When attitudes become form - Venedig

Ein kraftloses Veteranentreffen

Versuch einer Rekonstruktion von Harald Szeemanns Berner Ausstellung

Es war der Beginn einer legendären Ausstellerkarriere, es war die Gründungsveranstaltung einer neuen Kunst nach Zero, Pop und Abstraktion, es war ein nie mehr wiederholter Mix aus Minimal Art, Konzeptkunst, Fluxus-Resten und Arte Povera – Harald Szeemanns berühmte Ausstellung "Live in Your Head – When Attitudes Become Form" in der Berner Kunsthalle im Frühjahr 1969.

Was weiß man noch? Man weiß nicht mehr viel. Es gibt den Katalog, es gibt ein paar zeitgenössische Beschreibungen, ein paar Erinnerungen und die prall gefüllte Hängetasche in Szeemanns nachgelassenem Archiv. Nun hat sich ein Zeitzeuge, der italie­nische Kurator Germano Celant, an die Rekonstruktion gemacht. Hat im Auftrag und im venezianischen Palast der Fondazione Prada zusammen mit Rem Koolhaas und Thomas Demand viel innenarchitektonische Mühe darauf verwandt, die ehemaligen Wände und Böden der Berner Kunsthalle maßstabsgerecht nachzubauen oder doch so zu markieren, dass man einen Eindruck von der gedrängten Bühne bekommt.

Das führt freilich zu ziemlicher Verwirrung, und ohne Anleitungsheft in der Hand verliert man rasch die Orientierung und die Übersicht ohnehin. Schon gar nicht stellt sich bei diesem streng archäologischen Verfahren so etwas wie Stimmung ein. Was es denn in Wahrheit war, was dieser Ausstellung zu so viel Ruhm verholfen hat und sie am beschaulich helvetischen Ort zu einem veritablen Skandal hat werden lassen. Es wird alles nicht mehr recht verständlich.

Kühl, kraftlos liegen die Dinge auf dem Boden, als seien sie aus der Asche eines längst heruntergebrannten Feuers geholt worden. Damals schienen sie auf eine Art heiß zu sein, gut geladene Akkus, die eben erst vom Netz einer chaotischen Ausstellungseinrichtung genommen worden waren. Nie zuvor, hat Harald Szeemann erzählt, habe er sein Haus so geladen mit Energien erlebt wie in den Tagen vor der Eröffnung, als die Künstler eintrafen und ihre spröden Skulpturen und Installationen aufgebaut haben. Und wohl war es diese nachklingende aktionistische Atmosphäre, die noch am ehesten verriet, was mit dem immer etwas rätselhaften "Attitüden"-Titel gemeint war.

Germano Celant, der seinerzeit Szeemanns Mittelsmann für den Part der Art Povera gewesen war, ist es immerhin gelungen, einen Großteil der noch verfügbaren Arbeiten aus Museums- und Privatsammlungen zusammenzutragen. Aber viel mehr als ein Veteranentreffen, eine etwas biedere Dokumentation hat aus dem ambitiösen "Reenactment" nicht werden können.

When Attitudes Become Form: Bern 1969/Venedig 2013

Venedig, Fondazione Prada
1.6.–3.11

Zur Ausstellung ist eine Dokumentation des histori­schen Ereignisses erschienen, sie kostet 90 Euro
http://www.prada.com/en/fondazione/cacorner#exhibition!