Heinrich Kühn - Albertina Wien

Der Maler mit der Linse

Vor gut 100 Jahren wurden die Fotografien Heinrich Kühns in Galerien und Fachzeitschriften als Meisterwerke gefeiert, heute erinnert sich kaum jemand an ihn. Nun widmet die Albertina Wien dem in den Hintergrund geratenen Vorreiter die bislang größte und erste Einzelausstellung weltweit.

Auf den ersten Blick scheinen die Fotografien Heinrich Kühns am Papier zu zerfließen. Weiche, milchige Konturen erzeugen eine schwebende, fast melancholische Stimmung. Es fehlen jegliche scharfen Linien und die sonst in der Fotografie übliche harte Präzision, Kühns Bilder verschwimmen vor dem Auge des Betrachters, ohne jedoch an Direktheit zu verlieren.

Kühn gilt als Pionier der Kunstfotografie im beginnenden 20. Jahrhundert, er experimentierte im Bereich der Aufnahmetechnik und Farbfotografie, fertigte Studien zu Farbtonwerten an und erforschte die Möglichkeiten verschiedener Beleuchtungsarten. Nicht nur aufgrund seiner foto-technischen Fertigkeiten wurde Kühn von den Kollegen und Kritikern seiner Zeit aufs Höchste geschätzt, auch der Inhalt und die Komposition seiner Bilder brachten ihm große Anerkennung ein. Nun widmet die Albertina Wien dem in den Hintergrund geratenen Vorreiter eine große Einzelausstellung, danach wird sie im Musée d’Orsay in Paris und im Museum of Fine Arts in Houston/Texas zu sehen sein.

Aus gutem Elternhause stammend, war es Kühn möglich, sein Leben völlig seiner Leidenschaft Fotografie zu widmen und sich gänzlich auf die Entdeckung und Erforschung neuerer, besserer Möglichkeiten der Foto-Technik zu konzentrieren. Kühn fürchtete im Aufkommen der professionellen Fotostudios eine Hinwendung der "Lichtbildnerei" zum Banalen und sah darin den Niedergang der Fotokunst zum reinen Dokumentationsmittel von Familienereignissen. Für den künstlerisch interessierten und gebildeten Kühn stellte die Fotografie nicht die nur Möglichkeit einer bloßen Abbildung dar, sondern er sah sie als Ausdrucksmittel kreativer Visionen und als künstlerisches Medium von eigenem schöpferischen Potential. Oberstes Ziel Kühns war, wie des "Wiener Camera - Clubs", dem er angehörte, die Fotografie als selbstständige, mit Malerei und Grafik gleichrangige Kunstgattung zu etablieren.

Der Verlust der Schärfe

Der Einsatz verschiedenster Produktionsverfahren machte es Kühn möglich das starre, klare Erscheinungsbild der herkömmlichen Abbildungs-Fotografie zu verlassen und das Malerische in den Vordergrund zu rücken. Besonders der Gummidruck eignete sich gut, um Schärfe und Detailgenauigkeit zugunsten von fließenden Übergängen und graziler Verschwommenheit verschwinden zu lassen. Natürlich spielte auch die Wahl des Papiers eine wesentliche Rolle, von der Rauheit des Untergrundes hängt schlußendlich die Verteilung und Haftung der Pigmente ab. "Was schließlich das Bild erzeugt, entspricht in seiner Materialität tatsächlich mehr Kohlezeichnungen, Lithografien oder Holzschnitten als konventionellen Fotografien", schreibt Monika Faber, die zusammen mit Astrid Mahler als Kuratorin fungierte, im Ausstellungskatalog über die ausgeklügelten Herstellungsverfahren Kühns.

Einen wichtigen Platz in Kühns Karriere nimmt der New Yorker Galerist und Künstler Alfred Stieglitz ein, mit dem er bis zu seinem Tod regen Meinungs- und Gedankenaustausch pflegte. Bereits um 1906 stelle Stieglitz die Arbeiten Kühns in seiner renommierten Zeitschrift "Camera Work" und in seiner "Galerie 291" einem breiteren, internationalen Publikum vor, ihm ist es auch zu verdanken, dass bedeutende Institutionen wie das Museum of Modern Art New York bereits zu Kühns Lebzeiten dessen Bilder erwarben. Kühns Werk erfreute sich bis 1910 international großer Beliebtheit und Bewunderung, so setzt sich auch die Ausstellung in der Albertina aus zahlreichen Leihgaben aus ganz Europa sowie den USA zusammen.

Nach 1910 ließ die Aufmerksamkeit an Kühns Schaffen jedoch merklich nach, einerseits zog er sich zunehmend aus dem internationalen Geschehen zurück, andererseits konnte oder wollte er nicht mehr den sich laufend weiterentwickelnden Ansprüchen der modernen Fotografie entsprechen. Kühn wandte sich zunehmend den technischen Aspekten der Fotografie zu, auch aufgrund finanzieller Schwierigkeiten gründete er eine Foto-Schule, die er allerdings nach zwei Semestern wieder schließen musste.

Fokussierung Kühns auf den Familienkreis

"Die vollkommene Fotografie" zeigt mit über 150 Werken die bisher größte Einzelausstellung Kühns. Sowohl frühe, postimpressionistische Landschaftsbilder und Porträts, als auch spätere Inszenierungen familiärer Idylle sind zu sehen und bieten erstmals einen Überblick über Kühns Gesamtwerk. Die Fokussierung Kühns auf den Familienkreis hielt auch nach dem Tod seiner Frau an, die ihm angeblich verbot andere Motive abzulichten ("andere Modelle darf ich ja nicht haben", so Kühn). So sind auch einige Aktbilder der Kinderfrau und späteren Haushälterin Mary Warner in der Ausstellung vertreten, worin sich bereits die aufkommende Stilrichtung des Neuen Sehens erahnen lässt, einer vom Bauhaus ausgehenden fotografischen Philosophie der zwanziger Jahre.

Ebenfalls ausgestellt sind zahlreichen Stillleben und Studienobjekte, die Kühn oft über Jahre hinweg aus der selben Perspektive fotografierte, um den Lichteinfall und dessen Veränderung untersuchen zu können – sie geben einen guten Eindruck von der an Pedanterie grenzenden Genauigkeit, mit der Kühn Zeit seines Lebens auf der Suche nach den idealen Möglichkeiten war, seine Vorstellungen von Fotografie umsetzten zu können.

"Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie"

Termin: bis 29. August, Albertina Wien; Katalog: "Die vollkommene Fotografie", Hatje-Cantz, 29 Euro
http://www.albertina.at