit einer Champagnerflasche

Das Amerika, in dem die Künstler heute leben, erzählt von anonymen, gleichförmigen Siedungen, die James Casebere in seinem Atelier in Brooklyn aus Pappe aufbaut und täuschend echt auf Fotos inszeniert. Vom Sofa aus Kindertagen, das Jessica Jackson Hutchins mit Zeitungsmeldungen über Präsident Obama bezog. Von Männern, die wie Zuchtbullen mit Krückstocken aus Bierdosen durch die Welt marschieren (die New Yorker Künstlerin Aurel Schmidt). Oder von der dokumentarisch aufbereiteten Geschichte eines Soldaten, der bei einem Selbstmord-Attentat im Irak einen Arm, sein Gesicht, schließlich seine junge Ehefrau und sein altes Leben verlor (die Fotografin Nina Berman). Whitney-Biennale-Veterarin Josephine Meckseper ist mit einer Video-Arbeit vertreten, in der sie das Einkaufszentrum "Mall of America" in Minneapolis mit Hilfe von Farbfiltern und Slow Motion in eine bedrohliche Welt verwandelt. Ihre Aufnahmen mischt die Künstlerin mit Filmmaterial, das die Armee einsetzt, um Soldaten zu werben. Der ebenfalls aus New York stammende Daniel McDonald hat Michael Jackson auf ein Schiff verfrachtet, das menschliche Seelen in das Leben nach dem Tod befördern soll – Uncle Sam ist ebenfalls an Bord und hält sich angetrunken an der Champagnerflasche fest.

Auch die älteste unter den Biennale-Teilnehmern, die 75-jährige Lorraine O'Grady, nahm sich Jackson vor und stellte die Pop-Ikone dem französischen Philosophen Charles Baudelaire gegenüber. Überhaupt wurde der älteren Garde der eigentlich von junger Kunst dominierten Biennale der große Auftritt überlassen. Ob George Condo, die Kalifornierin Pae Withe, die einen kolossalen Wandteppich mit Rauchzeichen liefert oder der Bildhauer Charles Ray, der mit Blumenstudien überraschte und einen ganzen Raum füllen darf.

Der älteren Garde wird der große Auftritt überlassen

Auffällig viele Künstler wie der Bildhauer Thomas Houseago, der das erste Mal eine Arbeit nach New York schickte, leben und arbeiten in Los Angeles. Der Malerei wurde viel Platz eingeräumt. Video-Arbeiten nehmen ihr eigenes Stockwerk ein. Viele von ihnen erzählen von intimen Momenten. Ob Rashaad Newsomes Tänzer, die sich ohne Sounds in einer Endlosschleife von abstrakten Bewegungen befinden. Oder Kate Gilmore, die versucht, sich aus ihrem Verlies aus Rigipsplatten freizutreten. Das vor sechs Jahren gegründete New Yorker Künstler-Kollektiv The Bruce High Quality Foundation, das obendrein am Eröffnungstag im Whitney mit einer Alternativ-Biennale konterte, stellt einen weiß lackierten Krankenwagen im Museum ab. Über die Frontscheibe flimmern Ausschnitte aus Filmklassikern, aus Fernsehsendungen oder den Nachrichten. Dazu erzählt eine weibliche Stimme vom Niedergang der Beziehung zu Amerika, das mal weiblich, mal männlich war, seine oder ihre Gefühle nicht ausdrücken konnte und immer häufiger auf der Couch vorm Fernseher einschlief. "Amerika gab uns nicht die Chance, etwas richtig zu machen", klagt die Stimme. "Gott weiß, was Amerika im Schilde führt."

"Whitney Biennale: 2010"

Termin: 25. Februar bis 30. Mai, Whitney Museum, New York
http://preview.whitney.org/Exhibitions/2010Biennial