MAN SON 1969 - Kunsthalle Hamburg

Blutrünstige Hippies

Jesus trifft auf Charles Manson – die Ausstellung "MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation" in der Hamburger Kunsthalle beschäftigt sich mit der Ambivalenz der Extreme.

Mit geneigtem Kopf und gesenkten Lidern zeigt "Jesus der Schmerzensmann" seine Wunden, drei Engel halten sein Gewand und das Himmelstuch: Christus steht hier für das Leben und den Tod zugleich. Das Bild von Meister Francke, um 1435 entstanden, ist der älteste Bezugspunkt der Ausstellung "MAN SON 1969 – Vom Schrecken der Situation".

"MAN SON" soll in diesem Zusammenhang für "Menschensohn" und damit letztlich für den Erlöser stehen. Den jüngsten geschichtlichen Bezug auf den Titel liefert Charles Manson, der mit den bestialischen Morden an sieben Menschen Ende der sechziger Jahre in den USA für viel Aufsehen und Schrecken sorgte und das Wortspiel des Menschensohns gerne auf sich selber anwandte.

Insgesamt 35 internationale Künstler knüpfen in der Hamburger Kunsthalle an Geschehnisse des Jahres 1969 an: die Morde der "Manson-Family", aber auch die Mondlandung im Juli des Jahres, die Anfänge der RAF oder den Tod eines Besuchers des Rockfestivals in Altamont/Kalifornien, der der in einem Handgemenge mit einem Mitglied der Hells Angels ums Leben kam. "Es soll jedoch keine historische Ausstellung sein", räumt Dirck Möllmann ein, der zusammen mit Frank Barth Kurator der Ausstellung ist.

Die verwinkelten Räumlichkeiten im Untergeschoss der Galerie der Gegenwart erzeugen eine bedrückende Stimmung und das Gefühl des "Gefangenseins". Drei Bilder bilden hier den Auftakt zu gesamten Schau: das schon erwähnte Werk von Meister Francke, Georg Grosz’ "John, der Frauenmörder" von 1918 und eine burleske Malerei von Joe Coleman, der Massenmörder und Darstellungen von Gewalt in akribischer Kleinstarbeit mit dem Pinsel festgehalten hat ("As You Look Into the Eye of the Cyclops, So the Eye of the Cyclops Looks Into You", 2003). In allen drei Gemälden soll es um den titelgebenden "Schrecken" und die "Ambivalenz der Extreme" gehen.

Stromschlag, Hells Angels und Hula-Hoop

18 Arbeiten wurden entweder extra für die Ausstellung angefertigt oder als Leihgaben bereitgestellt. Zum Beispiel ein Schachbrett von Gregor Schneider, das so präpariert wurde, dass der Verlierer durch einen Stromschlag getötet werden würde. Oder auch das Video "Barbed Hula" von Sigalit Landau, das die nackten Hüften einer Frau zeigt, die von einem Hula-Hoop-Reifen umkreist werden: Was eigentlich ein unbeschwertes Kinderspiel ist, wird hier zur Tortur, denn der Reifen ist aus Stacheldraht geformt. Ein Triptychon von Stefan Hunstein zeigt auf großformatigen Fotos ein Porträt von Charles Manson, den Schriftzug der Hells Angels und die Amerikanische Flagge auf dem Mond.

Die restlichen Exponate – von Max Beckmanns "Adam und Eva" bis zu der "Tropfsteinmaschine" von Bogomir Ecker – stammen aus der Sammlung der Kunsthalle Hamburg und wirken zum Teil zu sehr in das Thema eingepasst. Etwa Joseph Beuys’ auf Video dokumentierte Aktion "I like America – America likes Me": Sie zeigt den in Filz eingewickelten Künstlern mit dem Kojoten, mit dem er einige Tage in der Galerie René Block in New York verbrachte. Der Kojote als von den amerikanischen Ureinwohnern verehrtes, von den "Weißen" verabscheutes Tier, mag eine Ambivalenz in sich bergen. Trotzdem erschließt sich nicht, was die Aktion – sie fand 1974 statt – in der Ausstellung zu suchen hat.

Insgesamt macht sich in der Ausstellung "MAN SON 1969" zu oft der Eindruck des Konstruierten breit. Viele Arbeiten erklären sich auch nach genauem Hinschauen nicht. Immer wieder wurde betont, dass es sich nicht um eine biografische Ausstellung über Charles Manson handle, sondern dieser nur als Symbol für die Schrecken der Zeit stünde. Trotz der durchaus unterschiedlichen Herangehensweisen der Künstler bleibt aber letztlich doch Charles Manson die zentrale Figur der Ausstellung – mehr jedenfalls als die beabsichtigte Thematik der "Ambivalenz der Extreme". Anscheinend konnte man sich dem charismatischen Bann des Bösen dann doch nicht entziehen.

"MAN SON 1969 – Vom Schrecken der Situation"

Termin: bis 26. April, Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 1, Hamburg
http://www.hamburger-kunsthalle.de

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