Elmgreen & Dragset - München

Kunstsafari in der Münchener Innenstadt

Ein leerer Sockel und ein Megaphon – Elmgreen & Dragset sprechen im Interview mit art über ihr Langzeitkunstprojekt in der Münchner Innenstadt, dessen Funktion der sozialen Interaktion und die Vorteile ortsbezogener Kunst.
"Wie Unkraut aus dem Boden":Das Kunstprojekt von Elmgreen & Dragset

Elmgreen & Dragset, Kuratoren von "A Space Called Public/Hoffentlich Öffentlich", einem Kunstprojekt im öffentlichen Raum München

Das Reiterstandbild von Maximilian I. auf dem Münchner Wittelsbacherplatz hat Konkurrenz bekommen. In unmittelbarer Nähe des Kurfürsten erhebt sich seit einigen Tagen ein leerer Sockel.

Das Künstlerduo Stephen Hall & Li Li Ren haben ihn nach dem Vorbild des Fourth Plinth auf dem Londoner Trafalgar Square geschaffen. Dort wurde ein aus Kostengründen zunächst leer gelassener Sockel zu einem spannenden Ort für Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Stephen Halls und Li Li Rens "4th Plinth Munich" bildet den Auftakt für das umfangreiche Ausstellungsprojekt "A Space Called Public/Hoffentlich Öffentlich". Über den Zeitraum von einem Jahr realisieren internationale Künstler wie zum Beispiel Henrik Olesen, David Shrigley, Han Chong oder Tatiana Trouvé ihre Projekte an zentralen Orten in München. Das 1,2 Millionen Euro teure Projekt im öffentlichen Raum wird von dem skandinavischen Künstlerduo Elmgreen & Dragset auf Einladung der Stadt München kuratiert.


art: Welche Projekte haben Sie für München geplant?

Elmgreen & Dragset: Wir planen eine Art Kunstsafari in der Münchener Innenstadt, bei der man mit Ungewohntem und Überraschendem konfrontiert wird. Den Anfang machen Stephen Hall und Li Li Ren mit ihrem "4th Plinth Munich" am Wittelbacherplatz, zu dem ein Wettbewerb mit acht eingeladenen Künstlern gehört. Eine Jury wählt im März den Gewinner, der dann bis Juni sein Projekt auf dem Fourth Plinth realisieren wird. Als nächstes wird unsere Performance "It’s Never Too Late To Say Sorry" auf dem Odeonsplatz aufgeführt. Pünktlich wie das Glockenspiel auf dem Marienplatz nimmt ein Performer täglich um 12 Uhr mittags ein Megaphon aus einem Glaskasten und ruft "Es ist niemals zu spät, Entschuldigung zu sagen." Wir beziehen uns damit sowohl auf die politische Bedeutung des Odeonsplatzes im Nationalsozialismus, als auch auf die alltäglichen Erfahrungen der Menschen. Aber wir wollen noch nicht zu viel verraten, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Die Projekte sollen nacheinander wie Unkraut aus dem Boden schießen und eine gewisse Störung im Stadtraum verursachen.

Was hat Sie gereizt, in München ein so umfangreiches Projekt zu realisieren?

Wir sind ein bisschen müde geworden, Teil eines internationalen Kunstzirkus zu sein, mit Events, bei denen man ein paar Tage für den Aufbau hat, Ausstellungseröffnungen, bei denen man die große Kunstfamilie trifft, aber eigentlich nichts von der Umgebung mitbekommt. Deshalb wollten wir keine Ausstellung machen, die wir mit dem Begriff "Fly in – Fly out Curating" umschreiben, sondern ein Projekt über einen längeren Zeitraum entwickeln, das sich langsam in der Stadt ausbreitet. Dabei werden wir von einer Vielzahl an Künstlern unterstützt, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem öffentlichen Raum in München auseinandersetzen.

Warum haben Sie als Anfangsprojekt den "4th Plinth Munich" von Stephen Hall & Li Li Ren ausgewählt?

München ist eine schicke, leichtlebige und heitere Stadt. Es gibt keine wirklichen Probleme. Das kann aber auch lähmend sein. Deshalb sagen wir, dass München ein Problem braucht, um aus der alltäglichen Routine auszubrechen. Der Sockel ist eine Leerstelle im öffentlichen Raum. Er ist das Werk eines irischen Künstlers und einer chinesischen Künstlerin über ein sehr bekanntes in London beheimatetes Projekt, das sie nach München verfrachten. Es wird sicher eine Menge Verwirrung stiften, weil wir mit unterschiedlichen Formaten spielen.

Was bedeutet für Sie öffentlicher Raum?

Wenn in den Medien über den öffentlichen Raum berichtet wird, geht es meistens um Verbrechen, Probleme der Infrastruktur oder des Transportwesens. Dabei ist der öffentliche Raum viel besser als sein Ruf. Er ist ein gemeinschaftlicher Ort, wo Bürger miteinander interagieren. Die Vorstellung, durch das Internet mit vielen Leuten überall auf der Welt verbunden zu sein, ist sehr verführerisch. Für das Selbstverständnis einer Stadt ist es aber wichtig, dass die Bürger in der realen Welt miteinander agieren. Mit unserem Projekt wollen wir Menschen dazu anregen, reale Erfahrungen zu machen und München auf eine neue Art und Weise kennenzulernen. Für den 6. Juni, wenn auch schon die meisten Projekte zu sehen sind, ist ein Stadtfest mit Konzerten, Künstlergesprächen und Diskussionsrunden zur Kunst im öffentlichen Raum geplant. Bis dahin können sich die Leute auf unserer neuen Webseite www.aspacecalledpublic.de auf dem Laufenden zu halten.

A Space Called Public/Hoffentlich Öffentlich

Kunstprojekt im öffentlichen Raum der Stadt München, kuratiert von Elmgreen & Dragset
http://www.aspacecalledpublic.de

Mehr zum Thema auf art-magazin.de