Rauch, Gursky, Meese - New York

Deutscher Herbst

Die dunkle Jahreszeit in New York gehört den deutschen Künstlern. Wenige Tage bevor Gerhard Richter mit neuen Höchstpreisen die Auktionen anführte, eröffneten Neo Rauch und Andreas Gursky am gleichen Abend ihre Ausstellungen bei David Zwirner und Gagosian. Während Jonathan Meese im Namen der Kunst auf das Publikum in der Bortolami Gallery einschimpfte.
German Art:Rauch, Gursky und Meese in New York

Neo Rauch: "Aprilnacht", 2011

Unter dem Titel "Heilstätten" zeigte Neo Rauch in seiner fünften Solo-Show bei David Zwirner 13 neue Werke, darunter auch eine Bronzeskulptur. Seine erste bildhauerische Arbeit hatte der Künstler erst im April auf der Art Cologne in Form eines schwarz patinierten Zentauren mit Benzinkanistern ("Nachhut") vorgeführt. Zu Titel und Leitfaden der New Yorker Ausstellung hatte sich Rauch von einem Straßenschild zu den Beelitzer Heilstätten inspirieren lassen. Eine vor sich dahin rottende ehemalige Krankenhausanlage im Südwesten Berlins, die vor dem Krieg als Lungenklinik diente.

Rauchs verschachtelte Traumsequenzen werden von gefallenen Engeln, eifrigen Buchhaltern oder weisen Eulen bevölkert, die auf der Bühne, die ihnen der Künstler kreierte, absonderliche Dinge anstellen. Der Himmel über dieser ostdeutschen Landschaft ist bedrohlich verhangen. Es scheint Herbst oder Frühling zu sein. "Ich mag die Zeit der Übergänge", erzählte der Künstler, der in dem großformatigen Gemälde "Das Kreisen" noch am Vortag ein Paar Schuhe eingearbeitet hatte. Anstatt auf Interpretationen einzugehen, verglich er seine Bilder mit einem Naturereignis, das sich vor dem Betrachter auftut. "Eine Malerei ist für mich wie eine Pflanze. Sie muss atmen, wachsen", meinte Rauch beim Galerienrundgang. "Einen Kaktus würde ich auch nicht fragen, welche Bedeutung er hat."

Inmitten der Ausstellung steht Rauchs Skulptur der Göttin Athena. Die gewichtige Falknerin hat eine Eule auf ihrem ausgestreckten Arm sitzen, Männer und Knaben wachsen aus ihrer Brust empor. Die Sehnsucht nach Heilung ist allgegenwärtig. In Rauchs verworren-geschäftiger Welt wirkt "Die Jägerin" mit all ihrer weiblichen Kraft wie eine gewaltige Stütze. Auf einem der Bilder lehnt sich ein Mann über die Schulter einer Frau, um ihr Zuspruch zu geben. Ein Koloss von einem Mann, der offensichtlich durch seine Krankheit geschwächt ist, wird in "Heilstätten" gestützt. In "Aprilnacht" hebt ein Mann auf der Suche nach Weisheit oder Wahrheit den Kopf einer Eule empor. In "Born" liegt ein Gutshaus, vielleicht die Heilstätte, in einer dieser typisch deutschen Landstriche, deren Landschaft in den düsteren Himmel überfließt.

Globale Erwärmung

Dort, wo Neo Rauchs Kunst ihren Ursprung hat, gründete der Künstler vor kurzem gemeinsam mit seiner Galerie Eigen + Art eine Stiftung. Rauch überließ sein grafisches Werk dem 30 000-Einwohner-Städtchen Aschersleben in Sachsen-Anhalt, wo er nach dem Tod seiner Eltern bei seinen Großeltern aufwuchs. Im Juni 2012 wird Eröffnung gefeiert. Ab dann werden zwei Mal im Jahr wechselnde Ausstellungen gezeigt. Und Neo Rauch-Anhänger können auf dem Weg nach Aschersleben die Landstriche durchfahren, die sie auf seinen Bildern sehen, so seine Galeristin Kerstin Wahala.
Nur zwei Blocks weiter bei Gagosian führte Andreas Gursky seine "Oceans"-Serie von 2009 und 2010 vor, auf der er Satellitenfotos, die er im Internet gefunden hatte, mit künstlich kreierten Ozeanen kombinierte. Die Bilder stellen in ihrer Klarheit, Kälte und Distanz einen bitterschönen Kommentar zum Thema Globale Erwärmung dar. Auf die Idee zu der Serie war Gursky während eines Nachtfluges gekommen, als er gelangweilt auf den Monitor starrte, der die Position des kleinen weißen Fliegers in den endlos blauen Wassermassen anzeigte. Er stellte sie seiner neuen "Bangkok"-Serie gegenüber, in der er der Natur mit seiner Kamera näher rückte und den Chao-Phraya-Fluss in Bangkok mit seinen Reflektionen ablichtete. Die Bilder wirken wie gemalt, bis das Auge den Müll entdeckt, der über das Wasser zu tanzen scheint.

"Kunst illustriert niemals beschissene Realität"

Am selben Abend hämmerte Jonathan Meese bei Bortolami auf der 20th Street seine Botschaften auf die Besucher ein, die sich in die Galerie drängten. Meese in schwarzer Lederjacke hatte die Galerie mit schwarzen Sperrholzbauten in eine Trutzburg für die Kunst verwandelt, in der auch ein mit Thermoskannen ausgestatteter Altar nicht fehlte und in der sich drei Skulpturen gegen die Kunst aufzulehnen schienen oder von ihr zu Fall gebracht wurden. "Kunst ist Politik", "Demokratie ist beschissen", "Kunst illustriert niemals die beschissene Realität", lamentierte Meese. Eine Wand in der Galerie war mit Bildern aus seinem Familienalbum gepflastert, die Meese mit Aufrufen aus seinem Manifest versehen hatte. Wem der lärmende Kunstaktionismus zu viel wurde, der suchte am besten Zuflucht bei Neo Rauchs Falknerin, die einen in all ihrer Ruhe und Andacht wieder zurück auf den Boden beförderte.

Neo Rauch: David Zwirner, bis 17. Dezember
Andreas Gursky: Gagosian, bis 17. Dezember

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