Schere–Stein-Papier - Kunsthaus Graz

Hüpfburg bitte nicht betreten!

Popvordenker Diedrich Diederichsen läßt im Kunstmuseum Graz Popmusik und Kunst aufeinander treffen: Zu sehen sind viele bedeutungsschwangere Gesten – nach einer Definition des Begriffs "Pop" sucht man jedoch vergeblich.

Nur drei Minuten darf man Pop auch spüren, darf zumindest innerlich kreischen, jubeln, mitsingen, wenn die junge schwedische Künstlerin Klara Lidén in der S-Bahn völlig ausflippt. Zum Soundtrack von "Paralyzed" (The Legendary Stardust Cowboy) fliegen nacheinander erst die dicke Winterjacke, dann die klobigen Schuhe, dann die Jeans. Herrlich.

Den Moment hat man sich allerdings hart erkämpfen müssen in der ansonsten düsteren, anstrengend spröden Ausstellung, die Diedrich Diederichsen, der deutsche Vordenker des Pop, für das Kunsthaus kuratiert hat (Katalog: 29,90 Euro).

Während der Titel "Schere – Stein – Papier" noch ein Kinderspiel zitiert, wurde eines von zwei Stockwerken in Graz unters Jugendverbot gestellt. Schuld ist ausgerechnet eine Spielwiese: ein unheimliches Arrangement von Hüpfburgen, die Mike Kelley zu Lasterhöhlen aufgemotzt hat. Im Inneren des "Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll Party Palace" ist alles vorbereitet, um zur Sache zu gehen. Man müsste nur durch einen der Schlitze schlüpfen – aber: "Bitte nicht betreten" hat das Kunsthaus auf den Boden davor gedruckt. Die Pop-Industrie ist eben bloß knallbunte Sexshow, protzige Inszenierung, lautes Marketing-Gebläse.

Um diese Binsenweisheit sichtbar zu machen, hätte es aber weder den von Kelley betriebenen monströsen Aufwand noch das lästige Jugendverbot gebraucht. Und so blei­ben vom Großteil dieser selbstzweifleri­schen Konzeptkunst, die sich an selbstzweifleri­schem Konzeptpop abarbeitet, am Ende nur bedeutungsschwangere Gesten. Nie wird klar, was der Begriff Pop hier überhaupt be­deutet, und viel zu selten zündet der Funke, der doch spürbar sein müsste, käme es in diesem sperrigen Meta-Diskurs tatsächlich zu jenen "Reibungsgewinnen" zwischen Musik und bildender Kunst, die Diederichsen, unter Anführung von knapp 20, teils eng befreundeten Künstlern, versprochen hat. Es siegt das Papier – vor Schere und vor Stein.

"Schere–Stein-Papier"

Termin: bis 30. August, Kunsthaus Graz
http://www.kunsthausgraz.steiermark.at/cms/ziel/4942250/DE/

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