Timm Ulrichs - Interview

Das Denkabenteuer muss weiter gehen

Timm Ulrichs (*1940) ist nach eigenen Angaben einer der produktivsten Konzeptkünstler Deutschlands. Vor fünf Jahren feierten das Sprengel Museum und der Kunstverein Hannover den Künstler mit einer gemeinsamen Ausstellung. Im art-Interview sprach er damals über zeitgenössische Plagiate und einen Vorreiter von Facebook – ihn selbst.
Was hat ein Polke im Vergleich dazu schon gemacht?:Timm Ulrichs

Timm Ulrichs im Sprengel Museum Hannover

Im Rahmen der Ausstellung in Hannover erhält man auf der Homepage des Kunstvereins Tag und Nacht via Livestream Einblick in Ihr Atelier. Was gibt es dort zu sehen?

Mein Atelier ist zugleich mein Wohnraum und vollgestopft mit Materialien. Diese so genannte Zimmergalerie habe ich 1961 gegründet und dort ab 1969 monatlich Ausstellungsideen veröffentlicht. Die ganze Kunstgeschichte der letzten 40, 50 Jahre ist dort durch Briefwechsel, Einladungskarten, Zeitschriften und Ähnliches dokumentiert.

Und jetzt wird der Zuschauer via Internet zum "Big Brother"?

Ich habe mich ja bereits 1961 in einen Glaskasten gesetzt und zum Kunstwerk erklärt und damit öffentlich gemacht. Vor einiger Zeit hat Lambert Wiesing einen Text über "Big Brother" und mich beziehungsweise den Menschen, der sich selber ausstellt, geschrieben. Auch habe ich mich viel mit dem Thema Überwachung befasst und 1971 beispielsweise bei der experimenta in Frankfurt einen Detektiv auf mich ansetzen lassen, der ein Observationsprotokoll über mich verfasst hat. Zehn Jahre später hat übrigens Sophie Calle dasselbe gemacht und ist damit groß ’rausgekommen. Meine Pionierarbeit ist leider – wie so viele Dinge, die ich gemacht habe – vergessen worden.

Waren Sie Ihrer Zeit vielleicht einfach voraus?

Nein, man ist der Zeit nie voraus. Die anderen hinken eher hinterher. Ceal Floyer hat in den Kunstwerken Berlin letztes Jahr mit Schmierzetteln aus Schreibwarenläden eine ganze Etage bespielt. Bereits 30 Jahre vorher habe ich das gemacht, was auch in meinen Katalogen dokumentiert ist. Aber die meisten meiner Ideen finde ich bei Jonathan Monk wieder. Er hat wie ich Übersetzungsgeschichten gemacht oder seinen eigenen Grabstein ausgestellt. Ich kann mich aber nicht allzu sehr um die Folgen meines bisherigen Schaffens kümmern. Ich möchte weitergehen und Neues schaffen, wie die Tier-Präparate "Wolf im Schafspelz – Schaf im Wolfspelz". Es hat ein ganzes Jahr gedauert, bis ich die Genehmigung des Bundesnaturschutzamtes Bonn hatte, da ich erst glaubhaft machen musste, dass die Würde des Wolfes nicht angetastet würde. Ich beziehe mich ja auf das Matthäus-Evangelium, in dem der Wolf negativ dargestellt wird. In meiner Arbeit verschwistert sich dieser nun mit einem Lamm, dem Unschuldsbild schlechthin.

Ludwig Seyfarth zieht in seinem Katalogtext eine Verbindung zwischen Ihnen und der Erfindung von Facebook. Stimmen Sie mit ihm überein?

Man kann das durchaus so sehen. 1973 habe ich Annoncen geschaltet mit dem Angebot, einen berühmten Künstler zum Freund zu bekommen. Alle, die sich meldeten, bekamen eine Urkunde von mir. Daraus resultierte so etwas wie ein Netzwerk. Es ist aber gang und gäbe, dass Künstler oder Philosophen etwas vordenken und danach andere diese Ideen populär machen. Einerseits ist Verbreitung ja nicht schlecht, aber gleichzeitig geht damit ein Bedeutungsverlust einher. Wie die Redewendung sagt: Getretener Quark wird breit, aber nicht stark.

Nutzen Sie selbst Facebook?

Nein, gar nicht. Ich habe keinen Computer. Keinen Fotoapparat. Ich will mich damit nicht belasten. Und wenn ich ein Foto brauche, hole ich mir einen Fotografen.

Durch welche Künstler sind Sie beeinflusst worden?

Marcel Duchamp, Raoul Hausmann, René Magritte, aber ganz besonders schätze ich Dieter Roth. Seine Vielseitigkeit und die Breite seines Oeuvre imponieren mir. Außerdem ist er neben mir derjenige deutsche Künstler der Nachkriegszeit, der extrem viele Ideen in die Welt gesetzt und doch so wenig Annerkennung dafür gefunden hat. Was hat etwa ein Sigmar Polke im Vergleich dazu schon gemacht? Dennoch: In deutschen Museen ist bisher kaum etwas von mir zu finden.

Waren Sie je kurz davor, mit der Kunst aufzuhören?

Nein. Was soll ich denn sonst machen? Aufhören kann ich nicht. Das wäre, als würde ich mit meinem Leben aufhören. Und so nenne ich all meine Tätigkeiten eben "Totalkunst". Ob andere das als Kunst akzeptieren, ist von sekundärer Bedeutung.

Meint Jonathan Meese das Gleiche wie Sie, wenn er sich als Totalkünstler bezeichnet?

Für mich bedeutet Totalkunst, alle Medien in Anspruch zu nehmen, in jede Richtung zu denken und die unterschiedlichsten Themen zu berühren. Jonathan Meese ist ja nur ein infantiler, in Regression schwelgender Jüngling, der seine Kinderstube nicht verlassen will. Wenn der von Totalkunst spricht, ist das wohl ein großes Missverständnis.

Sie sind der Überzeugung, Kunst und Leben seien nicht voneinander zu trennen. Ist demzufolge alles, was Sie machen Kunst?

Das ist natürlich eine Frage der Intentionalität.

Sie haben mal geplant, dass Ihr Leben von Geburt bis zum Tod ununterbrochen gefilmt werden soll. Welche Bedeutung hat denn das Medium Film für Sie?

Für mich sind zunächst alle Medien und Techniken gleichwertig. Was sie schließlich im Einzelnen wichtig macht, sind die verschiedenen Ideen, die sich damit umsetzen lassen. Früher habe ich vor allem konkrete Poesie gemacht. Mit dem Text "Ordnung – Unordnung“ etwa bin ich in unzähligen Schulbüchern zu finden. So ein Text hat nicht viel gekostet. Filme hingegen konnte ich mir früher nicht leisten. In den letzten 20 bis 30 Jahren hat sich da aber eine Menge gewandelt.

Eine Aktion von 1981 ist jedenfalls unschwer als Referenz an den Film zu lesen: Damals haben Sie sich "The End“ aufs rechte Augenlid tätowieren lassen. Würden Sie es wieder tun?

Da es dauerhaft ist, brauche ich es ja nicht noch einmal zu tun. Das reicht für ein ganzes Leben.

Betreten der Ausstellung verboten! Timm Ulrichs. Werke von 1960 bis 2010

Termin: vom 28. November 2010 bis zum 13. Februar 2011 im Sprengel Museum Hannover und im Kunstverein Hannover

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